[Rezi] „Baltimore“: Mit Holzbein und Säbel gegen die Vampirpest

Baltimore1-cover[Comic von Mike Mignola, Christopher Golden, Ben Stenbeck, Dave Stewart, Cross Cult 2015, 576 S., Hardcover, deutsch
Preis: 50,00€]

Lord Henry Baltimore traf den ersten Vampir auf den Feldern des Ersten Weltkriegs und führt seitdem eine erbitterte Fehde gegen die Blutsauger, die sich wie eine Krankheit in Europa ausbreiten. Für jeden getöteten Gegner schlägt er sich einen Nagel in sein Holzbein.

Mike Mignola dürfte vielen als der Erfinder von „Hellboy“ bekannt sein. Baltimore ist eine weitere seiner Figuren. Er ist ein schweigsamer Mann mit einer Mission. Er ist aus Gründen, die uns der Comic erzählt, auf der Jagd nach einem ganz bestimmten Vampir und zieht dafür quer durch Europa.

Der vorliegende Band ist ein wahrer Ziegelstein von einem Comic. Cross Cult veröffentlicht den ersten Sammelband als limitiertes Hardcover. Bindung und Papier haben die erwartete Qualität und machen die fast 600 Seiten zu einem dicken, kompakten Buch, das den Käufer wahrscheinlich überlebt. Die Zeichnungen sind nicht von Mignola selbst. Er hat allerdings das Cover gezeichnet und ein direkter Vergleich offenbart sofort, dass sich der Stil von Ben Stenbeck und Dave Stewart (Zeichnungen bzw. Farben) gut ins Mignolaverse einfügen. Die gedeckten Farben und der flächige, reduzierte Stil passen hervorragend zu der einfallsreichen, düsteren Geschichte.

Das Buch umfasst drei längere Geschichten und ein paar kürzere. Sie decken zunächst auf, warum sich Baltimore überhaupt auf seiner Jagd befindet und führen ihn schließlich über Umwege zur finalen Konfrontation. „Die Pestschiffe“ ist die perfekte Einleitung. Die Bedrohung der Vampire als offene Gefahr – keine versteckten Monster, sondern eine Seuche, die die Menschen bedroht – und die Szenerie des beginnenden 20. Jahrhunderts werden großartig in Szene gesetzt. Die Geschichte kombiniert markige Sprüche von Baltimore, eine Maid, die ihn auf seiner Suche begleiten will und ein paar richtig gammelige Zombies. Ganz nebenbei erfährt der Leser, warum sich Lord Baltimore auf der Jagd befindet. Besser kann es kaum losgehen.

„Die Glocken der Verdammnis“ bringt eine neue Gefahr und eine neue Sichtweise auf die Blutsauger. Man kann kaum etwas darüber sagen, ohne zu viel vorweg zu nehmen. Es sei nur so viel verraten, dass es in ein Kloster geht und die Gefahr von einer ungewöhnlichen Seite kommt. Außerdem treffen die Leser einen Inquisitor der unangenehmen Art. Er ist eine großartige Figur und ein toller Gegner für Lord Baltimore. Die Geschichte ist übrigens nichts für zartbesaitete Seelen.

Es folgen ein paar kurze Geschichten. Sie sind tragisch, gruselig, spannend und voller Action. Der Inquisitor hat einen weiteren tollen Auftritt. Ein Panzer spielt ebenso eine Rolle wie Krebse, eine Witwe und ein Theater. Den Abschluss des Bandes bildet „Die Knochenkapelle“. Hier trifft Lord Baltimore auf den „Höllenzug“. Und er trifft auf seinen Gegner. Ob er ihn besiegen kann, sei hier nicht verraten.

Baltimore hat mit dem vorliegenden Comic bei Cross Cult bereits seinen zweiten Auftritt. Vor langer Zeit erschien der illustrierte Roman „Baltimore, oder: Der standhafte Zinnsoldat und der Vampir“. Schon damals tat sich Mignola mit Christopher Golden zusammen und gemeinsam führten sie den Leser in eine dunkle Welt. Ich kenne den Roman nicht, man muss ihn aber auch nicht kennen, um Freude am Comic zu haben. Laut der Beschreibungen ergänzen sich die Werke, ohne sich in die Quere zu kommen – eine Aussage, die ich gern glauben will.

Fazit: Zuschlagen! Wer düstere Comics mag, einfallsreiche Geschichten liebt und nichts gegen Vampire hat, die sich endlich wieder wie Vampire verhalten, der wird „Baltimore“ lieben. Die Geschichten in dem Sammelband sind kurzweilig, düster, blutig und schrecklich; sie bieten tolle Dialoge und einen coolen Helden mit dunkler Seele. Der Preis ist stolz, keine Frage, doch für einen stabilen Hardcoverband von dieser Qualität und Dicke ist er durchaus angemessen.

[Diese Rezi erschien im Ringboten.]

Veröffentlicht am 14. Oktober 2015, in Comics, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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