„I have no mouth and I must scream“ – Harlan Ellison

IMG_2012[Erzählungen, Heyne, Sprache: Deutsch, Broschiert, 672 Seiten, 18,99 €]

„Ich muss schreien und habe keinen Mund“ von Harlan Ellison ist vielleicht das beste Buch, das ich in meinen viel zu vollen Regalen stehen habe.

Harlan Ellison ist nicht nur ein großartiger Schriftsteller, er ist auch eine schillernde Persönlichkeit. Seine Geschichten wurden dutzendweise preisgekrönt. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ray Bradbury schaffte es Ellison nie zur Schullektüre, doch es war knapp. „Dangerous Visions“, eine SF-Anthologie, die Ellison redaktionell betreute, ist die am häufigsten nachgedruckte Anthologie ihrer Art (habe ich gehört und glaube es sofort). Viele der darin enthaltenen Geschichten waren so wegweisend, dass sie heute zu Klischees geworden sind.

Ellison ist jemand, der seinem Verleger Dutzende Ziegelsteine schickte, weil dieser gegen ihre Abmachung Zigarettenwerbung in ein Buch druckte. Er ist jemand, der bei der Fragestunde einer öffentlichen Veranstaltung einem Zuschauer eine Gegenfrage stellt: „Are you an idiot?“ – und der Zuschauer nur den Kopf senkt und sagt: „Yes, sir.“ Ellison hat in den 70ern eine Zeit lang in einem Schaufenster gearbeitet, um den Leuten zu zeigen, dass ein Autor genauso einer Arbeit nachgeht, wie jeder andere auch.

Ellison ist Schriftsteller durch und durch und das merkt man in jedem einzelnen Satz. Der vorliegende Band vereint 20 seiner besten und berühmtesten Geschichten. Will jemand intensive und vor allem ungewöhnliche Phantastik lesen, kommt er um das Buch nicht herum. Jeder einzelne Satz zieht den Leser in Ellisons Welt. Die Geschichten decken ein breites Spektrum ab. Keine davon ist gewöhnlich oder auch nur ansatzweise in dieser Art schon mal dagewesen. In der titelgebenden Erzählung wandert die letzte Handvoll Menschen über einen zerstörten Planeten und wird von dem Computer gequält, der die Welt vernichtete. In „Jeffty ist fünf“ erzählt uns der beste Freund von Jeffty, dass dieser fünf Jahre alt ist – und bleibt. Jeffty ist seit vielen, vielen Jahren fünf. Wir erfahren, was dieser Umstand für Auswirkungen auf seine Umgebung hat. In „Das Winseln geprügelter Hunde“ geht es um die Großstadt. Wenn sie einen Gott hätte, wie würde der wohl aussehen? „Zähl ich den Glockenschlag, der Stunden misst“ ist eine erstaunlich ruhige und melancholische Geschichte. Sie erzählt von zwei Männern, die sich auf einem Friedhof begegnen, ihrer Freundschaft und einer schwebenden Uhr. In dieser Geschichte steht übrigens auch mein Lieblingssatz des Buches: „Wer will schon eine Bibliothek voller Bücher haben, die er alle gelesen hat.“

Kein Phantastik-Fan sollte durchs Leben gehen, ohne dieses Buch gelesen zu haben. Vielleicht sind ihm einige der Geschichten zu abgefahren, aber sie werden ihn berühren. Ellisons Erzählungen sind alles, aber nicht egal.

Veröffentlicht am 13. Oktober 2015, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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