DSA-Bashing: langweiliges Quellenbuch

Im Zuge der Vorbereitungen meines Improvisationsspielprojekts habe ich mich verhältnismäßig ausführlich mit Aventurien auseinandergesetzt. Viele Leute meckern über die übertriebene Detailtiefe in DSA-Quellenbüchern. Nach meinem aktuellen Kontakt mit einem von ihnen würde ich vermuten das Problem liegt woanders. Es ist nicht die Tatsache, dass es viele Informationen gibt, sondern dass es langweile Kleinklein-Details sind, bei denen nicht hervorgehoben wird, was sie zum Spiel beitragen können. Stattdessen wird ein dröger Lexikonstil bemüht.

Die Frage, wie ein Quellenbuchtext interessant gestaltet werden kann, ist im Rollenspielbereich ein Dauerbrenner. Es sind eben nicht die „Stimmungstexte“, die so gern herangezogen werden. Auch nicht die bloße Anzahl an Details (groß oder klein).

Der unnachahmliche S. John Ross postete vor kurzem etwas bei G+, das es wunderbar auf den Punkt bring. Sinngemäß sagt er:

Wenn ein Absatz nicht direkt oder indirekt von Abenteurern oder Abenteuern handelt, sollte er weggelassen oder auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Als ich im Internet über Mengbilla recherchierte, war ich zunächst sehr angetan von der Stadt und all den kleinen Infos, die ich darüber fand: Gilden, Verbrechen, 1000 Verbote, Drogen, Giftmorde, Hafenstadt, Armenviertel in der Altstadt – all das sind tolle Infobrocken, die bei der Vorbereitung eines Abenteuers helfen.

Dann lieh mir einer der Spieler ein Buch mit einem großen Kapitel über Mengbilla aus. Meine Güte! Ich bin nicht über Seite zwei hinausgekommen. Eine Stadt wie Mengbilla derartig langweilig zu beschreiben, grenzt fast schon an Kunst.

Ein zufälliges Beispiel aus eben diesen ersten zwei Seiten:

Das Klima ist heiß und trocken, mit Ausnahme der beiden Regenzeiten im Tsa- und Phex sowie Rondra- und Efferdmond. […] Der sanft aus Nordost blasende Siral bringt kaum Abkühlung, da er die trockene heiße Luft der Khôm-Wüste mit sich trägt.

Vorher gab es eine ellenlange Stimmungsbeschreibung ohne Absätze, die so viele Details in einer Momentaufnahme der Stadt listenartig aneinanderpappt, dass das Auge nach drei Zeilen beginnt zu wandern. Dem folgen vier Absätze über das Großemirat Mengbilla, die praktisch nur aus Ortsnamen  bestehen.

Es wäre so einfach, das Abenteuer in den Vordergrund zu stellen:

[…] Selbst der sanft aus Nordost wehende Siral bringt keine Erleichterung. Er bläst den Stadtbewohnern die trockene heiße Luft der Khôm-Wüste ins Gesicht, treibt sie in den Wahnsinn und macht sie aggressiv.

Nicht perfekt, aber interessanter, oder?

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Veröffentlicht am 11. Dezember 2012 in Meinung und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Deine Aussage gilt in meinen Augen nicht nur für das produktgeile Das Seitenfüllende Aventurien. Zig Produkte pro Monat (~5?), da wird über kurz oder lang spielunnützes blabla angesammelt. Es geht vermutlich gar nicht anders.
    Deine Play unsafe-Reihe liest sich ausgezeichnet. Lese ich überaus gerne und beschreibt wesentlich besser, was ich unter „cheaten“ verstehe, als ich es bislang erläuterte. Go with the flow! 1 Seite mit Stichworten reicht für Wochen und Monate unterhaltsamen Spiels! Nicht die Seitenzahl bringt es, sondern die Qualität der Ideen. Vielleicht bringt Dir In a wicked Age etwas. Da sind einige Ideen drin – nur ein Vorschlag. Bin echt auf Dein Fazit zu diesem Versuch gespannt, wenngleich ich davon ausgehe, dass du danach „nicht mehr zurück zum Vorkauen“ willst. Mal sehen… Glückauf

  2. Da hast du absolut recht. Es gilt für sehr, sehr viele deutsche Produkte (auch für anderssprachige). Aber alle – auch die extrem schlechten – sind mit viel Liebe und Mühe entstanden. Mit dem richtigen Fokus wäre diese Liebe besser angelegt.

    Go with the flow! Sei der größte Fan deiner Spieler! … Das kann man sich gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen. In A Wicked Age kenne ich. Ein tolles Spiel, das ich sehr gern mal ausprobieren würde (vielleicht mal was für G+?). Die Orakel-Tabelle ist der Hammer. Auf Abulafia gibt es übrigens diverse Fan-Orakel, die auch toll sind.

    Mein Fazit wird fokussierter sein. Ich mag nach wie vor vorgefertigte Abenteuer und werde sie auch weiter benutzen. Als Autor muss ich auch weiterhin in diesen Bahnen denken – jedenfalls, wenn ich weiter Abenteuer schreiben will :-)

  3. Hmm, stimmt eindeutig.

  4. Um Missverständnisse zu vermeiden, ich will die Mühe etwaiger Autoren nicht herabsetzen. sEs ist ihr Ding, aber ich unterstelle ggf, einen Mangel an Talent, Lernbereitschaft oder/und mieses (aber evtl. profitables) Produktmanagement.

    Noch ein Vorschlag an dieser Stelle, der vielleicht Dein Autorensein und Deine Unsafe-Entdeckung vereint. Ganz egal, ob Du Trail jetzt magst oder nicht, aber schau Dir mal Armitage Files an. In meinen Augen eines der besten Abenteuer (oder eher die Kampagne) der letzten Jahre… und klar in der Improvisationsecke… lesenswert.
    Graham W. schreibt im Übrigen ebenfalls Abenteuer … :-) Ich denke, man kann diese Welten vereinen.

    Ferner ist es wichtig, dass -meine- Meinung der Ausdruck persönlicher Erfahrungen und Einschätzungen ist und keinen Absolutheitsanspruch erhebt. Gleichwohl ziehe ich es vor, eine unter Umständen provokante Position zu beziehen, auch wenn andere zu anderen Schlüssen kommen. Zur deutschen Version von Unsafe kann ich wenig sagen, aber das Original bringt in meinen Augen ne Menge – es befreit von Ballast.

    Ich hoffe sehr, dass sich die Unsafe-Idee weiter etabliert und „cheaten“ (wie ich es gerne nenne) zu mehr Unabhängigkeit von oben genannten Beispielen führt.
    Die eigenen Ideen und vor allen die der Spieler(innen) sind oft einfach „besser“ (geeignet).

    Story, Fluff immer wieder gerne, aber nach spätestens 2 Seiten -muss- etwas Nützliches für das Spiel kommen, ansonsten wird das Thema verfehlt und man sollte überlegen, ob man nicht doch lieber einen Roman schreiben will.

    Ich bin gespannt, wie das mit der Improvisation hier weiter geht. Schreib doch mal, ob bzw.wie sich DSA generell mit diesem Spielansatz in Deinen Augen verträgt.
    Kann man NSC gut und schnell – on the fly – aus dem Hut zaubern, oder bekommt man da Balancing-Probleme… Einfache Systeme eignen sich für ein dynamisches Spiel eher, wie ich finde. Aber ich mag mich täuschen …

  5. Es gibt natürlich auch noch die Theorie der reinen „Leserkunden“, die mit den Büchern gar nicht spielen, sondern sie quasi als Lesebuch über eine fiktive Welt benutzen.

  6. Eismann, die Theorie gibt es. Aber auch die wollen sich nicht langweilen. Die einzigen, die so etwas wie Nutzen aus dieser Art langweiliger Faktensammlung ziehen, sind Sammler und die „Könnte-Leser“: „Wenn ich die Infos über XYZ irgendwann einmal brauchen sollte, *könnte* ich die Bücher lesen.“ – und selbst die freuen sich, wenn sie in Rezis lesen, dass sie dann auch Spaß daran haben könnten.

    Ich kenne genau einen DSA-Sammler und der ist so ein „Könnte-Leser“.

  7. Ingo, Mangel an Talent und Lernwillen: Eher Mangel an Erfahrung, würde ich sagen. Rollenspielautoren wollen meiner Erfahrung nach immer das beste aller möglichen Bücher schreiben. Einen spannenden Sachtext zu schreiben ist aber sauschwer, das sollte man sich ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ich persönlich finde auch den Vorwurf, dass deutsche Rollenspielautoren alles verkappte Romanschriftsteller sind, totalen Quatsch. Es ist dann doch etwas komplizierter als: „Das sind alles Deppen.“

    Ich liebe Trail :-) Ich habe nur Probleme, das Pool-System richtig im Spiel einzusetzen, aber das lerne ich auch noch. Die Armitage Files sind wirklich super, wenn ich auch nicht sicher bin, ob ich die leiten könnte.

    Die Übersetzung von Unsafe ist toll, die transportiert die gleiche Begeisterung und Warmherzigkeit wie das Original.

    Ich selbst werde das weiterhin parallel laufen lassen. Ich kann sehr viel Spaß mit einem Pathfinder-Abenteuer haben und am nächsten Tag einen freien Spielabend genießen. Aber ein Artikel über die Impro-Tauglichkeit von DSA ist eine gute Idee. Wenn ich die Zeit finde, werde ich dazu bestimmt noch etwas sagen.

  8. Der Vorwurf des Romanautors ist ja imho ein anderer: Nicht, dass man es nicht kann (ein Romanautor ist ja höchst respektierlich, Respekt vor jedem, der damit sein Geld zu verdienen mag) – sondern eher, dass viel zu viele Ausgänge vorgegeben werden. Stichwort Railroading. Da hätten sie gleich einen Roman schreiben können … (Die These selbst entspricht nicht unbedingt der Meinung des Autors ;))

  1. Pingback: Improspiel: Wie es ausging « Einige Seiten des Buches Eibon

  2. Pingback: Meine Mission DSA zu verstehen | Einige Seiten des Buches Eibon

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