Wenn sich Krähen im Labyrinth der Puppen versammeln

Zweimal Horror vom Feinsten wurde versprochen. Wie das jedoch mit Versprechungen auf Buchrücken so ist, wurden das Versprechen nur teilweise eingehalten. Wie jedes Jahr nutzte ich meinen Urlaub, um zu lesen. Zweieinhalb Bücher habe ich in der Woche geschafft. Zwei davon sind reine Horrorromane, ein Genre, das ich lange Zeit mied.

2014-09-09 22_33_19-Labyrinth der Puppen - festa-verlag.deS. L. Grey: Labyrinth der Puppen

Das Buch war ein Sponankauf. Ich war erstaunt und erfreut Bücher vom Festa-Verlag in einer großen Buchhandlung zu sehen und kaufte das mit dem spannendsten Klappentext. S. L. Grey ist das Pseudonym von zwei südafrikanischen Autoren, die mit Labyrinth der Puppen ihr Debut hinlegten.

„Labyrinth der Puppen“ klingt sicherlich cooler als der Originaltitel „The Mall“, hat aber mit dem Inhalt auch weniger zu tun. Die beiden Protagonisten Rhoda und Daniel verirren sich in den Eingeweiden eines Einkaufszentrums und treffen dort auf Grauen höchster Güte. So viel wusste ich, als ich das Buch begann. Nachdem ich in letzter Zeit Matt Ruff, Haruki Murakami und andere Autoren ähnlichen Kalibers gelesen und als Hörbuch gehört hatte, war der Anfang des Romans wie ein Kulturschock. Die beiden Hauptfiguren sind Klischés, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Rhoda ist eine gescheiterte Existenz, die ihrem Selbsthass durch ständige Wut auf alles und jeden Ausdruck verleiht. Sie passt für eine Freundin auf einen Jungen auf, den diese hüten soll, doch sie nimmt ihn mit in die Mall, parkt ihn vor einer Auslage und verschwindet auf dem Klo, um Drogen zu kaufen. Als sie wieder kommt, ist der Junge weg. Daniel arbeitet in der Mall und ist auf seine Weise genauso gescheitert wie Rhoda. Der verklemmte Mann versteckt sich hinter der Maske eines Gruftis, hasst seinen Job und himmelt von weitem eine Kollegin an, die er sich nie trauen würde anzusprechen. In einem Rollenspiel hätten die beiden jeweils genau eine Eigenschaft: Gescheitert (Wut) und Gescheitert (Weichei).

Völlig eindimensional tapsen Rhoda und Daniel durch die ersten Seiten des Buches. Rhoda gerät auf der Suche nach dem Jungen in die Fänge des Sicherheitsdienstes. Schließlich weiß sie sich nicht mehr zu helfen, flieht und nimmt Daniel als Geisel. Er soll mit ihr den Jungen suchen. Er meint ihn auf dem Weg in den Lager- und Angestelltenbereich des Kaufhauses gesehen zu haben. Die beiden verlaufen sich und stoßen dort unten bald auf den angepriesenen Horror.

Kurzweilig ist es bis dahin, auch wenn mich die beiden Figuren ziemlich genervt haben. Während sich allerdings schreckliche Begebenheit an schreckliche Begebenheit reiht und Rhoda und Daniel schließlich verschwörerische SMS eines Unbekannten erhalten, erscheint eine halbwegs stimmige Auflösung der Geschichte immer unwahrscheinlicher. Ein enttäuschendes Ende scheint vorprogrammiert.

Dann aber gibt es einen Bruch im Roman. Plötzlich ist die Frage nach dem „Warum“ völlig gleichgültig. Es wird richtig verrückt – alles zuvor erscheint nur noch als harmloses Geplänkel – und das Warum wird ersetzt durch: „Was zum Teufel ist hier los“? Ab dieser Seite gefiel mir der Roman plötzlich außerordentlich gut. Ich verschlang den Rest förmlich. Das Ende ist hervorragend gestaltet und auch die Figuren von Rhoda und Daniel nehmen auf einmal dreidimensionale Formen an.

Auch wenn ich mich zunächst daran gewöhnen musste, möchte ich das Buch jedem empfehlen, der mal wieder einfallsreichen Horror lesen möchte. „Das Labyrinth der Puppen“ ist ein waschechter Horrorroman, nicht mehr und nicht weniger. Er ist wie die besten alten Kurzgeschichten von Stephen King – auf Speed.

2014-09-09 22_32_27-Eine Versammlung von Krähen - festa-verlag.deBrian Keene: Eine Versammlung von Krähen

Hinten in „Labyrinth der Puppen“ gab es Werbung für „Eine Versammlung von Krähen“. Brian Keene wollte ich schon immer mal lesen. Da ich mein Kindle dabei hatte, konnte ich das Buch günstig online erwerben und gleich lesen.

Fünf Krähen versammeln sich vor der Kleinstadt Brinkley Springs. Sie verwandeln sich in schwarz gekleidete Männer und besprechen, wie sie über die Stadt herfallen wollen. Dann verwandeln sie sich zurück, fliegen zur Stadt und beginnen ein Gemetzel. Keene beschreibt die Nacht des Angriffs aus der Sicht viele verschiedener, größtenteils gut dargestellter Figuren. Viele davon sind ziemlich schnell tot. Actionreich und kurzweilig erzählt Keene den Untergang der Stadt und die Versuche einiger Bewohner sich doch noch zu retten.

Levi Stoltzfus ist diese Nacht Besucher in Brinkley Springs. Levi, ein ehemaliger Amish, der durch die Welt reist, um sie vor dem Bösen zu bewahren, ist bereits aus anderen Romanen Keenes bekannt und tritt nun auch hier zur Rettung an. Er ist der eigentliche Held der Geschichte, der Monsterjäger mit den tiefen Einblicken in die Grausamkeiten des Universums und den magischen Fähigkeiten, um sich ihnen entgegenzustellen.

Kurzweilig ist das alles, das muss man dem Buch zugestehen. Wäre der Roman eine Folge von Buffy, wäre ich begeistert. Als eigenständiger Roman reicht mir das aber nicht aus. Keene entwirft kein komplettes Bild, sondern wirft stattdessen mit Cthulhu-Mythos- und anderen Anspielungen um sich, als wären es Kamelle beim Karneval. Es wird ein großer Mythos angedeutet, doch viel löchrig gelassen. Es ist Name Dropping, mehr nicht. Die Figuren des Buchs werden anschaulich angerissen, aber eben nur angerissen. Und manchmal möchte man Keene am Hals greifen und schütteln, wenn er sich mit dümmlichen Liebschaften und bekloppten Dialogen über Spiderman-Puschen aufhält, um den Charakteren mehr „Tiefe“ zu geben. Und man hat den Eindruck, er hat sich noch nie mit einem Kind unterhalten.

Dennoch ist „Eine Versammlung der Krähen“ spannend und rasant. Ich habe das Buch in nur zwei Tagen gelesen. Vielleicht sollte das für ein gutes Buch ausreichen. Mir reicht das nicht.

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Veröffentlicht am 11. September 2014, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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