[Rezi] Turbo-Fate

Turbo-Fate

[Turbo-Fate von Fred Hicks u. a., Grundregelwerk, Uhrwerk Verlag, 72 S., Softcover, deutsch, 9,95 €]

Die folgende Rezi wurde für den Ringboten verfasst. Er hat andere Ansprüche an eine Rezi als mein kleiner Blog hier und ist deshalb wie eine „normale“ Rezi strukturiert, obwohl über Fate bereits so viel geschrieben wurde, dass man eigentlich kaum noch etwas hinzufügen kann. Ich hoffe, ich habe eine gute Beschreibung abgeliefert, die auch für die Leute etwas hinzufügt, die schon über Fate gelesen haben. Alle anderen seien an die letzten Abschnitte verwiesen, in denen ich kurz auf die Unterschiede zur englischen Ausgabe eingehe.

„Fate“ ist ein Riese unter den Indie-Rollenspielen. Der Kickstarter, der die dritte Edition finanzieren sollte, war massiv erfolgreich und brachte nicht nur „Fate Core“ hervor sondern auch eine einfache Einstiegsversion des Spiels und diverse Quellenbücher. „Fate“ ist ein erzählerisches Spiel, das funktioniert, und nun endlich liegt auch eine deutsche Übersetzung vor. Die kurze Einstiegsversion trägt auf Deutsch den Titel „Turbo-Fate“.

Es wurde schon viel über „Fate“ geschrieben. Wer das Spielprinzip bereits kennt, findet unten einen Vergleich zwischen deutscher und englischer Ausgabe. Im Prinzip ist das Spiel einfach, unterscheidet sich aber recht stark von vielen klassischen Rollenspielsystemen, was für die meisten Gruppen eine überdurchschnittlich lange Eingewöhnungsphase bedeuten dürfte. Einen guten Eindruck und einen günstigen Einstieg verspricht „Turbo-Fate“. Es handelt sich um eine Übersetzung der „Fate Accelerated Edition“ (FAE). Das Heft ist in DIN A5 gehalten und mit übersichtlichem, gut lesbarem Layout ausgestattet. Nebenbei ist es auch noch hübsch anzusehen. Der Preis von 9,95 EUR ist hervorragend. Als PDF bekommt man das Spiel unter http://www.faterpg.com sogar kostenlos.

Charaktere werden durch drei Dinge beschrieben: Aspekte, Methoden und Stunts. Die Aspekte beschreiben, wer oder was die Spielfigur ist und werden vollkommen frei gewählt. Die Festlegung der Aspekte ist der für Neulinge schwierigste Teil des Spiels. Um sie dreht sich alles. Optimale Aspekte haben sowohl positive als negative Auswirkungen auf die Figur. Beispiele könnten sein: „Ich kannte da mal jemanden …“, „Gejagt vom Clan der blutroten Ninjas“ oder „Barbarenhäuptling aus den hohen Norden“.

In „Turbo-Fate“ beschreiben die Aspekte außerdem, was eine Figur kann. Ein Barbarenhäuptling aus dem Norden kann wahrscheinlich gut kämpfen und jagen. Je nach Spielwelt kann er vielleicht im Lendenschurz durch den Schnee gehen, ohne zu frieren. Dafür hat er aber auch Probleme, bestimmte Aspekte der Zivilisation zu verstehen und vielleicht Angst vor Magie. Im Spiel bedeutet das, dass der Spieler durch die Aspekte Vorteile wie Würfelboni bekommen kann, aber auch Nachteile, die ihn zwar behindern, dafür aber wertvolle Fate-Punkte bringen. Fate-Punkte sind die zentrale Währung von „Fate“. Vorteilig eingesetzte Aspekte kosten Fate-Punkte, nachteilig angespielte Aspekte bringen Fate-Punkte. So bleibt das Spielgleichgewicht immer gewahrt. Außerdem haben die Spieler so einen Grund, ihre Nachteile im Spiel sehen zu wollen.

Statt Fertigkeiten, wie sie in anderen Rollenspielen (und auch dem normalen „Fate Core“) zu finden sind, gibt es in „Turbo-Fate“ die so genannten Methoden. Diese beschreiben nicht, was eine Figur kann, sondern wie sie es macht. Es gibt sechs Methoden: Flink, Kraftvoll, Tollkühn u. a. Sie haben Werte zwischen 0 und +3. Wird eine Probe verlangt, würfelt der Spieler, zählt den Wert hinzu und vergleicht das Ergebnis mit einem Mindestwert. Dabei benutzt er so genannte Fate-Würfel. Das sind 4 sechsseitige Würfel, die entweder +, 0 oder – anzeigen. Sie werden addiert, was zu einem Wert zwischen –4 und +4 führt. Will eine Figur also möglichst schnell eine Felswand erklimmen, würfelt +, +, 0 und – und hat Flink +2, führt das zu einem Ergebnis von +3. Hat der Spielleiter vorher eine Schwierigkeit von +3 oder geringer festgelegt, ist die Probe gelungen.

Als letztes wird mindestens einen Stunt für eine Figur festgelegt. Stunts beschreiben Besonderheiten, die der Figur zwar Vorteile bringen, aber nicht wichtig genug für einen Aspekt sind. Das können Gegenstände, besondere Fähigkeiten, Kontakte oder andere Dinge sein.

Der Handlungsablauf gestaltet sich am Spieltisch relativ abstrakt. Manche Würfelwürfe werden zwischen Spielleiter und Spieler verhandelt. Aspekte werden entweder vorteilig oder nachteilig angespielt, was zum Fluss von Fate-Punkten führt und vor allem direkt die Spielwelt beeinflusst. Das mag mancher vielleicht als Nachteil empfinden, doch erlaubt es eine ungeheure Flexibilität. Ein Superheldenspiel, das sich eher auf Drama und Charakterisierung fokussiert, könnte die Superfähigkeiten beispielsweise als Stunts beschreiben. Will sich die Gruppe lieber auf die coolen Fertigkeiten konzentrieren, sind diese vielleicht Aspekte. So oder so gibt es immer ein erzählerisches Gleichgewicht.

Das Heft ist übersichtlich in Text und Bild. Man findet schnell, was man sucht, die Erklärungen sind deutlich und mit guten Beispielen versehen. Kurze Listen und Zusammenfassungen helfen, sich einzufinden. Der Druck ist zweifarbig (schwarz und rot). Es gibt reichlich Bilder.

Das Buch wurde gegenüber der englischen Ausgabe vollkommen neu gestaltet. Schon im Original wurde ein stilistischer Unterschied zwischen „Fate Core“ und FAE gemacht. Das kürzere FAE hat Bilder, die Richtung Comic oder Manga gehen. Das deutsche „Turbo-Fate“ setzt da noch einen drauf und gestaltet die Bilder noch flächiger und weniger „realistisch“. Die Motive orientieren sich deutlich am Original ebenso wie das Layout.

Die Übersetzung ist gut gelungen. Besonders schwer dürfte es gewesen sein, die Methoden („Approaches“ im Original) zu übersetzen. Im Englischen sind sie sehr griffig: Flashy, Careful, Clever. Dafür ebenso passende Ausdrücke im Deutschen zu finden, ist nicht einfach, aber der Crew wie gesagt gut gelungen. Auch der Rest liest sich hervorragend. Zusammen mit der Tatsache, dass das Original in Schwarzweiß gehalten ist und Turbo-Fate eine Farbe drauflegt, gibt es eigentlich keinen Grund, warum man zur englischen Ausgabe greifen sollte.

Fazit: Wer auf der Suche nach einem erzählerischen Rollenspiel ist oder einfach einmal „über den Tellerrand“ gucken will, kommt um „Fate“ nicht herum. „Turbo-Fate“ bietet eine kostengünstige und einfache Möglichkeit, in das Thema einzusteigen. Das Heft ist hübsch und liefert die viel diskutierten und lang erprobten Regeln in übersichtlicher und kurzweiliger Verpackung. Da das PDF des Hefts auch noch kostenlos zu bekommen ist, muss es fast schon als Pflichtlektüre für jeden Rollenspieler angesehen werden.

[Diese Rezi wurde für Ringbote.de angefertigt]

Veröffentlicht am 29. Mai 2015 in freie Rollensp., Rezensionen und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ich möchte Dir in punkto „Pflichtlektüre“ entschieden widersprechen. Ganz entschieden. ;)

  2. Aha. Du magst es also nicht? Macht ja nichts :-) Das Buch ist kurz. Wenn man es nur liest, um herauzufinden, dass der Spielstil nichts für einen ist, hat es seine Schuldigkeit getan. Ich bleibe deshalb bei „Pflichtlektüre“.

    Ich habe Fate selbst zweimal ausprobiert – auf beiden Seiten des Sichtsschutzes – und kann mit dem Spielstil auch nur wenig anfangen. Mir machen andere Systeme mehr Spaß. Dennoch halte ich Fate für ein hervorragend konzipiertes System, das „seinen“ Spielstil extrem gut abbildet.

    Was magst du denn nicht?

  1. Pingback: [Rezi] Fate Core System Deutsche Ausgabe | Einige Seiten des Buches Eibon

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