Improspiel im Einsatz: Richtig improvisieren, 2. Versuch

Mein zweiter Impro-Versuch, mehrere Monate später – diesmal DSA. Ich hatte mir gerade das Hörbuch von „Improspiel“ angehört, die Techniken waren mir also noch frisch im Gedächtnis. Eine Sache wollte ich anders machen als letztes Mal: Mehr vorbereiten.

Nun scheinen sich Vorbereitung und Improvisation zu widersprechen. Sie scheinen aber nur. Es ist fast unmöglich aus einem leeren Raum heraus, Ideen und Handlung zu generieren. Als SL benötigt man einen Fundus an Dingen, die passieren können. Man sollte ein wenig über die Gegend wissen und sich Gedanken zu möglichen Örtlichkeiten machen, die es geben kann.

Da sich die Gruppe auf dem Weg nach Mengbilla im südlichen Aventurien befand, sollte das Abenteuer dort spielen. Ich setzte mich also vor den Computer und googelte nach Mengbilla. Die Wiki Aventurica war recht hilfreich, außerdem eine andere Seite, deren Namen ich vergessen habe. Ich fand sogar ein Hobbyabenteuer, das – so sagte die Kurzbeschreibung – auf die Stadt detailliert einging. All das las ich durch und notierte fleißig Ideen und interessante Infos, z. B.:

  • beherrscht durch Gilden, die eigentlich Kartelle sind
  • Wer keine Stadtrechte gekauft hat, ist ohne Rechte und kann verschleppt und als Sklave verkauft werden.
  • Hafenstadt
  • Es könnte eines von diesen Hausboot-Stadtvierteln geben, wo arme Menschen auf schäbigen Booten leben.
  • warm, südlich => besondere Tierwelt und Vegetation
  • Rauschkraut => Orte, die ich spontan Rauchhöhlen nannte, vergleichbar mit Opiumhöhlen
  • Hakim, der katzbuckelnde Stadtführer
  • eine spontane Idee: jemand drückt den SC ein Kästchen in die Hand, in dem sich eine abgeschlagene Hand mit einem Silberring befindet. Bei der Vorbereitung überlegte ich mir, dass eine dramatische Liebesgeschichte dahinterstecken könnte, wie Romeo und Julia zwischen Kartellen und mit einer nun einhändigen Julia.
  • Altstadt = Armenviertel
  • Arena und Gladiatoren
  • Boron
  • Sklaven
  • Verfolgungsjagd über Dächer
  • Tauchgang in der Flussmündung oder im Meer
  • Namensliste

Am Ende hatte ich 60 bis 90 min Zeit investiert und vier Seiten mit Stichworten vollgeschrieben. Das Tolle war, das ich nur den Teil der Vorbereitung durchführte, der Spaß macht: Ideen sammeln und ein paar Listen schreiben; keine ganzen Sätze, keine Werte, keine ausgefeilten Szenen oder detaillierte NSCs, einfach nur eine Liste mit Dingen, die mir gerade in den Sinn kamen, während ich ein paar Seiten Quellenmaterial las. Diese Listen ergaben vier Seiten aventurisches Flair gepaart mit Handlungsideen.

Gut gelaunt und gespannt, wie es laufen würde, ging ich in den ersten Spielabend. Die Spieler unserer Gruppe sind es gewöhnt, dass ihnen der SL eine Aufgabe präsentiert und sie diese versuchen zu lösen. Als dann Stadtführer Hakim auf sie zukam und fragte, wo sie hinwollten, waren sie etwas überfordert. Sie wollten ja eigentlich nirgendwohin, sondern nur kurz jemanden abliefern und mit den nächsten Schiff weiter. Hier machte ich meinen ersten Fehler:

  • Meine Aufforderung, selbst aktiv zu werden, geschah im leeren Raum. Hakim hätte den SC Alternativen vorschlagen müssen, nicht einfach fragen, wohin sie wollen. Alternativen kamen mir instinktiv falsch vor, weil ich die Spieler ja selbst entscheiden lassen wollte, aber ohne eindeutige Alternativen funktioniert das nur selten.

Nach einem kleinen Zusammenstoß zwischen Hakim („ehrenwertes Mitglied der Bettlergilde“) und ein paar Schlägern der Fernhändlergilde – eine Szene aus meinem Repertoir an Ideen – ließen sich die SC zum Badehaus bringen. Zweiter Fehler:

  • Hier geschah nichts. Sie gingen rein, beobachteten wie hier Geschäfte abgewickelt wurden (wie es in römischen Bädern wirklich Gang und Gäbe war) und gingen wieder raus. Die „Plattform“ Badehaus (um einen technischen Begriff auf „Improspiel aufzugreifen) wurde von mir nicht gekippt.
  • Stattdessen spielte ich ihnen etwas später das Kästchen mit der abgetrennten Hand zu.

Offenbar widerstand ich an dieser Stelle instinktiv einer Improvisation und griff lieber auf das zurück, das ich mir schon vorher überlegt hatte – eine vertane Chance, die neue Technik auszuprobieren, aber kein Beinbruch für die Geschichte.

Als die SC wegen Beihilfe zum Diebstahl verhaftet werden sollten – schließlich hatten sie die Diebesware in der Hand -, konnte Hakim ihnen mit einem Trick helfen. Auf dem Deckel des Kästchens prangte das Wappen der Kurtisanengilde. Die Hand stammte evtl. von einem Elfen. Die Spieler spekulierten eine Weile, was es mit der Hand auf sich haben könnte und hier kam es dann endlich zur ersten „echten“ Improvisation des Abends:

  • Als einer der Spieler sagte: „Oder es ist eine Entführung“, wurde mir plötzlich klar, dass ich wie immer zu kompliziert gedacht hatte. Spontan warf ich das ganze Romeo-und-Julia-Drama, das ich in Erwägung gezogen hatte, über Bord und machte eine ganz „normale“ Entführung aus dem Fall. Es war eine hervorragende Entscheidung, wie sich zeigte, zum einen, weil es die Geschichte vereinfachte und zum anderen weil so die Erwartung der Spieler erfüllt wurde.

Daraufhin gingen die SC zum Chef der Kurtisanengilde, der die Entführungstheorie bestätigte. Die Familie von Melchum vermisste drei Kurtisanen, u. a. einen Elf. Eine der Vermissten war bereits tot aufgefunden worden. Lösegeldforderungen gab es allerdings noch nicht.

Auf dem Weg zum Haus der Familie gab Hakim, der sie immer noch führte, den SC die Wahl, ob sie den unauffälligen Weg durch das Armenviertel oder außen herum gehen wollten. Sie nahmen ersteren Weg. Zweite Improvisation:

  • Ich brauchte etwas Action für den Abschluss des Abends. Deshalb beschloss ich die Idee „Verfolgungsjagd über die Dächer der Stadt“ von meiner Liste aufzugreifen. Im Armenviertel wurden die SC von fünf Leuten mit kleinen Armbrüsten angegriffen, die auf den Dächern der ärmlichen Hütten lauerten. Es waren Leute der Traumbringergilde (Rauschkrauthändler, die Gilde, aus der die Entführer kommen, wie ich spontan beschloss), die gesehen hatten, wie die SC das Kästchen entgegengenommen hatten und es sich nun zurückholen wollten.

Bei dem sich anschließenden Kampf kam es zwar zu keiner Verfolgungsjagd, weil die SC die zwei Mörder, die flohen, nicht verfolgten, aber der Kampf selbst war toll, weil wir die zwei Ebenen (Dach und Straße) und die engen Gassen voll einbezogen.

Damit endete der erste Spielabend. Ich war zunächst etwas unzufrieden. Es gab für meinen Geschmack zu wenig Entscheidungen, die die Charaktere fällen mussten (obwohl wir durchaus nettes Rollenspiel hatten). Einer der Spieler war allerdings entgegen meines eigenen Gefühls begeistert. Es gab eine Menge Aventurienflair und die Handlung selbst – besonders der Kampf am Schluss – hatten ihm sehr gut gefallen.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich eigentlich mehr improvisiert habe, als mir zunächst bewusst war. Immer, wenn es darauf ankam, habe ich etwas aus meiner Liste heraussuchte, das gerade gut passte und es in die Geschichte eingefügt – kein Gängeln der Spieler, kein Railroading, nur eine sich natürlich entwickelnde Handlung.

Ich bereitete den Spielabend nach, indem ich mir aufschrieb, was geschehen war (besonders die Namen und Orte). Jetzt war ich gespannt, wie der zweite Abend laufen würde, über den ich in ein paar Tagen hier berichte.

Advertisements

Veröffentlicht am 8. Dezember 2012 in Meinung, Spielhilfen und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. purpletentacle

    Toller Spielbericht! Ich freu mich auf die Fortsetzung. Ich glaub ich muss mir Improspiel nochmal reinziehn :)

  2. Hmm, ich bin noch unschlüssig, ob es mir gefallen würde oder nicht. Gerade mit dem Improvisieren von Krimigeschichten – die über etwas ganz simples hinausgehen – kann man sich doch schnell verheddern. Außerdem mag ich es ja prinzipiell vom Abenteuer herausgefordert zu werden und bin gar nicht mal unbedingt zufrieden, wenn sich meine Erwartung sofort erfüllt, sondern nach und nach Puzzlestücke zusammengetragen werden. Naja, soweit meine Gedankenwelt, der Bericht ist auf jeden Fall klasse!

  1. Pingback: Improspiel in der Praxis bei bucheibon.wordpress.com | 3w20

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: