Steam Noir – Das Kupferherz 4

SN_4.jpg[Comic von Felix Mertikat und Verena Klinke, Cross Cult, 2015, 112 S., Hardcover, deutsch
Preis: 19,80 €]

Was geschieht, wenn ein paar talentierte Leute einen Comic zu einem Rollenspiel schreiben, aber niemandem erzählen, dass es auf ein Rollenspiel basiert? Das Ergebnis einer solchen Situation liegt vor mir. Vor gar nicht langer Zeit erschien der vierte und letzte Teil von „Steam Noir “ und berichtet das Ende der Suche von Herrn Lerchenwald nach dem Kupferherz.

Das angesprochene Rollenspiel ist „Opus Anima“. Das Spiel wurde über viele Jahre entwickelt und zeichnete sich durch eine liebevoll gestaltete und vor allem innovative Welt aus. Die optische Gestaltung wurde komplett von Felix Mertikat übernommen. Das Buch ist eine Augenweide (und übrigens immer noch unter www.opusanima.de als kostenloser Download erhältlich). So liebevoll das Design auch war, der Erfolg blieb leider aus. Das lag bestimmt nicht daran, dass das Buch nicht gut gewesen wäre. Die Einstiegshürde war aber extrem hoch, zu ungewöhnlich war die Welt.

Die Welt besteht aus Schollen, die durch den Äther treiben. Seelen kehren manchmal nach dem Tod auf die Welt zurück und verzerren sie in quasi-magischer Weise. Will man die Welt beschreiben, kommt einem sofort das Wort Steampunk in den Sinn. Es gibt lebende Maschinenmenschen und andere abgefahrene technische Errungenschaften auf Dampfbasis, alles zusammen eingebettet in eine dazu passende Optik. Wahrscheinlich war diese Welt einfach nicht greifbar genug für ein lockeres Rollenspiel zu Hause. Es gab zu wenig Klischees an die sich die Spieler halten konnten. Es gab „zu viel Innovation“. Dass die Spieler die zurückgekehrten Seelen verkörpern sollten und so selbst mit kontrollierter und unkontrollierter Macht zu kämpfen hatten und von den Lebenden gefürchtet wurden, machte den Einstieg nicht leichter.

Es wäre unendlich schade gewesen, wenn so viel Innovation und Arbeit ungehört im Äther verpufft wäre. Da ist es ein Glück, dass Felix Mertikat das Comicszeichnen für sich entdeckte und zusammen mit Benjamin Schreuder und Verena Klinke die vorliegende Comicreihe entwickelte. Cross Cult brachte die vierteilige Reihe in schmucken Hardcovern auf den Markt.

In „Steam Noir“ geht es um ein kleines Ermittlerteam, das tief in die Hintergründe der Welt mit ihren Seelen, Schicksalen und Verzerrungen gesogen wird. Die Ermittlungen werden persönlicher je weiter die drei in den Fall verstrickt werden. Was hat es mit dem künstlichen Herz aus Kupfer auf sich? Und wie kann man das Chaos verhindern, das in Form der Blinden Tage droht, wenn sich die Totenwelt Vineta so nah annähert, dass die Seelen zurück auf die Schollen von Landsberg stürzen? Verschiedene Gruppen haben unterschiedliche Ziele. Wäre es nicht toll, wenn die Seelen keine Gefahr mehr wären? Oder sollte man sie auf jeden Fall vernichten?

Der vorliegende vierte Teil wurde von Verena Klinke geschrieben, die bereits seit Teil zwei Benjamin Schreuder ablöste. Mit ihm liegt der dickste Band vor und die vielen Handlungsstränge und Geheimnisse finden ihre Auflösung. „Endlich“, möchte man fast sagen, warfen doch die vorherigen Bände immer mehr Fragen auf als sie beantworteten. Damit wird der abschließende Teil auch der am besten erzählte. Auch wenn man ab und zu den Eindruck hat, dass die Geschichte unbedingt beendet werden musste, kommt ihr es insgesamt zu Gute, dass der Leser mit Hintergründen und Informationen überhäuft wird. Die Story gewinnt dadurch an einer Tiefe, die vorher nur angedeutet werden konnte.

Die ruhige Erzählweise der vorherigen Teile wird mehrfach aufgebrochen, wenn Dinge explodieren und Menschen sterben. Dennoch ist „Das Kupferherz 4“ keine hektische Geschichte. Mertikats Zeichnungen unterstützen sowohl Epik als auch das Persönliche. Das Ende ist befriedigend und wenn auch ohne überraschende Wendungen dann zumindest nicht im Detail vorherzusehen. Der Weg von Teil eins, der 2011 erschien, bis Teil vier, der seit August erhältlich ist, war lang. Doch er hat sich gelohnt.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass mit „Steam Noir“ nicht nur gute Geschichten verbunden sind. Für eine Crowdfunding-Kampagne entwickelte Daniel Danzer ein Spiel mit dem Titel „Steam Noir – Revolution“, das Mertikat bebilderte. Es handelt sich um ein ungewöhnliches Karten-plus-Spielmarker-Spiel bei dem geschickte Taktik und Verhandlungsgeschick zum Sieg führen. Die Spieler sammeln Punkte für eine geheime Organisation, die den Kaiser stürzen will. Gerät ein Spieler ins Hintertreffen, kann er aber auch den Kaiser unterstützen. Bekommt nämlich dieser am Ende die meisten Punkte, gewinnt der Spieler mit den wenigsten Punkten das Spiel (weil er am wenigsten „revoluzzerisch“ aufgefallen ist). Es geht darum, die Mitspieler zu manipulieren und geschickt zu bluffen. Leider ist das Spiel nicht im Handel, wenn man jedoch Gelegenheit hat, gebraucht heranzukommen, würde ich die Gelegenheit nutzen. Nicht nur, weil es ein schönes Sammelobjekt ist. (Anm.: Nachdem ich es versäumt habe Daniel als Autoren zu nennen, wies er mich auch gleich auf einen Link hin, der mehr über das Spiel verrät – zu finden unten bei den Kommentaren).

Fazit: „Steam Noir – Das Kupferherz“ dürfte in der weltweiten Comiclandschaft seines Gleichen suchen. Der vorliegende vierte Teil ist der krönende Abschluss einer guten Reihe. Die Schollenwelt wurde liebevoll über Jahre entwickelt und der Comic erzählt ihre Geschichte gut. Langeweile kommt nie auf. Die Zeichnungen und Farben sind toll. Wer eine (meist) ruhige Geschichte voller Steampunk, wahnsinniger Wissenschaftler, fehlgeleiteter Idealisten, Geheimbünde, irrer Magie, Familienschicksale und schrulliger Charaktere lesen möchte, findet mit „Steam Noir – Das Kupferherz“ genau, was er sucht.

[Diese Rezension erschien im Ringboten.]

Veröffentlicht am 8. Dezember 2015 in Rezensionen und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Kleine Korrektur: Das Spiel „Steam Noir: Revolution“ wurde nicht von Felix und/oder Verena entwickelt. Felix hat die Illustrationen dazu beigesteuert und das Spiel mit getestet. Alleiniger Spieleautor ist aber immer noch Daniel Danzer. ;-)
    Mehr zum Spiel hier:
    http://www.boardgamegeek.com/boardgame/133835/steam-noir-revolution

  2. Hi Daniel,

    und das mir, der so viel Wert darauf legt, dass die Autoren auch ein wenig Anerkennung finden. Ich muss zugeben, ich habe dich einfach zum „Team“ gerechnet. Aber das ist natürlich ungünstig formuliert. Sorry. Ich berichtige den Haupttext.

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