Improspiel im Einsatz: Richtig improvisieren, 1. Versuch

Was Graham Walmsley in „Improspiel“ („Play Unsafe“) erklärt, klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Ein vollkommen improvisierter Spielabend, bei dem alle Beteiligten auf den Ideen der anderen aufbauen und so ein flüssiger, freier und spannender Spielabend entsteht. Walmsley selbst sagt in seinem kleinen Buch, dass es ein unerreichbarer Optimalfall ist und bleiben wird. Die Idee der Improvisation und wie sie dort erklärt und durchgeführt wird, ist aber hervorragend – auf jeden Fall zu gut, um sie nicht einmal auszuprobieren. Ich habe mich jetzt zum zweiten Mal daran versucht und werde meine Versuche für mich und andere Improvisationswillige in den folgenden Artikeln analysieren.

Das erste Mal war nur ein mäßiger Erfolg (um es vorweg zu nehmen: der zweite war schon wesentlich besser). Ein paar Freunde, mit denen ich viel zu selten spiele – Midgard- und Cthulhu-Fans – erklärten sich bereit, meine Versuchskaninchen zu sein. Cthulhu erschien mir zu schwierig zu improvisieren. Also Midgard. Meine mangelnden Regelkenntnisse wollte ich durch Spielerwissen ausgleichen lassen. Es ist keine Schande, wenn man fragt. Der Teil hat gut funktioniert.

Ich dachte mir also eine Ausgangssituation und ein paar mögliche Begegnungen aus und legte los. Der Anfang war noch spannend, aber das war ja auch der Teil, den ich vorbereitet hatte. Die Charaktere saßen in einem Gasthaus an der Stadtmauer einer größeren Stadt als plötzlich ein Baum aus dem nahen Wald über die Mauer in die Stadt klettern wollte. Er bewegte sich auf seinen Wurzeln. Mithilfe von Magie gelang es, ihn zu stoppen.

Das Abenteuer dauerte zwei Spielabende, in denen verhältnismäßig wenig passierte. Genauer: Es passierte eigentlich eine Menge, aber ich fand es nicht spannend. Die Charaktere trafen auf Elfen im Wald, die gegen andere Elfen kämpften und bekamen einen Bericht von Walddämonen, die von einer Elfengruppe erweckt wurden, um damit die nahe Stadt zu vernichten. Sie kämpften gegen einen Walddämon (einen riesigen Keiler aus Wurzeln und Moos), verhandelten mit den „guten“ Elfen und rannten immer wieder im Wald umher. Auf einen Spielabend konzentriert, hätte es mir gefallen.

Rückblickend betrachtet war die Handlung gar nicht so schlecht, die einzigen spannenden Teile hatte ich mir allerdings schon vorher ausgedacht (Walddämon, Elfengruppen, Baumangriff). Dazwischen lagen teilweise recht lange Abschnitte an denen wir nur Handlungen „abspulten“ – keine Würfelwürfe, keine Spannung bei den Verhandlungen, nur ein wenig ausgespielte Handlung, die zum nächsten logischen Punkt des Abenteuers führten.

Die Frage ist jetzt, wie es die Spieler empfanden. Sie sagten, sie fanden es gut, doch wie viel davon Höflichkeit war, kann ich nicht sagen.

Meine Schlussfolgerungen aus meinem ersten Versuch:

  • Ich brauche wahrscheinlich eine belebtere Umgebung, um zu improvisieren – wenn mehr los ist, ist es einfacher. Ein Wald mit ein paar Elfen reichen vielleicht nicht.
  • Ich hätte mich mehr vorbereiten sollen – mehr allgemein nutzbare Ideen erschaffen, die jederzeit aufgegriffen werden können, mehr Hintergrund zur Stadt und zum Wald lesen. (Nein, das widerspricht sich nicht: Die Vorbereitung einfach eine andere.)
  • Mir fehlt noch die passende Denkweise. Man muss Improvisation üben. Dazu gehört ein Fundus an Möglichkeiten, die Handlung im Sinne des Rollenspiels spannend zu machen. Das Abarbeiten von logisch folgenden Szenen, ohne Unsicherheit, Würfelwürfe und ab und zu einen Kampf, ist im Rollenspiel langweilig.
  • „Routinen“ und „Plattformen“ sind wichtige Techniken, die ich konsequenter umsetzen muss. Beides läuft auf das Gleiche hinaus: Man schafft einen Ruhepol und unterbricht ihn mit etwas, das die Handlung vorantreibt. Das Unterbrechen hält die Energie am Tisch aufrecht und sollte regelmäßig gemacht werden. Das habe ich zu selten gemacht. Das ist auch etwas, das ich für relativ schwierig halte.

Im nächsten Teil gucke ich mir an, was beim zweiten Versuch besser lief. Dann geht es hier weiter.

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Veröffentlicht am 6. Dezember 2012 in Meinung, Spielhilfen und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Amel, dein Blogpost kommt gerade recht! Ich habe Play Unsafe gestern gelesen und war begeistert. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich sowas kann. Daher sind mir deine Erfahrungen eine große Hilfe! Weiter so!

  2. Übermorgen geht es weiter mit Versuch zwei, der wesentlich besser lief und für mich eine kleine Offenbarung war (und immer noch ist). Wenn du es selbst ausprobiert hast, würde ich mich freuen, ebenfalls darüber zu lesen.

  3. Interessanter Bericht – vielen Dank! Ich muss zugeben, ich bin ein Vorbereitungsfreak und würde mich nicht trauen, einen Abend komplett zu improvisieren. Meine Angst, es könnte am Spieltisch zu Leerlauf kommen, ist einfach zu groß ;-) Improvisieren gelingt mir immer dann besonders gut, wenn ich viel Material über das Setting gesammelt habe, das ich den Spielern bei Bedarf „hinwerfen“ kann. Dann können tatsächlich spannende Szenen, Momente und Plotwendungen entstehen.

    Ich glaube, dein Ansatz mit der „belebteren Umgebung“ ist ein wichtiger Punkt: Zwei, drei interessante NSC, deren Motivation eine Weile im Dunkeln bleibt und die die Spielercharaktere immer wieder fordern, hätten sicher für zusätzliche Spannung und Überraschung gesorgt.

    Bin gespannt auf den nächsten Teil deines Berichts!

  4. Da gehe ich auch genauer auf den Vorbereitungsaspekt ein. Es ist nur eine andere Art der Vorbereitung.

  5. Die Schwierigkeit ist zu eskalieren. Danke habe ich mich auch schwer getan, aber es wird etwas besser. Man darf sich nicht (nur) auf das Logische konzentrieren, dann rollt das Abenteuer langsam den Hügel hinunter ins Ziel. Man muss ungewöhnliche Dinge passieren lassen, dramatische. Ich denke, wenn man sich das immer wieder beweißt macht passiert es von alleine, auch wenn es ein ziemlich banaler Tipp ist.

  6. Jan, du hast von einem mobilen Gerät mit Autokorrektur geschrieben, oder? :-)

    Ich finde den Tipp überhaupt nicht banal, er ist sogar essentiell. Ich habe das bei beiden bisherigen Versuchen der Improvisation erlebt. Die Handlung kullerte so vor sich hin.

    Walmsley nennt das „Plattformen kippen“ oder „Routinen unterbrechen“. Man schafft bewusst einen Ruhepol (egal ob das eine Routine wie ein Tavernenbesuch ist oder eine Situation, in der die SC sicher sind – genannt Plattform) und bricht diesen dann auf. Das ist irgendetwas, das die Story vorantreibt und Handlung ins Spiel bringt.

    Für den zweiten Abend habe ich das gelöst, indem ich mir entsprechende Listen gemacht habe. Das hat, wie sich zeigen wird, nicht 100%ig geklappt (jedenfalls im Sinne der Impro), aber für sehr zufriedene Spieler gesorgt.

  7. Ja, habe ich ;)

    Impro muss man halt auch lernen. Ich bin dem auch nur näher gekommen, indem ich mir ein paar mal die dinge vorbereitet habe, die ich später improvisieren konnte. Das geht schon ganz gut. Man lernt halt erst einmal in die Denkmuster zu kommen und wenn man die hat, muss man es nicht mehr vorbereiten sondern kann es improvisieren.

    Was Walmsley mit den Plattformen und dem Durchbrechen der Routine meint ist nicht ganz das, was ich meinte. Ich meinte mehr, dass man eben bewusst versuchen muss, Situationen zu eskalieren. „Routine durchbrechen“ ist dafür noch zu weich, weil man sich da „rausreden“ kann, indem man sagt, dass man doch einen Twist reingebracht hat. Aber wenn der zu lahm ist, dann funktioniert es nicht. Da sollte man sich wirklich mal unter Druck setzen krass zu werden. Dann kommt man da eher voran und durchbricht Routinen besser.

  8. Jan, ok, klingt logisch. Ich muss da auch noch heftig üben, werde aber auf jeden Fall am Ball bleiben. Der DSA-Versuch hat viel zu viel Spaß gemacht, um jetzt wieder aufzuhören.

  1. Pingback: Improspiel in der Praxis bei bucheibon.wordpress.com | 3w20

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