Rezension: Private Eye

private-eye[Regelwerk von Thilo Bayer, Jan-Christoph Steines, Ulrike Pelchen, Sylvia Schlüter und Peter Schlauch, Redaktion Phantastik, Sprache: Deutsch, Hardcover, 256 Seiten, € 37,90]

Zur Spielemesse in Essen lag die vierte Auflage des Detektiv-Rollenspiels „Private Eye“ auf den Standtischen des kleinen Verlags Redaktion Phantastik. Vor zwanzig Jahren war die erste Ausgabe als kleines Heftchen erschienen. Plötzlich zogen neben Sherlock Holmes noch andere Detektive durch die nebelverhangenen Straßen Londons und versuchten ungeklärte Mordfälle und mysteriöse Diebstähle mit Lupe und Verstand, aber auch mit Hilfe von Laboren und Wissenschaft zu lösen.

War „Private Eye“ bis zur dritten Auflage, die vor immerhin 15 Jahren erschien, noch ein recht dünnes Heft von ca. 100 Seiten mit dünnem Schwarz-Weiß-Cover und simpler Innengestaltung, präsentiert sich die aktuelle Version als gut gemachtes Hardcover mit großartig von Manfred Escher gestaltetem Cover und ansehnlichem Layout. Die Seiten wurden großzügig mit alten Zeichnungen und Kupferstichen verschönert. Leider gibt es breite Seitenränder, die weit in den Text hineinragen: Eine unglückselige Designentscheidung, denn die Lesbarkeit des Textes leidet dadurch gewaltig. Hübsch sieht es aber aus.

Die Regeln haben sich im Gegensatz zur Optik nicht wesentlich weiterentwickelt. Sie sind einfach gehalten, um dem eigentlichen Spiel nicht im Wege zu stehen. Ja, man hat den Eindruck, dass sie nur aus dem Zwang heraus entwickelt wurden, dass ein Rollenspiel nun mal ein Regelwerk haben muss. Meiner Schätzung nach sind sie aus den Cthulhu-Regeln entstanden. Prozentwürfe bilden die Grundlage für das System; im Gegensatz zu „Cthulhu“ haben sogar die sechs Grundattribute (von Stärke bis Bildung) Werte von 1 bis 100. Die Charaktererschaffung ist halb zufällig: Die Spieler würfeln mit einer Reihe von Würfeln und verteilen die addierten Punkte beliebig auf Attribute bzw. Fertigkeiten. Kampf ist tödlich. Die Figuren besitzen im Schnitt 10 bis 13 Trefferpunkte von denen der Schaden abgezogen wird. Da alle Waffen entweder 1 – 5 oder 1 – 10 Punkte Schaden verursachen, sollte man Schießereien lieber aus dem Wege gehen.

Insgesamt wirken die Regeln etwas altbacken, „old-school“ würde man heute wohl sagen. Es gibt sogar Stufen. Ansonsten sind die Unterschiede eher gering und wirken so, als hätten die Autoren eigentlich lieber die Cthulhu-Regeln benutzt.

Doch obwohl die Regeln stiefmütterlich behandelt werden, sollten sie funktionieren. Sie stehen nicht im Weg, sind einfach und auf Seite 18 bereits beendet. Der Rest des kurzen Regelkapitels ist, abgesehen von ein paar allgemeinen Anmerkungen, gefüllt mit den hervorragenden Beschreibungen der wählbaren Berufe, die neben allgemeinen Erläuterungen auch Tipps enthalten, wie der Beruf im Spiel eingesetzt werden kann. Auch auf den Stand von Frauen in den Berufen gehen die Autoren (und –innen) ein. Neun Berufe werden ausführlich beschrieben und immerhin weitere neun (z. B. der reiche Schnösel, der aus Langeweile Fälle löst oder die Gesellschafterin, die neben Partys und Stickereien eine weitere Aufgabe sucht) kurz angerissen.

Das Herzstück von „Private Eye“ bilden die Hintergrundinformationen und mit diesen sind die nächsten beiden Kapitel gefüllt. Zunächst geht es um das viktorianische London (102 Seiten). Wie haben die Leute gelebt, worüber haben sie diskutiert? Was für Sport wurde betrieben? Hier wird ins Detail gegangen, Zeitungsnamen werden aufgelistet und in einem langen alphabetischen Verzeichnis werden alle Ecken und Gebäude von London beschrieben, die man sich vorstellen kann. Die Detailfülle ist erstaunlich. Man mag diskutieren, ob eine Liste mit den Mitgliedern der Rudermannschaften von Oxford und Cambridge benötigt wird, aber genau diese Art Detail ist es, die dem Gaslicht-London Leben einhaucht. Detektivgeschichten gehen schließlich um Details und diese bekommen wir geliefert. So wird „Private Eye“ zwar nicht zu einem großen Lesespaß, liefert aber ein hervorragendes Nachschlagewerk für das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Das sich anschließende Kapitel beschäftigt sich mit Ermittlungsmethoden aus eben dieser Zeit. Fingerabdrücke sind noch ein ganz neues Konzept, und es gibt eine Methoden (die Bertillonage) um einen Menschen zu vermessen, damit man so eine eindeutige Identifikationsmöglichkeit erhält. Auch hier wird mit Details nicht gegeizt und auf den insgesamt 54 Seiten erfährt man alles über Blutanalysen, Tatortbesichtigungen, Diebesberufe u. v. m.

Zwei Dinge fehlen allerdings noch, um ein Buch wie „Private Eye“ vollständig zu machen. Das eine ist ein Beispielabenteuer und das wird auch auf den nächsten 46 Seiten (vor den langen Anhängen mit Tabellen und Charakterbogen) geliefert. Die Charaktere machen eine seltsame Beobachtung als sie eines Abends den Pub King’s Head besuchen und diese führt sie in einen verworrenen Kriminalfall, den sie mit genauer Beobachtungsgabe und einem guten Gespür lösen können. Dazu gibt es ausführliche Karten und Handouts. Wieder schaffen es die Autoren die viktorianische Zeit zum Leben zu erwecken und demonstrieren, wie sie sich ein gutes Detektivabenteuer vorstellen.

Damit komme ich auf das zweite „Ding“, das im Buch noch fehlt, und das ich leider vergebens suche: Detektivabenteuer, wie sie mit „Private Eye“ gespielt werden sollen, stellen andere Ansprüche an Spieler und Spielleiter als action- oder dramaorientierte Geschichten. Hier wären ein paar Tipps vonnöten, wie der Spielleiter mit diesen besonderen Gegebenheiten umgehen kann. Eine Anleitung, wie man Abenteuer schreibt, vermisse ich genauso wie Darstellungstipps und Ratschläge zum „Troubleshooting“, wenn es mal nicht so gut läuft.

Der Spielleiter muss also auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, wenn er sich daran macht, „Private Eye“ zu leiten, traut er sich dies aber zu, hat er ein ausführliches und hübsches Buch, das alle nötigen (und mehr) Hintergrundinformationen liefert, um Detektivgeschichten in Sherlock Holmes‘ London zu spielen.

Fazit: „Private Eye“ liefert minimalistische Regeln und ein detailreiches Nachschlagewerk für Detektivrollenspiele im viktorianischen London mitsamt langem Abenteuer. Man wird von Details geradezu erschlagen. Wer gewaltloses, investigatives Rollenspiel mag, sollte zuschlagen.

Veröffentlicht am 25. Januar 2009, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Rezension: Private Eye.

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