[Rezi] The Outer Presence – ein cthuloides Abenteuer

the-outer-presence-cover[von Venger Satanis, Abenteuer + Regelwerk, Sprache: Englisch, PDF, ca. 40 Seiten]

Was geschieht, wenn man Old-School-Ästhetik, 70er Jahre Kannibalen-Filme und Cthulhu miteinander mischt? Es kommt so etwas heraus wie „The Outer Presence“. Wenn dann noch ein funktionierendes Miniregelwerk für Horrorrollenspiele beigefügt wird, ist es das eine Prämisse, die ich gern in per Kickstarter unterstützte. Inzwischen ist das PDF erschienen und für 6,66 $ zu erstehen.

Der Autor, der das Pseudonym (ich hoffe jedenfalls für ihn, dass es ein Pseudonym ist) Venger As’Nas Satanis benutzt, hat bereits mehrere Veröffentlichungen, die er über seinen Blog bzw. Drivethrurpg.com und angeschlossene Webseiten vertreibt. Da sind zum Beispiel drei ziemlich abgefahrene Old-School-Abenteuer, ein Spielleiterbuch, das ich noch besprechen werde, und das nicht weniger abgedrehte Regelwerk „Crimson Dragon Slayer“. Der grundlegende Mechanismus von CDS ist interessant. Über die verlinkte Rezension ist darüber mehr zu erfahren.

Ich weiß nicht, ob ich „The Outer Presence“ unterstützt hätte, wenn Venger nicht angekündigt hätte, ein kleines One-Shot-Regelwerk beizusteuern, mit dem man das Abenteuer spielen kann. Es basiert auf CDS und genau wie ich es mir gedacht habe, funktioniert es für Horror ganz hervorragend – besser sogar als für die Fantasy von CDS. Das Prinzip ist einfach: Bei einer Probe würfelt der Spieler ein bis drei W6. Der höchste Würfel zählt. Je nach Ergebnis, ist die Probe miss- oder gelungen, halb gelungen, gepatzt, etc. Wie viele Würfel man würfelt, hängt von der Situation ab. Meist sind es 2W6. Hat der Spieler einen Vorteil (z. B. einen passenden Beruf), würfelt er 3W6, hat er einen Nachteil, nur 1W6. Die Charaktererschaffung besteht aus der Wahl von vier Dingen, z. B. Beruf (W20-Tabelle, falls man ihn zufällig bestimmen will) und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Es gibt hier keine Zahlen. Im Kampf würfelt der Angreifer eine normale Probe. Eine 6 bedeutet, dass ein (menschlicher) Gegner tot ist, eine 1 ist ein Patzer, etc. Regeln für Wahnsinn gibt es ebenfalls und natürlich sind sie genauso einfach wie der Rest.

Wenn ich noch mehr verrate, habe ich das gesamte Regelwerk beschrieben. Die Tödlichkeit des Kampfes ist extrem, doch passt das zum Genre. Man sollte Männern mit Macheten aus dem Weg gehen, sonst sieht man sich schnell die Radieschen von unten an. Für einen Con ist das hervorragend. Hat man die drei zentralen W6-Tabellen erst einmal verinnerlicht (und das ist extrem einfach), benötigt man die Regeln überhaupt nicht mehr. Proben sind einfach abzuschätzen. Der Kampf ist spannend und schnell. Ich bin begeistert. Hätte ich mich nicht bereits entschieden, dass ich auf meiner nächsten Con „Cthulhu 7“ ausprobieren will, würde ich auf dieses System zurückgreifen. Vielleicht tue ich das noch.

Die Regeln, so sehr ich sie mag, sind aber nur ein kleiner Teil des Heftes. Im Abenteuer werden die Charaktere gebeten auf Forschungsreise zu gehen. Sie sollen eine Expedition unterstützen, die in Neuguinea einen dort heimischen Stamm erforscht. Der Expeditionsleiter ist, wie es sich für das Genre gehört, ein wenig … eigenartig (nennen wir es einfach so). Die Charaktere kommen in eine Situation, die sie schockieren dürfte und lernen innerhalb von Minuten jemanden kennen, den sie lieben werden zu hassen. Ich kann nicht viel über den weiteren Aufbau des Abenteuers erzählen, ohne zu viel zu verraten. Die im ersten Satz der Rezi erwähnten Zutaten lassen vielleicht erahnen, in welche Richtung es geht. Die wenigen NSCs sind gut beschrieben. Der Anfang ist recht frei zu gestalten, ohne dass ich etwas vermissen würde. Das Abenteuer mündet schließlich in einen Dungeon – 30 Jahre lang konditionierte Cthulhu-Spieler werden schockiert sein. Ob das jedem Leser/Spielleiter gefällt, lässt sich bezweifeln, doch ist der Dungeon gut gemacht und liefert alles, was man für Cthulhu benötigt. Das Abenteuer will keine stimmungsvolle Detektivgeschichte erzählen, das darf man nicht vergessen. Es will mit abgedrehten Situationen und Figuren unterhalten und für die nötige Spannung sorgen. Schlechter Geschmack ist Teil des Ganzen, wie man am Genre bereits erahnen kann, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Der Leser darf sich nur  nicht daran stören, das Wort „Cock“ des Öfteren zu sehen. Ganz nebenbei ist das Heft hervorragend geschrieben: Kurz und prägnant, immer unterhaltsam.

Ich bin sehr angetan. Das Abenteuer macht viele Dinge anders, als ich es nach 30 Jahren Cthulhu (und lange Zeit davon war ich dabei) erwarte. Die Mischung ist ungewöhnlich. Dass die Figuren und die Geschichte insgesamt ziemlich abgefahren sind und Schlechter Geschmack (TM) einen Teil des Ganzen ausmacht, trägt zur Unterhaltung bei. Subtilen Horror darf man einfach nicht erwarten. Das mitgelieferte One-Shot-Regelwerk ist hervorragend. „The Outer Presence“ ist ein Projekt, das keine Kompromisse macht – auf gelungene Weise, wie ich finde.

Veröffentlicht am 21. August 2015 in Cthulhu, Rezensionen und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: