[Rezi] Crimson Dragon Slayer – Noch mehr OSR

[Crimson Dragon Slayer, Regelwerk, Sprache: Englisch, PDF, 42 Seiten]crimson-dragon-slayer-cover

Die dritte Generation der OSR wird lauter. Derivate haben wir genug. Wir benötigen keine x-te Variante von „Swords and Wizardry“ oder „Labyrinth Lord“ mehr, egal welcher der vielen Version von Old-School-D&D sie nun entstammt. Die zweite Generation brachte Innovation in die Wiederholung, die dritte nimmt nur noch das Gefühl und eine handvoll Regelelemente und baut etwas komplett Neues daraus.

„Crimson Dragon Slayer“ (CDS) ist so ein Spiel. Der Autor nennt sich Venger Satanis und fiel bisher durch abgefahrene Abenteuermodule auf, die gewollte Geschmacklosigkeit und SF-Elemente in die D&D-Fantasy brachten. Eine Inselkarte, auf der eine abgestürzte Enterprise eingezeichnet ist, muss man einfach lieben. Seit kurzem bewegt er sich von den Modulen weg, veröffentlichte erst ein PDF mit Spielleitertipps („How to Game Master Like a Fucking Boss„; Rezi folgt) und dann ein eigenes kleines Regelwerk.

Venger steht auf 80-Jahre-„Schund“-Fantasy und das soll CDS bieten. Es will nicht ernst genommen werden, sondern kurzen Spaß und Abwechslung liefern. Die Prämisse: Die SC sind Kumpels aus den 80ern, die sich dem Sog eines C64-Computerrollenspiels hingeben. Plötzlich scannen blaue Laser die Spieler, lösen sie auf und transportieren sie leicht verändert in das Spiel hinein. „Tron“ lässt grüßen. Dort sprechen sie kurz mit einem alten Mann, der ihnen die Welt offenbart: Auf dem Planeten Thule leben Elfen, Zwerge und Menschen zusammen. Einst wurde er von Robotern vernichtet, dann von Aliens beherrscht. Die Aliens sind vertrieben. Die Königin hat keinen Namen und sucht einen König. Drachen und ein schrecklicher Magier bedrohen die Welt. Es ist eine Mischung aus SF und Fantasy, nach Belieben angereichert mit Computerspielelementen wie Extra-Leben oder kurzfristigem „God-Modus“.

Mehr Weltbeschreibung gibt es aber auch nicht: eine halbe Seite mit den kryptischen Worten eines alten Mannes, das war’s. Der Rest der 42 Seiten des PDFs sind gefüllt mit den einfachen Regeln und einem Abenteuer.

Eine Spielfigur besteht aus den klassischen sechs Attributen Stärke bis Charisma, deren Höhe mit 3W6 festgelegt wird. Der Spieler wählt außerdem Rasse und Klasse. Neben den üblichen Rassen gibt es „Infernal Elfs“, „Robot“, „Pixie“ u. a. Als Klassen stehen zur Auswahl: Krieger, Dieb, Magier und Ranger. Da es keine Götter gibt, gibt es auch keine Kleriker. Magie kommt direkt von Dämonenfürsten. Die Liste der Zauber ist nicht sehr lang (drei Stück pro Stufe), aber ausreichend. Einzig ein Zauber gefällt mir nicht: In Stufe 10 gibt es nur noch „Wunsch“. Das fand ich schon in D&D blöd. Es fühlt sich zu sehr nach einer „Ich komme aus dem Gefängnis frei“-Karte an. In CDS ist die Stufe 10 aber das letzte Ziel, das einem den Weg nach Hause oder die Weltherrschaft bringen kann, insofern passt der Zauber wahrscheinlich doch ganz gut.

Die Regeln sind erstaunlich „indie“: Für eine Probe würfelt der Spieler ein bis drei W6 (je nach Schwierigkeit der Probe). Der höchste Wurf zählt. Eine Fünf ist ein normaler Erfolg, eine Vier ein Erfolg mit Einschränkungen. Sechsen sind besonders: Jede einzelne von ihnen gibt ein kritisches Ergebnis. Der Spieler wählt aus einer kurzen Liste aus, z. B. Extraschaden, einen Bonus bei der nächsten Handlung oder ein zusätzlicher Angriff. Abhängig von der Stufe haben die Spieler ein paar W6, die sie ausgeben können, um sie bei einer Probe zusätzlich zu würfeln. Sie regenerieren sich, wenn die SC ausruhen.

80er-Filme und Comics boten häufig charakterlose leicht bekleidete Frauen, die von Monstern gerettet werden mussten, nur um anschließend dem Helden zu Willen zu sein. Um dieses Flair ins Spiel zu bringen, gibt es die Regel, dass sich die Bonuswürfel nur regenerieren, wenn in der Ausruhphase irgendeine Form von sexueller Aktivität ausgeführt wird. Zum Glück ist das die einzige Regel dieser Art und kann leicht weggelassen werden.

CDS ist Homage und Parodie auf die Zeit, Spiele und Filme der 80er Jahre. In den Regeln bemerkt man die Parodie wenig, im Beispielabenteuer dafür umso mehr. Es gilt die „Cavern of Carnage“ zu plündern. Zu den wandernden Monstern gehören „Surf-Nazis“ und „Psychotic Candy-Colored Bears“. Es gibt ein Pacman-Labyrinth komplett mit schwebenden Punkten und Geistern. Es gibt magische Fallen, gleich zwei wehrlose Frauen, die gerettet werden wollen und einen leibhaftigen Sharktopus. Klassischere Begegnungen sind aber auch vorhanden. Mir persönlich wäre das trotzdem zu zufällig und, ehrlich gesagt, zu dämlich. Die Begegnungen sind aber ohne Frage recht spannend.

Die Prämisse von „Crimson Dragon Slayer“ ist schon recht cool. Es ist sogar das Ziel für eine mögliche Kampagne eingebaut. Das Spielgefühl kommt am Ende weniger vom gelungenen Regelwerk als davon, was der SL daraus macht, aber das Konzept ist wirklich mal etwas anderes. Ich persönlich könnte mir gut vorstellen, es mal (allerdings mit eigenem Abenteuer) auf einer Con zu leiten.

Veröffentlicht am 28. Mai 2015 in Rezensionen und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Thanks for the review! Yes, there are many intentionally humorous things in Crimson Dragon Slayer. Take gonzo and add 80’s sleaze, and cheese. ;)

  2. Pacman, Surf Nazis (ist ein Filmtitel von Troma!), bunte Bärchen – das klingt doch alles sehr nach 80er, aber sowas liebe ich ja.
    Falls hier jemand generell was mit verrücktem und lustigem 80er Zeugs anfangen kann, auch Retro Video Games, und es nicht immer nur RPGs sein müssen, dann kann ich euch das alte C64 Text Adventure „The Yawn“ ans Herz legen: ziemlich cooler Score, Monty Pythonesker Humor, nimmt alles und jeden (und vor allem sich selbst) auf die Schippe, ist politisch unkorrekt und beinhaltet eine legendäre Stelle, bei der damals Jugendschützern und entsetzten Muttis das Blut in den Adern gefror (obwohl nur Text!). Nur der eigentliche Inhalt ist eben komplett nebensächlich. Eine in Vergessenheit geratene Perle, von Nerds für Nerds. Einfach nur C64 Emulator installieren (falls man den nicht eh schon längst auf dem PC hat), The Yawn downloaden, entpacken, daddeln, dann lesen, staunen und ablachen.

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