Rezension: Der Banküberfall (Mikro-Modul #1)

Banküberfall[Regelwerk + Abenteuer von Nicolai Bonczyk, Mantikore-Verlag, Sprache: Deutsch, DIN-A6-Heft 38 Seiten, 5,99 €]

Mit „Der Banküberfall“ bringt Mantikore-Chef Nicolai Bonczyk ein ungewöhnliches Produkt auf den deutschen Markt. Es ist ein „Mikro-Modul“, ein Heftchen mit kompletten Regeln und Abenteuer und Quellenteil, alles im Hosentaschenformat DIN A6 auf noch nicht einmal 40 Seiten.

Ich dachte zunächst, ich wüsste, was mich erwartet, Produkte dieser Art gibt es schließlich viele. „Der Banküberfall“ ist aber anders, er bietet mehr als die meisten ähnlichen Produkte und macht – zumindest mir – einfach mehr Spaß.

Die ersten 18 Seiten sind gefüllt mit einleitenden Worten und einem kleinen Regelwerk. Diese Regeln ermöglichen wie vorgesehen einen schnellen Einstieg in ein Wild-West-Rollenspiel – es ist schnell erklärt und Charaktere sind schnell gebaut. Es gibt wenig Überraschungen: ein paar Grundattribute und weitere Eigenschaften, die sich daraus ableiten; Trefferpunkte, Fertigkeiten, Waffenschaden. Einige der abgeleiteten Eigenschaften erscheinen zunächst sinnlos. Warum z. B. lege ich einen Wert in Charme fest, wenn er einfach dem Grundattribtut Persönlichkeit entspricht? Ich vermute, dies geschieht, um das Spiel selbst möglichst einfach zu halten: Ein einziger Blick auf den Charakterbogen, und jeder Spieler weiß, wie charmant er ist.

Ein anderer Grund könnte sich im Impressum verbergen. Dort steht: „Text: Nicolai Bonczyk 1993/2012“. Ich kann das Alter von Bonczyk nur schätzen, würde aber vermuten, dass er 1993 im Teenageralter war, in dem viele von uns die ersten Schritte als Spieledesigner unternommen haben. Dieses Alter würde ein paar der Werte und das Retro-Gefühl erklären, dass die Regeln auslösen. Das passt nicht nur wunderbar ins Portfolio des Mantikore-Verlags, der ja fast ausschließlich Spiele und Bücher aus alter Zeit wieder auflegt oder nachempfindet, sondern ergibt für ein Produkt wie dem vorliegenden auch absolut Sinn. Einfach und schnell geht es am besten klassisch.

Proben werden mit einem W10 absolviert (Unterwürfeln eines Wertes). Der Waffenschaden hängt stark davon ab, wie gut eine Probe gelungen ist, sodass es, wie es sich für den Wilden Westen gehört, sehr nützlich ist, ein guter Revolverheld zu sein. Ein kleines Kapitel mit „Expertenregeln“ erklärt so wichtige Dinge wie Pistolenduelle, Steigern der Werte zwischen den Abenteuern oder Poker.

Bei der Waffenliste zeigt sich das erste Mal, warum „Der Banküberfall“ besser ist, als die meisten Produkte dieser Art. Die Liste gibt einen kleinen, aber feinen Überblick über die Waffen des Wilden Westens – mit Bildern. Es ist dieses kleine „Mehr“ an Informationen, das auch an anderen Stellen im Heft zu finden ist, das mir so gut gefällt.

Das Abenteuer ist eine Überraschung. Es ist für Cons ausgelegt und für einen Spielleiter und genau acht Spieler konzipiert. Die Spieler bilden zwei Gruppen von Fremden, die das kleine Örtchen Waterhole betreten, um – tja, um irgendetwas zu tun, das erst am Spieltisch verraten werden soll. Da die beiden Gruppen gegeneinander arbeiten, sollen sie selbst erleben, was die jeweils andere Gruppe vorhat. Der Titel „Der Banküberfall“ verrät aber schon in welche Richtung es geht. Damit das Spiel reibungslos abläuft, baut der Spielleiter drei Tische auf, die in H-Form stehen und setzt sich an den Querbalken das Hs. Die beiden Gruppen setzen sich an die gegenüberliegenden Tische. So kann der Spielleiter mit beiden Gruppen reden, ohne dass sich diese gegenseitig leicht belauschen können. Der Ablauf ist eher eine Idee, als ein ausgearbeitetes Abenteuer und genau das macht die Geschichte interessant. Ich muss es jedenfalls demnächst einmal ausprobieren.

Der Rest des Hefts ist gefüllt mit allgemeinen Informationen. Das Örtchen Waterhole bekommt eine Karte (ebenso wie die Bank), eine Liste mit Orten und Bewohnern mit Werten, alles kurz und knapp aber ausreichend. Zu guter Letzt findet der Leser einen gelungenen Abenteuergenerator mit Tabellen für Wild-West-Abenteuer, eine Spiegelstrich-Liste mit Fakten über den Wilden Westen, sowie die beiden Karten als Handouts zum Kopieren.

Was den „Banküberfall“ so schön macht, sind die kleinen und großen Zusatzinfos, die er dem Spielleiter bietet. Die Inspiration für die knappe Aufbereitung der Infos stammt offenbar aus dem Old-School-Bereich des Rollenspiels und wurde hervorragend umgesetzt; Bonczyk gelingt der Spagat zwischen Knappheit und Detailgetreue perfekt. Ich habe zunächst geschluckt, als ich den Preis von 5,99 € für das kleine (aber hübsche) Heft sah, aber er ist absolut gerechtfertigt.

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Veröffentlicht am 10. Dezember 2012, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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