Archiv der Kategorie: freie Rollensp.

[Rezi] Fate Core System Deutsche Ausgabe

Fate Core de[Fate Core Deutsche Ausgabe von Leonard Balsera u. v. a., Grundregelwerk, Uhrwerk-Verlag, 312 S., Hardcover, deutsch, 29,95 €]

Sucht jemand ein erzählerisches Rollenspiel, aber kein reines Indie-Erzählspiel, landet er zwangläufig bei „Fate Core“. Das Grundprinzip habe ich bereits in meiner Rezension von „Turbo-Fate“, der kurzen Einstiegsvariante von „Fate Core“, erklärt. Was das „blaue Buch“ anders macht, davon berichte ich hier.

„Fate Core“ baut wie sein kleiner Bruder auf ganz einfachen Prinzipien auf: Eine Spielfigur wird durch so genannte Aspekte beschrieben. Aspekte sagen in Schlagworten, wer oder was die Figur ist. Im Spiel können diese Aspekte eingesetzt werden – als Vorteil oder Nachteil. Fertigkeiten beschreiben, was die Figur kann. Stunts sind besondere Fähigkeiten, die über die normalen Fertigkeiten hinausgehen. Die Superheldin Spandex Queen besitzt vielleicht den Aspekt „Gummifrau aus der Hölle“, hat einen hohen Wert in der Fertigkeit „Kämpfen“ und den Stunt „Sprungkraft“, durch den sie einen Bonus erhält, wenn sie irgendwo hochhüpfen will.

Der Hauptunterschied zu „Turbo-Fate“ ist die Dicke des Buches. Das kleine rote Heft will einen möglichst hürdenfreien Einstieg bieten. „Fate Core“ hingegen will möglichst komplett sein. Dementsprechend bietet es mehr: mehr Auswahl, mehr Erklärungen, mehr Möglichkeiten. Davon abgesehen gibt es nur einen einzigen richtigen Unterschied zwischen den Regelvarianten. „Fate Core“ arbeitet nicht mit „Methoden“, sondern mit normalen Fertigkeiten. Es gibt also Kämpfen, Wissen, Wahrnehmung u. a., wie man es gewohnt ist. Aufgrund der Informationsfülle ist das Buch mit über 300 Seiten ein ziemlicher Wälzer. Der gesamte Text wird für Regelerklärungen und –auslegungen genutzt. Das sind eine Menge Worte für ein prinzipiell einfaches System. Da Fate aber so flexibel ist und ein wenig Umdenken erfordert, sind viele Erklärungen sinnvoll. Dem Buch kommt außerdem zugute, dass es hervorragend geschrieben ist. Der Ton ist locker. Es macht Spaß die Texte zu lesen. Das ist eine erstaunliche Leistung für ein Regelbuch.

Etwas über die Hälfte des Bandes widmet sich den Grundlagen: Charaktererschaffung, die verschiedenen Teilbereiche des Charakterbogens, Konflikte und Fate-Punkte. Der Rest ist an den Spielleiter gerichtet, dem minutiös erklärt wird, wie es auf seiner Seite des Sichtschutzes aussieht. Wie verwaltet er die Fate-Punkte? Wie kann er mit Aspekten eine Welt oder eine Stadt beschreiben? Wie funktionieren Kampagnen und die Charakterentwicklung?

Hat man erst einmal die Grundkonzepte verinnerlicht, läuft alles andere wie von selbst. Die Regeln sind zwar relativ abstrakt, dadurch aber extrem flexibel. Regeltechnisch ist es kein Unterschied, ob man Superhelden, Cthulhu-Detektive oder künstliche Intelligenzen in Roboterkörpern spielt. Das Abstrakte ist aber auch nicht jedermanns Sache. Im Spiel bewegen sich die Spieler recht häufig aus ihrem Charakter heraus, um mit dem Spielleiter Aspekteinsätze zu verhandeln oder gemeinsam Boni und Mali festzulegen.

Die deutsche Übersetzung des englischen „Fate Core“ ist hervorragend. Die Schlagworte wurden gut gewählt und die Sprache ist gut getroffen. Die Texte lesen sich genauso fluffig wie im Original. Das Buch selbst ist zweifarbig (schwarz und blau auf weiß) anstatt schwarzweiß, was es optisch – zumindest für meinen Geschmack – aufwertet. Das Format ist etwas größer, irgendwo zwischen A5 und A4. Weil die englische Version aber so kompakt ist, sind beide Bücher ähnlich schwer. Die deutsche Version wurde außerdem komplett neu bebildert. Die Motive der Zeichnungen orientieren sich an den Originalen, doch ist der Stil anders. Er ist etwas flächiger aber genauso hübsch. Das Buch ist stabil und hat einen blauen Seitenschnitt, was es noch ein wenig edler erscheinen lässt. Wie Turbo-Fate ist es außerdem unter faterpg.de kostenlos als PDF zu bekommen.

Fazit: „Fate Core System Deutsche Ausgabe“ ist eine große Bereicherung für den deutschen Rollenspielmarkt. Die Übersetzung ist gut, Layout und Zeichnungen sind hübsch und das Buch ist edel und stabil. Das Fate-System bietet erzählerischen Rollenspielspaß, dessen Grundprinzipien man zwar erst einmal verinnerlichen muss, dann jedoch einfach und flexibel ist. Das Buch hilft mit detaillierten Erklärungen und massenweise Spieltipps. Das PDF ist kostenlos. Wer das kleinere „Turbo-Fate“ mag, kommt um „Fate Core“ nicht herum.

[Diese Rezi erschien bei Ringbote.de]

Old Slayerhand ist da

oldslayerhandFalls noch irgendjemand einen Beweis benötigt hat, dass die DS-Community zum Niederknien großartig ist, dann findet er ihn hier:

Old Slayerhand ist ein Ableger von Dungeonslayers, der im Wilden Westen von Karl Mays Romanen spielt. 265 Seiten voll gelayoutetes PDF, Komplettregeln, kostenlos.

Es ist der zweite Komplettableger nach Gammaslayers (Mutanten und Endzeit) und DS-X (Verschwörungen und Aliens). Starslayers wird folgen. Zombieslayers gibt es auch noch. Es ist ein Quellenbuch (leider immer noch für DS3.5) für ein Spiel inmitten der Zombieapokalypse. Und alles kostenlos (nur für Starslayers ist das noch nicht klar). Mein Liebslings-Fantasy-System ist damit noch reichhaltiger geworden.

[Rezi] Turbo-Fate

Turbo-Fate

[Turbo-Fate von Fred Hicks u. a., Grundregelwerk, Uhrwerk Verlag, 72 S., Softcover, deutsch, 9,95 €]

Die folgende Rezi wurde für den Ringboten verfasst. Er hat andere Ansprüche an eine Rezi als mein kleiner Blog hier und ist deshalb wie eine “normale” Rezi strukturiert, obwohl über Fate bereits so viel geschrieben wurde, dass man eigentlich kaum noch etwas hinzufügen kann. Ich hoffe, ich habe eine gute Beschreibung abgeliefert, die auch für die Leute etwas hinzufügt, die schon über Fate gelesen haben. Alle anderen seien an die letzten Abschnitte verwiesen, in denen ich kurz auf die Unterschiede zur englischen Ausgabe eingehe.

„Fate“ ist ein Riese unter den Indie-Rollenspielen. Der Kickstarter, der die dritte Edition finanzieren sollte, war massiv erfolgreich und brachte nicht nur „Fate Core“ hervor sondern auch eine einfache Einstiegsversion des Spiels und diverse Quellenbücher. „Fate“ ist ein erzählerisches Spiel, das funktioniert, und nun endlich liegt auch eine deutsche Übersetzung vor. Die kurze Einstiegsversion trägt auf Deutsch den Titel „Turbo-Fate“.

Es wurde schon viel über „Fate“ geschrieben. Wer das Spielprinzip bereits kennt, findet unten einen Vergleich zwischen deutscher und englischer Ausgabe. Im Prinzip ist das Spiel einfach, unterscheidet sich aber recht stark von vielen klassischen Rollenspielsystemen, was für die meisten Gruppen eine überdurchschnittlich lange Eingewöhnungsphase bedeuten dürfte. Einen guten Eindruck und einen günstigen Einstieg verspricht „Turbo-Fate“. Es handelt sich um eine Übersetzung der „Fate Accelerated Edition“ (FAE). Das Heft ist in DIN A5 gehalten und mit übersichtlichem, gut lesbarem Layout ausgestattet. Nebenbei ist es auch noch hübsch anzusehen. Der Preis von 9,95 EUR ist hervorragend. Als PDF bekommt man das Spiel unter http://www.faterpg.com sogar kostenlos.

Charaktere werden durch drei Dinge beschrieben: Aspekte, Methoden und Stunts. Die Aspekte beschreiben, wer oder was die Spielfigur ist und werden vollkommen frei gewählt. Die Festlegung der Aspekte ist der für Neulinge schwierigste Teil des Spiels. Um sie dreht sich alles. Optimale Aspekte haben sowohl positive als negative Auswirkungen auf die Figur. Beispiele könnten sein: „Ich kannte da mal jemanden …“, „Gejagt vom Clan der blutroten Ninjas“ oder „Barbarenhäuptling aus den hohen Norden“.

In „Turbo-Fate“ beschreiben die Aspekte außerdem, was eine Figur kann. Ein Barbarenhäuptling aus dem Norden kann wahrscheinlich gut kämpfen und jagen. Je nach Spielwelt kann er vielleicht im Lendenschurz durch den Schnee gehen, ohne zu frieren. Dafür hat er aber auch Probleme, bestimmte Aspekte der Zivilisation zu verstehen und vielleicht Angst vor Magie. Im Spiel bedeutet das, dass der Spieler durch die Aspekte Vorteile wie Würfelboni bekommen kann, aber auch Nachteile, die ihn zwar behindern, dafür aber wertvolle Fate-Punkte bringen. Fate-Punkte sind die zentrale Währung von „Fate“. Vorteilig eingesetzte Aspekte kosten Fate-Punkte, nachteilig angespielte Aspekte bringen Fate-Punkte. So bleibt das Spielgleichgewicht immer gewahrt. Außerdem haben die Spieler so einen Grund, ihre Nachteile im Spiel sehen zu wollen.

Statt Fertigkeiten, wie sie in anderen Rollenspielen (und auch dem normalen „Fate Core“) zu finden sind, gibt es in „Turbo-Fate“ die so genannten Methoden. Diese beschreiben nicht, was eine Figur kann, sondern wie sie es macht. Es gibt sechs Methoden: Flink, Kraftvoll, Tollkühn u. a. Sie haben Werte zwischen 0 und +3. Wird eine Probe verlangt, würfelt der Spieler, zählt den Wert hinzu und vergleicht das Ergebnis mit einem Mindestwert. Dabei benutzt er so genannte Fate-Würfel. Das sind 4 sechsseitige Würfel, die entweder +, 0 oder – anzeigen. Sie werden addiert, was zu einem Wert zwischen –4 und +4 führt. Will eine Figur also möglichst schnell eine Felswand erklimmen, würfelt +, +, 0 und – und hat Flink +2, führt das zu einem Ergebnis von +3. Hat der Spielleiter vorher eine Schwierigkeit von +3 oder geringer festgelegt, ist die Probe gelungen.

Als letztes wird mindestens einen Stunt für eine Figur festgelegt. Stunts beschreiben Besonderheiten, die der Figur zwar Vorteile bringen, aber nicht wichtig genug für einen Aspekt sind. Das können Gegenstände, besondere Fähigkeiten, Kontakte oder andere Dinge sein.

Der Handlungsablauf gestaltet sich am Spieltisch relativ abstrakt. Manche Würfelwürfe werden zwischen Spielleiter und Spieler verhandelt. Aspekte werden entweder vorteilig oder nachteilig angespielt, was zum Fluss von Fate-Punkten führt und vor allem direkt die Spielwelt beeinflusst. Das mag mancher vielleicht als Nachteil empfinden, doch erlaubt es eine ungeheure Flexibilität. Ein Superheldenspiel, das sich eher auf Drama und Charakterisierung fokussiert, könnte die Superfähigkeiten beispielsweise als Stunts beschreiben. Will sich die Gruppe lieber auf die coolen Fertigkeiten konzentrieren, sind diese vielleicht Aspekte. So oder so gibt es immer ein erzählerisches Gleichgewicht.

Das Heft ist übersichtlich in Text und Bild. Man findet schnell, was man sucht, die Erklärungen sind deutlich und mit guten Beispielen versehen. Kurze Listen und Zusammenfassungen helfen, sich einzufinden. Der Druck ist zweifarbig (schwarz und rot). Es gibt reichlich Bilder.

Das Buch wurde gegenüber der englischen Ausgabe vollkommen neu gestaltet. Schon im Original wurde ein stilistischer Unterschied zwischen „Fate Core“ und FAE gemacht. Das kürzere FAE hat Bilder, die Richtung Comic oder Manga gehen. Das deutsche „Turbo-Fate“ setzt da noch einen drauf und gestaltet die Bilder noch flächiger und weniger „realistisch“. Die Motive orientieren sich deutlich am Original ebenso wie das Layout.

Die Übersetzung ist gut gelungen. Besonders schwer dürfte es gewesen sein, die Methoden („Approaches“ im Original) zu übersetzen. Im Englischen sind sie sehr griffig: Flashy, Careful, Clever. Dafür ebenso passende Ausdrücke im Deutschen zu finden, ist nicht einfach, aber der Crew wie gesagt gut gelungen. Auch der Rest liest sich hervorragend. Zusammen mit der Tatsache, dass das Original in Schwarzweiß gehalten ist und Turbo-Fate eine Farbe drauflegt, gibt es eigentlich keinen Grund, warum man zur englischen Ausgabe greifen sollte.

Fazit: Wer auf der Suche nach einem erzählerischen Rollenspiel ist oder einfach einmal „über den Tellerrand“ gucken will, kommt um „Fate“ nicht herum. „Turbo-Fate“ bietet eine kostengünstige und einfache Möglichkeit, in das Thema einzusteigen. Das Heft ist hübsch und liefert die viel diskutierten und lang erprobten Regeln in übersichtlicher und kurzweiliger Verpackung. Da das PDF des Hefts auch noch kostenlos zu bekommen ist, muss es fast schon als Pflichtlektüre für jeden Rollenspieler angesehen werden.

[Diese Rezi wurde für Ringbote.de angefertigt]

[Rezension] Into the Odd

2014-12-12 16_36_09-Into the Odd (commercial).pdf - SumatraPDF[Regelwerk, Sooga Games, Sprache: Englisch, PDF oder Druck, 52 Seiten, 7,99 $ (PDF), 14,99 $ (PDF und Druck)]

“Into the Odd” ist ein merkwürdiges Spiel, insofern passt der Name wie kein zweiter. Ebenso seltsam ist es, eine Rezi mit dieser Aussage zu beginnen, wenn man eigentlich begeistert davon ist. “Into the Odd” ist toll – aber anders.

Einerseits ist das kleine, über lange Zeit auf dem Blog von Sooga Games entwickelte Spiel tief in der Old-School-Szene verwurzelt. Andererseits führt es Regeln und Weltgestaltung auf sehr moderne Weise weiter. Doch egal, ob man supereinfache Regeln mit einem ganz bestimmten Flair sucht oder einfach nur neugierig auf neue Entwicklungen im Rollenspielbereich ist, bietet “Into the Odd” ein besonderes Erlebnis, wofür man weder viel Geld noch Zeit investieren muss, um es zu genießen.

Die Regeln von “Into the Odd” könnten einfacher nicht sein: Man würfelt drei Attribute aus: Stärke, Geschick und Willenskraft. Mit je 3W6 ist man dabei. Dann erwürfelt man die Trefferpunkte der Figur mit 1W6. Anschließend gibt es noch ein wenig Startausrüstung, die interessanterweise abhängig von den Attributen ist. So kann die Figur bereits jetzt ein so genanntes Arcanum in Händen halten, einen besonderen, wahrscheinlich magischen Gegenstand. Die Startausrüstung abhängig von den Attributen zu machen, halte ich für eine interessante Idee. Je schlechter der höchste Wert, desto besser die Ausrüstung. Sogar besondere Fähigkeiten werden hier manchmal vergeben.

Der Kampf funktioniert so: Wer angreift verursacht eine bestimmte Anzahl Schadenspunkte abhängig von seiner Waffe. Es gibt keinen Angriffswurf. Jeder Angriff schwächt den Gegner. Da die Trefferpunkte ein eher abstrakter Wert sind, und sich ihr Verlust nicht 1:1 in Verletzungen übersetzten lässt, funktioniert das. Hat eine Figur keine Trefferpunkte mehr, ist sie auch nicht gleich tot, sondern läuft nur Gefahr einen kritischen Treffer zu erhalten, der sie ausschaltet. Ein kritischer Treffer tötet nur, wenn er unbehandelt bleibt.

Außerdem gibt es “Saving Throws”. Das sind Attributsproben, die durchgeführt werden, wenn etwas Schlimmes verhindert werden soll, also z. B. eine Willenskraftprobe, um eine magische Beherrschung abzuwehren. Zaubersprüche und Zauberer gibt es übrigens nicht. Alle Magie kommt aus den Arcana. Die Suche nach diesen besonderen Gegenständen bildet auch so etwas wie das Zentrum einer “Into the Odd”-Kampagne. Sie gibt den Grund, warum Charaktere in Dungeons aufbrechen.

Diese einfachen Regeln bringen ein paar Besonderheiten ins Spiel. Kampf ist immer gefährlich, denn da es nur eine handvoll Stufen gibt, die man erklimmen kann, steigt die Anzahl an Trefferpunkten auch später nur ein gewisses Maß an. Rüstungen verringern zwar den erlittenen Schaden im Kampf aber nur um ein oder maximal zwei Punkte je Angriff. Da jeder Angriff trifft, kann man sich ausrechnen, wie lange man maximal durchhält. Auch dass alle Proben in die Passive gelegt werden, hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Spiel. Das Monster kann noch so groß und stark sein, will es einen Charaktere ergreifen und wegschleudern, hängt es ausschließlich von dessen Geschick ab, ob das gelingt. Beides zusammen gibt dem Spiel ein ganz bestimmtes Flair, das durch die implizierte Welt noch unterstützt wird.

Die Welt wird nur angerissen. Es gibt Bastion, eine ausufernde Riesenstadt, in der alles möglich und vieles gefährlich ist. Der Rest der Welt besteht aus Wildnis oder kleinen Städten und Dörfern. Es gibt Feuerwaffen. Neben den extrem groben Beschreibungen der Welt und der Stadt – eher Eindrücke als echte Informationen – enthält das Heft einen Dungeon, eine kleine Sandbox und die Beschreibung der Stadt Hopesend. Alles drei zusammengenommen zeigt nicht nur anschaulich, wie Abenteuer mit “Into the Odd” aussehen könnten, sondern liefert auch ein paar schöne Ideen und Stimmungen. Ebenfalls wichtig für das Verständnis der Welt sind die drei Doppelseiten mit Arcana. Da die ganze Welt nach den Dingern sucht, sind Beispiele natürlich essenziell. Der Rest des Heftes wird mit Tabellen gefüllt: “What’s This Street Like?” oder “The Quickest Route Across Town” sind nur zwei Beispiele. Die Stichworte der Tabellen verraten vielleicht mehr über die Welt als lange Textpassagen.

All das zusammen gibt es für einen geringen Preis auf ca. 50 kleinformatigen Seiten. Das Spiel wurde über lange Zeit auf dem Blog von Sooga Games entwickelt und gab es dort zum kostenlosen Download. Die aktuelle, kostenpflichtige Version hat ein völlig neues Layout und ist um einige Informationen, z. B. die Tabellen ergänzt. Eine rein auf das Regelwerk beschränkte PDF-Datei im alten Layout gibt es auch weiterhin als kostenlosen Download für jeden, der nur mal einen Blick riskieren will. Die Regeln sind einschließlich einer Seite mit Arcana komplett. Es fehlen nur die Informationen, wie man in den Stufen aufsteigt, welche Auswirkungen ein Stufenaufstieg hat, ist allerdings beschrieben. Erwähnt sei auch noch, dass es seit der Veröffentlichung der kostenpflichtigen Version immer wieder kleine Downloads oder Informationsbrocken zu “Into the Odd” gibt. Dabei sind auch drei weitere Abenteuer.

Ich mag “Into the Odd” sehr – wegen des besonderen Flairs, der sparsamen aber hervorragend konzipierten Informationen und wegen der Besonderheiten der einfachen Regeln. Ich freue mich schon darauf, es endlich einmal ausprobieren zu können.

Das Erfolgsrezept von “Ratten!”

ratten-limitiert Ratten! war damals ein Überraschungserfolg – sogar für die Macher selbst, die einfach nur ein ungewöhnliches, kleines Rollenspiel entwickeln wollten und einen kleinen Hit landeten. Das Projekt Kopfkino war eine Ideenschmiede von engagierten Schreibern. Sie entwickelten Ratten!, Funky Colts und anderes. Das Projekt ist zwar bereits vor langer Zeit eingeschlafen, doch die Webseite ist immer noch online, und ich würde jedem Interessierten einen Blick empfehlen, denn dort findet man immer noch diverse lohnende Downloads, z. B. die Regelwerke der beiden erwähnten Rollenspiele und Zusatztexte wie Abenteuer.

Ich kaufte mir Ratten! gleich, als es erschien. Dann übernahm Prometheus den Verkauf, und es gab eine neu gedruckte Auflage (kein PoD mehr). Über eine Tauschaktion konnte ich mir auch die neue Version sichern und war recht angetan. Das Spiel liest sich nett, die Zeichnungen sind toll und es basiert auf einer gelungenen Idee: Die Spieler übernehmen Ratten, die in einem verlassenen Kaufhaus leben. Es sind “normale” Ratten, so normal sie in einem solchen Rollenspiel sie eben sein können. Die Ratten sind keine anthropomorphisierten Tiere – jedenfalls nicht komplett -, tragen keine Kleidung und benutzen normalerweise keine Ausrüstung. Aber sie tragen Namen, Kultur und unterhalten sich mehr oder weniger gebildet. Die Ratten-Gesellschaft ist archaisch in Stämme (Rotten genannt) unterteilt, die auch gleich die Charakterklassen stellen. Die Regeln sind denkbar einfach mit vier Eigenschaften und ein paar Besonderheiten.

Ich mochte Ratten!, warum das Spiel so ein Erfolg war, konnte ich aber erst nachvollziehen, nachdem ich auf der Auf-den-Inseln-Con ein Spielchen machen konnte. Das Spiel funktioniert in überraschenden Bereichen und hat weit mehr Spaß gemacht, als ich je erwartet hätte.

Vier Eigenschaften beschreiben die Ratten: Stark, Schnell, Clever und Sozial, je mit einem Wert von 1-3. Sie besitzen außerdem ein paar Talente (Fertigkeiten, die eine Eigenschaftsprobe erleichtern) und ein oder mehrere Tricks (Sonderfähigkeiten). Für eine Probe addiert man zwei Eigenschaften, wirft eine entsprechende Anzahl an W6 und addiert die beiden höchsten Würfelergebnisse. Will also z. B. die kleine Ratte Krabblertod eine Barriere zum Einsturz bringen, betrachtet sie folgende Werte: Stark (2) + Clever (3) = 5W6. Der Spieler würfelt 1, 2, 3, 5, 5, was zu einem Ergebnis von 10 (5+5) führt. Der Spielleiter legte zuvor eine Schwierigkeit von 7 fest, die Probe ist also gelungen.

ratten-innen1Das ist als solches noch nichts Besonderes. Die Beschreibungen der Rotten, denen die Charaktere angehören, liefern einen schönen Hintergrund für Rollenspiel. Sie sind gut an ein Rattenvolk angepasst: Die Sammler sind Technikfreaks, die Rotaugen sind geheimnisvoll und ein wenig mystisch, die Scharfzähne sind die Verteidiger der Rattenburg und ganz allgemein Schlägertypen. Es gibt neun Rotten, wenn man die beiden hinzuzählt, die neu in dieser Ausgabe sind.

Gute Beschreibungen von Charaktertypen gibt es aber auch anderswo. Was bei uns im Spiel den überraschenden Erfolg brachte waren die Regelung für “Namen” und “Lieder”. Ratten versuchen sich m wahrsten Sinn des Wortes einen Namen zu machen – genauer gesagt, sind es sogar mehrere, denn eine Ratte sammelt Spitznamen. Je mehr coole Namen sie hat, desto höher ist ihr Stand in der Rotte. Es gibt natürlich auch negative Namen. Schwachpfote ist nicht so toll, aber die Namen Krabblerkiller oder Leisetod würden den Ruf der Ratte fördern. Außerdem wollen die Nager, dass Lieder über sie gesungen werden. Je mehr Lieder sich um ihre Taten ranken, desto größer ist die Chance, dass eine andere Ratte von ihr gehört hat. Beides – Lieder und Namen – ist über einfache Mechanismen in die Regeln eingebaut.

Besonders die Namen habe sich bei uns am Tisch bemerkbar gemacht, denn sie waren ständig Gesprächsthema. Schon bei der ersten Auswahl des Namens ergab sich Charakterdarstellung und Spaß im Spiel. Da die Namen von den Handlungen einer Ratte beeinflusst werden, wirken sie sich auch direkt auf das Spiel aus. Der Wunsch einen Ruf für sich zu erzeugen, ist ein starker Motivator für alles Mögliche.

Die Neuauflage von Ratten! ergänzt das Spiel um ca. 30 Seiten. Ein Abenteuer, das bisher nur als Download existierte, wurden hinzugefügt, ebenso wie zwei Rotten, die bei einem Wettbewerb eingereicht wurden, und andere Kleinigkeiten. Wer mal etwas Neues ausprobieren will, und das ohne viel Aufwand aber einem höchstwahrscheinlich überraschend gelungenem Ergebnis, sollte einen Blick auf Ratten! werfen. Auf den Seiten vom Projekt Kopfkino und Prometheus findet man praktisch alles, was es im kaufbaren Buch gibt umsonst als PDF: Die Abenteuer, die kompletten Regeln, sogar noch mehr Abenteuer. Da ein Einstieg in das Spiel schnell ist und sich die Regeln auch noch gut lesen lassen, gibt es  praktisch keinen Grund, warum man nicht einen Blick riskieren sollte – es sei denn ihr habt Angst vor Ratten.

Slay! 2 – Futter für urbane Abenteuer

slay02 Das Fandom von Dungeonslayers hat wieder einmal etwas Hervorragendes geliefert: Die zweite Ausgabe der Fan-Zeitschrift Slay! ist erschienen. Auch wenn die Verquickung mit dem DS-Regelwerk recht stark ist, finden auch andere Fantasyfans Interessantes in den hervorragend gelayouteten Seiten. Das Thema ist “Stadt” und so gibt es Stadtbegegnungen, ein Abenteuer in Abwasserkanälen, Spannendes über Ratten uvm. Zusammen mit den Kurzregeln First Slay (unten auf der Seite) oder gar dem kostenlosen Gesamtregelwerk (oben auf der Seite) wird die Zeitschrift sogar noch besser.

Destiny Beginner

destiny-beginner[Rollenspiel von Alexander Schiebel; Prometheus Games/Ace of Dice, 2013, Sprache: Deutsch, Softcover/PDF, 68 Seiten, 9,95 €]

Anmerkung: Da ich diese Rezi für den Ringboten geschrieben habe, wiederhole ich einiges über Destiny, das ich bereits hier gesagt habe.

Kurze Rollenspielregeln, die auf Anfänger und Leute mit wenig Zeit oder Geduld ausgelegt sind, gibt es inzwischen eine ganze Menge. Auf den ersten Blick hebt sich „Destiny Beginner“, das neuste Mitglied dieser Nische, wenig von den anderen Spielen ab. Es lohnt sich allerdings einen zweiten Blick zu riskieren.

„Destiny Beginner“ begann vor einiger Zeit als Internetprojekt und Print-on-Demand-Buch unter dem Label Ace of Dice. Alexander Schiebel, Kopf des Projektes, wollte damit einen leichten Einstieg in sein Haus-System Destiny liefern, das bereits in einer anderen Veröffentlichung (namentlich „Flucht von Valmorca“) benutzt wurde. Prometheus Games hat die Qualitäten des Buchs erkannt und veröffentlicht sie nun in ihrer Reihe der Pocket-RPGs.

Hat man einen Verlag im Rücken, hat das zumeist Vorteile, besonders die Verbreitung eines Produktes wird gefördert. Für den Leser hat es in diesem Fall einen weiteren Vorteil: Der Druck des Buches ist gut (wahrscheinlich besser, als es ein normaler Print-on-Demand-Druck sein könnte), und es konnten einige Illustrationen und sogar Abenteuer hinzugefügt werden. Wie alle Pocket-RPGs bietet der Verlag das Spiel auch als kostenlosen Download an – ein Service, den man auf jeden Fall nutzen sollte.

Ein Destiny-Charakter besteht nur aus sieben Zahlenwerten. Da wären die Konstitution (Lebenspunkte), Destiny-Punkte (Magie- oder Machtpunkte) und Questpunkte (gesammelte Erfahrung). Die wichtigsten dürften die vier Aspekte einer Figur darstellen. Es gibt zwei Sets an Aspekten, zum einen Charisma, Stärke, Geschick und Intelligenz und zum anderen Natur, Gesellschaft, Kampf und Magie. Der Spieler wählt einen Aspekt aus. Dieser hat einen Wert von 43. Die drei anderen Aspekte des Sets besitzt er mit einem Wert von 33. Optional können ein paar Einzelpunkte hin- und hergeschoben werden. Das andere Set wird ignoriert.

Verlangt der Spielleiter nun eine Probe, legt er ein Aspektepaar fest, auf das gewürfelt werden soll. Will eine Figur beispielsweise einen Baum erklettern, ist das vielleicht Geschick/Natur. Der Spieler wählt den Wert, den seine Figur hat und würfelt darauf. Zunächst mag diese Vorgehensweise verwundern, die „großen“ Destiny-Regeln arbeiten mit beiden Aspektesets (wodurch sich insgesamt 16 Werte ergeben). „Destiny Beginner“ soll einfacher sein und mit dieser Methode wurde ein einfacher Weg gefunden, dies zu bewerkstelligen.

Gewürfelt wird mit einem so genannten W66. Das sind zwei W6, die wie ein Prozentwurf gewürfelt werden: ein Würfel gibt die 10er-Stelle, der andere die 1er-Stelle. So ergeben sich Zahlen zwischen 11 und 66. Würfelt der Spieler den Wert des entsprechenden Aspekts oder weniger, ist die Probe gelungen. Proben können optimistisch (die Zehnerstelle ist immer die kleinere Zahl des Wurfs) oder pessimistisch (die größere Zahl ist die Zehnerstelle) gewürfelt werden. Aus der Summe der beiden Würfel ergibt sich gleichzeitig ein so genannter Erfolgswert, was zum Beispiel den Schaden eines Angriffs gibt. Diese verspielten Würfelmechanismen bringen große Flexibilität an den Tisch und gefallen mir außerordentlich gut.

Der Kampf ist sehr einfach gehalten mit einer Attacke und einer aktiven Parade. Alle Waffen verursachen den gleichen Schaden und auch alle Rüstungen werden gleich behandelt (sie verringern den Schaden um 2 Punkte). Diese Vereinfachung hielt ich zunächst für nicht sonderlich geschickt. Anfänger stehen normalerweise auf Waffenlisten. Aber es passt zum Konzept des Buches. „Destiny Beginner“ vermittelt Anfängern einen recht erzählerischen Spielstil. Dazu passt die Abwesenheit von Waffenlisten, weil sich die Spieler so mehr auf ihre Ideen konzentrieren können und Waffen nach Stil und nicht nach Schaden auswählen. Will man mehr, sollte man sich die „großen“ Destiny-Regeln anschauen, die bisher in Form des Spiels „Destiny Dungeon“ erschienen sind. Auch davon gibt es eine kostenlose Version auf der Webseite von Ace of Dice.

Zentraler Punkt der Regeln ist die „große Gabe“, eine grob definierte Fähigkeit, die sich aus dem primären Aspekt einer Figur ergibt. Ist der primäre Aspekt Kampf, sind das besondere Kampfmanöver, mit Magie kann man z. B. schweben oder Flammenstrahlen verschießen. Der Einsatz der großen Gabe kostet Destiny-Punkte – je nach Mächtigkeit des Effekts 1, 3 oder 5 Punkte. Möglicher Schaden oder Behinderung eines Gegners ergibt sich direkt aus der Anzahl der eingesetzten Destiny-Punkte. Dadurch ist die Mächtigkeit der großen Gabe recht genau definiert, obwohl ein Spieler damit fast alles machen kann. Listen gibt es nicht. Ich bin nicht sicher, ob so viel Freiheit Anfänger überfordern könnte, mit einem halbwegs erfahrenen Spielleiter hat eine Gruppe damit jedoch ein flexibles und einfaches Instrument in der Hand.

Bevor es zur Settingbeschreibung geht, erhält der Spielleiter einige nützliche Tipps. Schiebel greift die essenziellen Punkte der Spielleitung heraus und bringt sie gekonnt auf den Punkt – ein schönes kleines Kapitel.

Genauso auf den Punkt gebracht ist die Beschreibung der Stadt Lys Marrah, die das Setting des Bandes darstellt. Ehemals, als noch ewige Dunkelheit über der Stadt lag, wandelten Monster ungehindert auf ihren Straßen. Magier bauten magische Laternen und vertrieben die Dunkelheit und mit ihr die Monster, die sich in die unterirdischen Bereiche der Stadt zurückzogen. Hinzu kommen ein angrenzender Sumpf, Berge und ein Wald und schon hat man alles, was man braucht: Einen Grund für Dungeons voller Monster direkt unter der Stadt, eine drohende Gefahr (falls den Laternen etwas geschehen sollte) und mit den angrenzenden Gebieten, die Möglichkeit für Wildnisabenteuer.

Die Beschreibung ist nur sieben Seiten lang, bringt aber sofort Ideen zum Fließen. Geheimnisvolle Elfen, ein schlafender Gott, eine Verbrecherorganisation und eine alte Bibliothek sind noch nicht alle Bestandteile von Lys Marrah. Für einen schnellen Einstieg und als Grundlage für eine eigene Welt eignet sich das kleine Kapitel hervorragend.

Die Beschreibung der Völker Lys Marrahs ist weniger beeindruckend, was aber dem Thema geschuldet ist. Für den langjährigen Spieler sind Orks und Zwerge einfach viel zu bekannt, um noch zu begeistern. Die Zusammenfassung ist aber gut geschrieben und kurz genug, um nicht zu langweilen. Anfänger werden genug Neues finden.

Darauf folgen sechs kurze Abenteuer zwischen zwei und vier Seiten Länge. Sie versprühen den Charme von Old-School-DSA – und das im guten Sinne. Es gibt Worträtsel und eine alte Hexe im Sumpf, außerdem gefährliche Monster und nette kleine Geschichten zu entdecken. Die Abenteuer sind nett gestaltet und einfallsreich. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann die Gradlinigkeit einiger der Abenteuer. Das stellt an den Spielleiter gewisse Ansprüche. An anderer Stelle bekommt er nur die nötigsten Informationen wie z. B. eine Liste mit Dingen, die die Charaktere bei Nachforschungen in Erfahrung bringen können, muss aber selbst ergänzen, wie er diese Dinge ins Spiel einbaut. Für Fortgeschrittene ist das trotz der geraden Handlungsführung ein tolles Format, weil die Abenteuer nur wenig Text benötigen, um zu funktionieren, für Anfänger ist es allerdings eine ziemliche Herausforderung.

Da kommt das Spielleiter-Solo ins Spiel, das das Buch abschließt. Die Idee des Solos ist hervorragend. Anhand des Abenteuers „Erwartete Entführung“, werden damit sehr anschaulich die Aufgaben eines SLs erklärt. Das Solo ist aufgebaut wie ein klassisches Solo-Abenteuer, allerdings aus der Sicht des Spielleiters. „Deine Spieler machen dies, lies weiter in Abschnitt 3, machen sie das, geht es weiter in Abschnitt 4.“ So ziemlich alle Herausforderungen eines Spielleiters – z. B. improvisieren oder nicht in Panik zu verfallen, wenn die SC einmal eine Abkürzung nehmen – werden angesprochen. Das Spielleiter-Solo ist eine wunderbare Idee, die Neulingen zusammen mit den Abenteuern einen erzählerischen und freien Spielstil auf anschauliche Weise beibringt.

Fazit: Ich bin beeindruckt von „Destiny Dungeon“. Das kleine Buch sieht hübsch aus, hat tolle Ideen und schöne, einfache Regeln, die auch Anfänger beherrschen können. Das kleine Spielleiter-Solo am Ende des Buches ist eine schöne Lektion in Sachen Spielleiterei. Destiny-Autor Alexander Schiebel weiß, was er tut und beweist das im Buch gleich mehrfach. Unbedingte Empfehlung – besonders, weil das PDF kostenlos auf der Prometheus-Webseite zu bekommen ist.

Fate für lau (oder mehr)

Seit kurzer Zeit bekommt man im Webshop von Evil Hat die lang erwarteten Regelwerke Fate Core und Fate Accelerated Edition zum Download. Die Bezahlung läuft auf einer Pay-what-you-want-Basis, was “gar nichts” einschließt.

Man kann dort auch die gedruckten Bücher vorbestellen.

Ich persönlich finde vor allem die Fate Accelerated Edition interessant. Sie wurde zwar bereits von frühen Testern kritisiert, aber die Einfachheit und Flexibilität finde ich dennoch sehr ansprechend. Bei erster Gelegenheit werde ich sie ausprobieren.

Oldschool-Kampagne mit eigenem Regelsystem: Destiny Dungeon

destiny-dungeon[Rollenspiel von Alexander Schiebel; Ace of Dice, 2011, Sprache: Deutsch, Softcover/PDF, 158 Seiten, 19 €/12 €/kostenlos]

Mehr von Ace of Dice: Destiny Dungeon war die zweite Veröffentlichung des kleinen Quasi-Verlags und ein Buch, dessen kostenlose PDF-Version mich genug begeisterte, um mir sofort das Druckwerk zu bestellen.

Destiny Dungeon ist Regelwerk, Weltbeschreibung und Sandbox-Kampagne in einem – vollständig spielbar auf knapp 160 DIN-A5-Seiten. Wie schon mit Portal gelingt es, Vollständigkeit und Kürze mit haufenweise Ideen zu vereinen und so den unter Zeitknappheit leidenden Spielleiter bestmöglich zu unterstützen.

Es wird ein Spielgefühl angestrebt, wie man es aus den Rollenspielen alter Zeit kennt. Richtete sich Portal an Fans der deutschen alten Schule (sprich: DSA) zielt Destiny Dungeon auf das alte D&D mit Dungeons, Sandbox, Monstern, Stufen und Rassen als Klassen.

Destiny-Autor Alexander Schiebel benutzt als Grundlage für das System einen W66. Das sind zwei verschiedenfarbige W6, die als Zehner- und Einerstelle einer Zahl zwischen 11 und 66 gelesen werden (also z. B. 13, 43 oder 56). Dieses einfache Würfelprinzip wird bis zum Letzten ausgereitzt. So gibt es zum Beispiel optimistische Würfe, bei denen immer die kleinere Zahl die Zehnerstelle darstellt (da man bei Proben eine Zahl unterwürfeln muss, ist eine kleine Zahl von Vorteil). Pessimistische Würfe funktionieren entsprechend umgekehrt mit der größeren Zahl als Zehnerstelle. Will der SL Boni oder Mali vergeben, werden diese immer auf die Zehnerstelle angerechnet, wodurch Kleinteiligkeit vermieden wird. Zusätzlich kann aus der Probe direkt ein Erfolgswert (EW) abgelesen werden: die Zahl, die sich aus Addition der beiden W6 ergibt. Auch hier spielt Schiebel herum, denn der EW kann auch nur die kleinere der beiden Zahlen sein oder nur die größere.

Ein Beispiel: Eine Spielfigur hat einen Wert von 46 in einer Angriffsfertigkeit. Damit eine normale Probe gelingt, muss der Spieler also eine 46 oder weniger auf einem W66 würfeln. Er würfelt eine 34, die Probe ist also gelungen. Wird der Erfolgswert benötigt, wäre dieser 7 (3+4).

Das System ist toll. Es weckt den Spieltrieb in jedem guten Spielleiter und wirft sofort die Frage auf, wo man es noch überall geschickt einsetzen kann. Im Kampf z. B. ergibt sich der Schaden aus dem EW.

Die Charaktererschaffung mischt geschickt Altes mit Neuem. Zunächst wählt man einen Typus (Krieger, Elf, Magier, …) woraus sich ein paar Werte und Eigenschaften ergeben. Als Attribute dienen 16 Werte, die in einer 4×4-Tabelle angeordnet sind. Darin werden Eigenschaften (Stärke, Intelligenz, …) Bereichen (Natur, Kampf, …) gegenübergestellt. Aus der Kombination ergibt sich das Attribut: z. B.: Stärke/Kampf (Nahkampfangriff) oder Intelligenz/Natur (Kräuterkunde, Tierkunde, Orientierung, etc.).

Die Attribute werden bei der Charaktererschaffung zufällig ermittelt. Der Spieler würfelt 1W6, entnimmt einer Minitabelle den eigentlichen Wert zwischen 24 und 42 und trägt ihn irgendwo ein. Dann wird neu gewürfelt und neu eingetragen, bis alle Attribute festgelegt sind. Das ist eine schöne Kombi aus Zufall und Selbstbestimmung.

Neben den Attributen, Lebens- und Zauberpunkten hat jeder Charakter außerdem Talente. Diese reichen von d20-typischen Feats wie “sichere Hand” oder “Ausfall” bis hin zu magischen Besonderheiten und Zaubern. Man beginnt abhängig vom Typus mit zwei festgelegten Talenten und erlernt im Laufe der Karriere immer neue hinzu. Man kann sogar Talente anderer Typen erlernen, wenn man mehr dafür bezahlt.

Im Kampf gibt es Attacke, Parade, Schaden (der sich aus dem EW der Probe ergibt) und einen festen Rüstungsschutz. Es gibt wenig Besonderheiten, aber ein paar Kleinigkeiten sorgen dafür, dass sich der Kampf nicht zu lange hinziehen sollte, flexibel und spannend bleibt.

Auf S. 40 des Büchleins ist das gelungene Regelsystem bereits abgeschlossen – mit Charaktertypen, Ausrüstung, Taltenten und allem Drum und Dran. Es folgt die Beschreibung der Welt Istarea. Auf knapp 40 Seiten findet der SL alles, was er sich wünscht. Wieder sind es die vielen Kleinigkeiten, die das Kapitel so lesenswert machen. Die Welt selbst ist klassische EDO- (Elf-Dwarf-Ork) Fantasy. Es enthält beispielsweise eine übersichtliche Beschreibung der Völker, die neben den üblichen Abschnitten über Geschichte, Lebensweise, Aussehen usw. auch jeweils sechs Minibeispiele enthält. “XYZ zum Auswürfeln” heißt es dort und der Leser findet jeweils einen oder zwei Sätze, welche Persönlichkeit der SC oder NSC haben könnte. Als Beispiel sei folgender Mringaner genannt:

1.  Die  Mutter  des  Mringaners  wurde  von
den Elfen heimgesucht. Das beeindruckte den
Mringaner so sehr, dass er seinen „Vater“ suchen und mehr über seine Abstammung wissen will.

Sechs Gruppierungen wie beispielsweise die Silberschlangen, eine ortsübergreifende Gilde von Dieben, Hehlern und Informanten, und ein paar besondere Persönlichkeiten helfen dem SL, der Welt Leben einzuhauchen. Eigentliches Herz des Kaptitels sind aber die Siedlungen. Die verschiedenen Städte und Ortschaften werden nicht nur kurz beschrieben. In Tabellenform findet der Spielleiter Angaben, wofür der Ort berühmt ist und eine Liste mit wichtigen Plätzen. Außerdem sind jeweils drei Abenteueraufhänger angegeben – Das sind 27 teilweise sehr spannende Abenteuerideen allein ein diesem Kapitel.

Einundzwanzig Szenarien nehmen den Hauptteil des Buches ein. Auf ein bis vier Seiten findet der SL jeweils ein ortgebundenes Abenteuer. Schiebel experientiert mit den Formaten. Es gibt mit Brücken verbundene Türme, kleine Landstriche (für Mini-Hex-Crawls), eine Schlucht und Dungeons unterschiedlichster Couleur. Alles ist kurz und knapp und mit übersichtlichen Karten versehen. Zusammen mit den Anhängen, in denen neben anderem einige hervorragende Zufallstabellen zu finden sind, hat der SL alles, was er für eine vollständige und übersichtliche Sandbox benötigt.

Ähnlich wie bei den Plotpointkampagnen für Savage Worlds kombiniert das Buch fertige Abenteuer mit Zufallstabellen und einer übersichtlichen Weltbeschreibung. Verweise und Ideensammlungen, um es dem SL so einfach wie möglich zu machen, sorgen zusammen mit hoher Informationsdichte, Übersichtlichkeit und einer großen Ideenvielfalt dafür, dass sich Destiny Dungeon von ähnlichen Produkten positiv abhebt. Auch die Regeln sind schön: einfach und schnell zu lernen, aber mit genug Auswahlmöglichkeiten für Spieler und Spielleiter.

Destiny Dungeon ist ein tolles Produkt. Das Buch ist günstig, das PDF nicht ganz so. Dafür gibt es kostenlos ein niedrig auflösendes PDF. Die Auflösung reicht, um die Karten zu lesen, d. h. es spricht nichts dagegen, sich vor einem Kauf von der hohen Qualität des Buches zu überzeugen.

DS.Aventurien II kostenlos zum Download

Unser Spielleiter Swen arbeitet schon eine ganze Weile mit uns zusammen an der neuen, verbesserten Auflage von DS.Aventurien. Bei der alten Auflage gab es das Problem, dass höherstufige Charaktere sehr schnell fast alles konnten und sich Steigerungen kaum noch umsetzen ließen. Wir benutzen jetzt schon einige Zeit die Neuauflage mit Helden der 10. bis 12. Stufe und haben viel Spaß. Die Spieltests laufen ausnahmslos hervorragend.

Die Regeln wurden an der einen oder anderen Stelle  entschlackt und sind nun wieder etwas näher am normalen DS. Es gibt ein neues, hübsches Layout.

Ich bin beeindruckt, was für eine Arbeit Swen in so kurzer Zeit in das System gesteckt hat. Er hat unter anderem jeden einzelnen Zauber und jede Liturgie angefasst, um sie für DS.A umzusetzen. Für einige aus unser Gruppe ist es die Rettung vor DSA4.

Und alles kostenlos.

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