[Rezension aus der Sicht eines Gelegenheits-DSA-Spielers] Historia Aventurica

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[Quellenbuch, Ulisses Spiele, Sprache: Deutsch, Hardcover, 336 Seiten, 50 €]

Ein Aventurisches Geschichtsbuch wurde von vielen DSA-Spielern erwartet. Es sollte ein zentrales Nachschlagewerk sein. Auch ich habe mich auf so ein Werk gefreut.

Wer die DSA-Szene auch nur ein wenig verfolgt (oder zumindest ab und zu im Internet nach Rollenspiel schaut), dem ist die Diskussion über das Buch wahrscheinlich nicht entgangen. Als ich den Verlag um ein Rezensionsexemplar bat, war sie bereits im Gange, jedoch eher unter DSA-Fans. Es dauerte eine Weile, bis das Buch bei mir ankam und in dieser Zeit wurde die Diskussion hitziger. Für den Verlag sehr ärgerlich (ich komme darauf zurück): Es gab vor allem Kritik an dem Band. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, hat der Verlag reagiert. Es wird eine neue Version des Buches geben. Zunächst wird es überarbeitet und allen Käufern von PDFs die aktualisierte Version zur Verfügung gestellt. Änderungen werden markiert sein. Der Verlag nutzt dies als quasi-offene Betatestphase für das Update. Weitere Änderungswünsche der Fans werden eingearbeitet und schließlich ein aktualisiertes Buch (gefolgt vom PDF) veröffentlicht. Käufer des alten Buchs können ihr altes umtauschen, bekommen auf Wunsch also die neue Version für die Investion von ein bisschen Porto. Das nenne ich mal eine Aktion. Daran sieht man, wie wichtig das Buch ist: für Verlag und Fans.

Die folgenden Worte beziehen sich auf die alte Version. Auf inhaltliche Fehler gehe ich aus verschiedenen Gründen kaum ein. Ich gehe nicht davon aus, dass ich ein neues Belegexemplar bekomme (was ohnehin schon eine große Ausnahme war), doch vermutlich werde ich Zugang zum aktualisierten PDF haben. Sobald ich das gesichtet habe, gibt ein Update für diese Rezension.

Ich spiele seit Schulzeiten oder kurz danach DSA (ich weiß es nicht mehr so genau). Ein Freund lud mich in seine Gruppe ein. Mit diesen Jungs habe ich über viele Jahre DSA gespielt, habe sogar regelmäßig lange Fahrten auf mich genommen, um dabei zu sein. Ein echter Fan wurde ich aber nie. Ich spielte wegen meiner Freunde. Weder die Regeln – egal in welcher Edition – noch Aventurien selbst faszinierten mich genug, um mir Hintergründe anzulesen oder exzessive Arbeit in meinen Charakter zu stecken. Die Nuancen von Aventurien blieben mir fremd. Dennoch ließ sich eine gewisse Verbundenheit zu dem dreieckigen Kontinent im Laufe der Jahre nicht vermeiden – genausowenig wie diverse Grundkenntnisse, die sich aus dem Spiel mit einer aventurienbegeisterten Gruppe ergaben. Ein Geschichtsbuch über Aventurien, das den langen Metaplot des Kontinents zusammenfasst und einen allgemeinen Überblick über das liefert, was die Fans seit vielen Jahren fasziniert, ist für jemanden wie mich eine großartige Sache.

Ein Buch wie dieses zu schreiben ist allerdings eine Sisyphus-Arbeit. Zigtausende von Seiten wurden bereits für DSA verfasst. Da Aventurien gewachsen ist und nicht geplant wurde, ist es unvermeidlich, dass im Laufe der Zeit viele Widersprüche entstanden. Das ganze Material vollständig zu sondieren und eine einheitliche Geschichte daraus zu erschaffen, ist fast unmöglich. Da DSA-Fans nun mal sind, wie sie sind, werden auch kleinste Fehler zwangsläufig entdeckt und kritisiert. Auch bleibt es natürlich unvermeidlich, dass jede bei Widersprüchen getroffene Entscheidung irgendeinen Spieler verärgert. So sahen sich die Autoren einer fast unmöglichen Aufgabe gegenüber, um die ich sie wirklich nicht beneide. Durch die Aktualisierung gibt es eine Betaphase, die wahrscheinlich einzige Möglichkeit, wenigstens den Großteil der Fans zufriedenzustellen – oder ihnen zumindest das Gefühl zu geben, dass sie es selbst in der Hand hatten. Ich hoffe, die Aktion generiert ein paar PDF-Verkäufte. Wenn man die Mühe, die Kosten und den Aufwand bedenkt, den das Historia schon jetzt verschlungen hat, wäre es dem Verlag zu wünschen.

Gerade in Hinblick auf das erscheindende DSA5 halte ich ein Buch wie das Historia Aventurica für wichtig. Es musste ein Strich gezogen werden. Eine „Branche“ deren komplette kreative Arbeit von Hobbyisten erledigt wird, benötigt eine handvoll Bücher, auf die sich Autoren und Illustratoren beziehen können. So ein Buch wurde hier geschrieben. Doch dann kam es raus und kaum eine Kritik war wirklich positiv. Besonders im ersten Teil, der sich mit der Frühgeschichte von Aventurien beschäftigt, wurde stark kritisiert. Hier wurden Entscheidungen getroffen, die einige Aspekte der Götter und Mythologie verändern, was vielen Fans nicht gefiel. Außerdem wurde schnell eine Errata-Liste im Wiki Aventurica aufgemacht, wo Fans gefundene Fehler sammeln konnten. Die Liste ist lang. Für mich stellt sich bei einer so langen Liste allerdings die Frage, wie viele der gelisteten Fehler „echte“ Fehler sind und wie viele Entscheidungen, die einfach getroffen werden mussten.

Das Buch ist stabil mit Fadenheftung und Lesebändchen und sieht wertig aus. Es hat einen blauen Kunstledereinband mit metallischem Aufdruck (das Foto gibt die Farbe nicht gut wider, das Blau ist „blauer“ und der Aufdruck silber). Es beginnt mit einem Vorwort der Bandredaktion und selten war ein Vorwort so wichtig. Hier werden Designentscheidungen erklärt, die der Leser begreifen muss, will er Spaß an dem Buch haben. Es wird auch darauf hingewiesen, dass es zwangläufig zu Widersprüchen und Irrtümern kommen wird – ein Hinweis, der vielleicht mehr beachtet werden sollte. Die Grundlagen für viel Ärger unter den Fans befinden sich auf diesen Seiten. Und auch mir fällt gleich eine Designentscheidung auf, die ich nicht verstehe. Die ersten Zeitalter Aventuriens sind seine Mythologie. Das Vorwort berichtet, dass diese Zeitalter in den Worten der Unsterblichen Chalwen beschrieben werden. Immerhin hat sie alles selbst erlebt. Allerdings schreibt Chalwen nicht selbst, sondern ein anderer schreibt so, wie er vermutet, dass sie es tun würde. Was soll das? Ist es eine völlig unnötige Erklärung, dass die irdischen Autoren keinen Kontakt zur fiktiven Chalwen aufnehmen konnten? Oder irgendein In-Game-Ding, das ich nicht verstehe? Jedenfalls ist es Quatsch, der auf den folgenden Seiten auch komplett ignoriert wird. Vielleicht ist ein nur ein unredigierter Teil einer alten Version des Textes, wer weiß.

So erleben wir also die ersten Zeitalter Aventuriens aus der Sicht einer Unsterblichen, die dabei gewesen ist. Sie (oder der Typ, der so tut, als wäre er sie) schreibt wie eine gute Lehrerin, die versucht, einer Horde Siebtklässler die mythologischen Zeiten näher zu bringen. Der Text liest sich gut. Es macht Spaß über die Anfänge zu erfahren, auch wenn ich manchmal doch lieber wie ein Erwachsener behandelt werden würde. Zum Glück rutscht Chalwen nur auf den ersten paar Seiten diese nervige Klugscheißerei durch, später wird es wesentlich besser. Da es leider auf den ersten paar Seiten geschieht, fällt es nur besonders auf.

Chalwens Sicht hat den Nachteil, dass sie die Anfänge der Welt entmystifiziert. Eigentlich soll Chalwen die unzuverlässige Erzählerin sein, die dem Leser Interpretationsspielräume lässt und ihm klar macht, dass er nicht die absolute Wahrheit, sondern nur eine Meinung liest. Leider spiegelt der Text das nicht wieder. Er wirkt, als wäre er ganz bewusst neutral gehalten und als absolute Wahrheit konzipiert – jedenfalls auf mich. Hätte ich nicht die Änkündigung über die Aktualisierung gelesen, wäre mir die Idee der Unzuverlässigkeit des Textes nicht klar gewesen.

Doch abgesehen von der Darstellungsweise vermittelt das Buch eine andere Sicht über einige der Götter oder die Weltentstehung, als es bisher der Fall war. Die bisher geglaubten Machtverhältnisse und einige Persönlichkeiten sind anders. Aus meiner Sicht lesen sich die ca. 65 Seiten recht gut. Die ersten neun Zeitalter werden hier abgehandelt (die aktuelle Geschichte spielt Ende des elften Zeitalters) und wir erfahren über die Entstehung der Sphären und die verschiedenen Götter und wie die Drachen auf die Welt kamen und warum sie so viel Macht hatten. Ein paar der Sachen erscheinen mir ein wenig bieder – aber insgesamt ist das eine schöne und vor allem nicht alltägliche Entstehungsgeschichte.

Der Rest des Buches ist nicht mehr aus der Sicht von Chalwen. Der Text liest sich interessant. Es macht Spaß in dem Buch zu stöbern und Kapitel über selbst erlebte Abenteuer herauszusuchen. Abgesehen davon ist der Text aber auch gut strukturiert und mit ein paar nützlichen Gimmicks versetzt. An den Seitenrändern ist eine fortlaufende Zeitleiste. Geschichtliche Abschnitte erhalten eigene Kapitel, wie es sich für ein Buch dieser Art gehört, z. B.: „Kriege gegen die Orts – 264 bis 135 v. BF“. Gut gefallen mir die Textkästen, die bei jeder großen Überschrift zu finden sind: „Der aktuelle Stand um [Jahr X]“. Darin findet der Leser den Status Quo zu Beginn dieses Geschichtsabschnitts.

Für mich, der die Fehler gar nicht erst erkennt, ist das Historia ein hervorragend konzipiertes Geschichtsbuch über eine Rollenspielwelt, die seit 30 Jahren intensiv bespielt und kontinuiertlich weiterentwickelt wurde. Es gibt einen ausführlichen Index, die Texte lesen sich gut; Zeitleisten und geschickt platzierte Textkästen sorgen für Übersicht. Die reiche Geschichte Aventuriens kommt wunderbar zur Geltung. Das Historia Aventurica ist für mich auf gleichem Niveau wie damals das Aventurienlexikon, das mir ein einfaches Nachschlagewerk lieferte, wenn ich etwas gegen mein Nicht-Wissen tun wollte. Hoffentlich kann es mit dem Update einen ähnlich zentralen Platz in der Publikationsgeschichte von DSA einnehmen.

Mit freundlicher Unterstützung von Ulisses-Spiele GmbH: www.ulisses-spiele.de und www.f-shop.de.

Veröffentlicht am 22. März 2015 in Rezensionen und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Also wenn du nicht extra den Fotografen von #TheDress hast einfliegen lassen, ist das Teil eindeutig Schwarz-Gold, also die limitierte Edition. ;)

  2. Vibarts Voice

    „ich glaube immer noch nicht, dass nur ein geringer Teil davon echte Fehler sind“

    Wenn man die Errata-Liste auf der Wiki-Aventurica etwas weniger flüchtig betrachtet, wird schnell klar, dass die Wiki-Macher sauber recherchiert haben und in der Regel Widersprüche oder auch ganz klare Bearbeiterfehler mit Belegstellen erhärten können. Hier wäre wohl etwas mehr Sorgfalt bei deinem Urteil über eine andere Website ganz gut gewesen.

    Ansonsten finde ich es bei der Rezi etwas schade, dass man viel über sogenannte „DSA-Fans“ zu lesen bekommt, aber wenig über das Buch.

    Mit freundlichen Grüßen

    Vibarts Voice

  3. Oh je. Kein Grund, sich angegriffen zu fühlen. Zum einen be- oder verurteile ich das Wiki auf keinen Fall. Es ist eine herausragende Seite, die genau die Seite von „DSA-Fans“ zeigt, die ich anspreche: Die detailverliebte Seite, die sich unheimlich gut mit dem Quellenmaterial auskennt. Also ist auch hier keine Despektierlichkeit versteckt.

    Bei nochmaligen Durchgehen des Textes sind mir aber zwei Stellen aufgefallen, die abfällig wirken können. Da ich das nicht beabsichtige, habe ich sie gestrichen.

    Zu den Fehlern: Textstellen beweisen nicht, dass es echte Fehler sind, denn es könnte eine weitere Quelle geben, die dem widerspricht. Also ist die Info vielleicht aufgrund einer Entscheidung gegeben worden und nicht aufgrund eines Fehlers. Da ich es am Ende aber nicht beurteilen kann, habe ich auch das gestrichen.

    Die Änderungen sind gemacht, um möglichst allen Missverständnissen vorzubeugen. Was ich meine, hätte man meiner Meinung nach auch schon vorher aus dem Text lesen können, wenn man gewollt hätte.

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