Improspiel im Einsatz: 2. Spielabend des 2. Versuchs

Nach dem positiven Erlebnis des ersten Spielabends, der zwar nicht das brachte, was ich erwartet hatte, aber uns alle freudig auf den nächsten Spielabend blicken ließ, setzte ich mich an die Vorbereitung.

Eine Technik des Improvisierens ist es, Dinge wieder aufzugreifen, die schon einmal vorgekommen waren. Also machte ich eine Liste mit Dingen, die bisher nur angerissen worden waren:

  • Badehaus
  • die Schläger der Fernhändlergilde
  • der Chef der Kurtisanengilde und die beiden Kurtisanen, zu denen die SC Kontakt hatten. Ich legte Namen fest, wo ich es vorher nicht getan hatte.
  • u. a.

Dann machte ich eine kurze Liste mit Dingen, die passieren könnten. Um noch eine Technik aufzugreifen: Es gibt die Betrachtung des Status von Personen, basierend auf der Idee, dass sich alle Interaktionen mit anderen Menschen um Status drehen. Eine spannende Sache ist es immer, den Status im Laufe der Geschichte umzukehren. Außerdem wollte ich eine kurze Liste mit spannenden Szenen, die ich jederzeit einstreuen konnte. Daraus ergab u. a.:

  • Eine der beiden Kurtisanen vom ersten Abend wird entführt. Iskander von Winhall, der Chef der Gilde, und sie sind ein Paar, und er wird zu einem heulenden Bündel, wenn sie weg ist. Status von hoch zu tief.
  • Hakim erkannte einen der Angreifer als Mitglied der Traumbringergilde. Da diese mit der Bettlergilde verbündet ist, weiß er nicht, ob er den Charakteren in Zukunft loyal gegenüber sein kann. Es könnte sein, dass er vor die Wahl gestellt wird, wenn jemand seine Beteiligung an der Geschichte erfährt. (Statuswechsel von unten nach oben bzw. zu einem ungewissen Status) Er ist aber stolz darauf, ein extrem loyaler Stadtführer zu sein und berichtet ihnen deshalb von dem Problem und gibt damit gleichzeitig den Hinweis von welcher Gilde die Angreifer kamen.
  • Geldübergabe im Badehaus, weil dort keine Waffen am Körper getragen werden können. Die Bösewichte haben natürlich irgendwo Waffen versteckt.
  • Eine andere Geldübergabe in dem Armenviertel am Hafen, über das ich bereits nachgedacht hatte. Der Typ, der das Geld abholt, trinkt einen Unter-Wasser-atmen-Trank und springt zwischen die Boote ins Wasser.
  • Eine Begegnung mit Häschern, die einen unschuldigen Typen aufgreifen, der es versäumt hatte, sich Bürgerrechte zu kaufen.

Schlussendlich ging ich noch einmal meine bereits gemachten Listen durch und freute mich auf den nächsten Spielabend. Die ganze Vorbereitung hat vielleicht 20 min gedauert.

Der Spielabend kam. Die Charaktere verließen das Armenviertel (Hakim erzählte wie geplant, wem die Angreifer angehörten) und gingen zu einer Heilerin, die ihnen Hakim zeigte. Dort wurden sie behandelt und trafen mit ein paar Häschern zusammen, die einen der Wartenden bei der Heilerin mitnahmen, weil er keine Bürgerpapiere hatte. Kleine Impro, die evtl. noch wichtig werden könnte:

  • Einer der Spieler vermutete, dass diese Häscher Leuten im Hafen auflauern, die gerade ihr Schiff verlassen, und sie zusammenschlagen. Wenn diese dann zum Heiler gehen, ohne vorher Papiere gekauft zu haben, verschleppen sie sie in die Sklaverei. Ich fragte mich, warum ich nicht selbst auf diese logische und tolle Idee Idee gekommen war und griff das sofort auf. Die Heilerin bestätigte die Vermutung. Leider kümmerten sich die SC nicht weiter um diesen Handlungsstrang, aber vielleicht kann ich ihn ja noch einmal irgendwo einbauen.

Nun trafen die SC doch endlich bei der Familie ein, die die Entführungen zu beklagen hatte. Da es noch keine Lösegeldforderung gegeben hatte und die SC das Kästchen noch nicht genau untersucht hatten, beschloss ich, dass ein Brief im Deckel des Kästchens klemmte. Dort stand die Lösegeldforderung: 500 D sollen zum Sonnenuntergang in einem Sack in eine blaue Dschunke im Hausbootviertel von Mengbilla gelegt werden. Da die Entführer vermuten konnten, dass die Nachricht trotz geklauten Kästchens irgendwie bei der Familie ankommt, schickten sie jemanden hin, der es abholen sollte, falls es dort ist.

Die SC erklärten sich bereit, das Geld zu übergeben. Sie versteckten sich in der Nähe des Bootes, bis ein kräftiger junger Mann kam, das Geld nahm und über die vielen Reihen an weiteren Booten Richtung Meer lief. Die SC nahmen die Verfolgung auf, beobachteten, wie er ein Fläschchen austrank und ins Wasser sprang. Weil 12,5 kg Gold (das Gewicht von 500 D) einen Schwimmer ziemlich behindern, konnten die SC ihn schnell einholen und ein grandioser Kampf unter Wasser entbrannte. Nächste kleine Impro:

  • Das Blut lockte einen Hai an, der zufällig (ich würfelte aus, wie viele Runden es dauerte, bis er die SC erreichte) genau in dem Augenblick kam, als der Bösewicht tot war und sie nur noch das Gold bergen mussten.

Zwei Haiattacken später waren sie aus dem Wasser und hatten die Leiche und das Gold geborgen. Die SC beschlossen den Geist des Toten mithilfe eines Zaubers zu befragen. So endete der Spielabend.

Schon wieder hatte ich nur sehr wenig „richtig“ improvisiert. Vielmehr war  genau das geschehen, was ich mir vorher ausgedacht hatte – abgesehen von den beiden erwähnten Kleinigkeiten.

Mir fiel folgendes auf: Meine Vorbereitung, die Art des Spiels und die ganze Stimmung am Tisch war ganz ähnlich wie das Rollenspiel, das wir zu meiner Schulzeit gemacht hatten. Früher hatte ich mich häufig vorbereitet, indem ich drei bis vier Stichworte auf einen Zettel schrieb und den Rest spontan machte. Damals empfand ich das nicht als Improvisation, denn ich hatte die Handlung ja aufgeschrieben. Im Endeffekt war der gerade erlebte Spielabend genau das Gleiche. Der einzige Unterschied: Ich legte die Handlung so wenig wie möglich fest, sondern verließ mich auf die Spieler, wo immer es möglich war.

Jetzt musste ich mir nur ausdenken, was der Geist des Toten erzählen würde und es konnte zum dritten Spielabend gehen, über den ich übermorgen berichten werde.

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Veröffentlicht am 10. Dezember 2012 in Meinung, Spielhilfen und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Dir dürfte es da sehr ähnlich wie mir gehen in Sachen Improvisation. Ich improvisiere immer dann am besten, wenn ich viel vorbereitet habe. Ich habe den Eindruck, dass auch publizierte Abenteuer (für Cthulhu, anderes lese ich zu wenig) immer mehr den Weg gehen, erzählerische Eckpunkte zu definieren, die Wege zwischen diesen Eckpunkten und auch ihre Reihenfolge ganz offen zu lassen. Wenn ich die Grundstruktur des Plots verinnerlicht habe, fällt es mir wesentlich leichter, auf die Ideen der Spieler einzugehen und Dinge zu verändern. Ich habe einfach gemerkt (bei meinem Test von Don’t Rest Your Head), dass ich keine Spannung aufbauen kann, wenn ich gar nicht weiß, wo das ganze hinführen soll.

  2. Ich glaube auch, dass fürs Improvisieren (und Ergebnisoffenheit) Vorbereitung notwendig ist, aber keine Vorbereitung eines Abenteuers, sondern des Rahmens. Welche Motivationen haben die NSC, welche Gefahren lauern im Umland, ggf. einige passende Zufallstabellen erstellen etc. pp.

  3. Sehr tolle Artikel die mir echt Lust machen es umzusetzen (Btw ich werde es umsetzen sobald wir das Um Ulm herum Abenteuer hinter uns gebracht haben). Gerade für One shots oder eben „Zwischensequenz“-Abenteuer finde ich es ideal.
    Danke für die tollen Artikel!

  1. Pingback: Improspiel in der Praxis bei bucheibon.wordpress.com | 3w20

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