[Rezension] Daniel Nagel – Immer nur bei Nacht

Als ich gebeten wurde, eine Rezension des Hörbuchs „Immer nur bei Nacht“, geschrieben von Daniel Nagel und gelesen von Achim Zien, zu schreiben, habe ich trotz Zeitmangel gern zugesagt. Etwas über zwei Stunden Hörbuch von einer cthuloiden Novelle, das sollte doch machbar sein. Machbar war es auch, hat mich aber mehr als einen Anlauf gekostet.

In der Novelle macht sich der Detektiv Jefferson Pilgrimm auf die Suche nach einer Erklärung für den angeblichen Selbstmord von Jakob Bierce – eine Erklärung, die natürlich mitten in cthuloides Grauen führt. Spätestens wenn nicht weit in der Geschichte der Name Yith fällt, weiß der Lovecraft-Kenner, was ihn erwartet.

Die Hörbuchumsetzung ist für eine Hobbyproduktion recht gelungen. Achim Zien liest langsam und betont und stellt die verschiedenen Erzählebenen mit Verstellung der Stimme anschaulich dar. Die Darstellung des Detektivs ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Der Ich-Erzähler wird im Noir-Tonfall mit etwas tieferer, „rauchiger“ Stimme des typischen Chandler-Detektivs dargestellt. Das gelingt Zien nur mäßig gut. Je weiter allerdings die Geschichte geht, umso weniger bemüht er sich mit der Schauspielerei und umso besser wird es. Insgesamt halte ich die Lesung für eine solide Leistung – vielleicht nicht bis ins letzte Detail überzeugend, aber gut.

Die Novelle selbst:

Stellenweise war ich beeindruckt. Daniel Nagel schafft es, Lovecrafts Sprachstil recht gut einzufangen und übertreibt es weder mit Metaphern noch mit Adjektiven – klassische Fehler bei Lovecraft-Imitationen.

Einzelne Szenen stechen hervor. Eine Szene versetzt den an die Großstadt gewöhnten Detektiv in ein am Waldrand gelegenen Haus. Er fürchtet die Geräusche und Schatten und sieht dunkle Gestalten um das Haus. Die Beschreibungen gehen organisch ineinander über und sind insgesamt sehr gelungen – wenn auch nicht unbedingt gruselig.

Der metaphysische Teil der Geschichte ist richtig toll. Die Idee der Yith wird auf zwei Ebenen gelungen weitergeführtn. Das sind zwei richtig gute, neue (jedenfalls mir) Ideen, die auch noch schön umgesetzt wurden.

Leider ist der Rest der Geschichte eine reine Lovecraft-Kopie – wenn es weitere Nuancen gibt, sind sie mir jedenfalls entgangen. Wie immer bei Kopien ist das Original einfach besser (wäre ja auch tragisch, wenn der Meister so einfach zu kopieren wäre). Die Stimmung der Nichtigkeit und des Kosmischen, die Lovecraft so hervorragend beschwört, fehlte mir, genau wie irgendein Punkt, der mich in die Geschichte zieht. Das führt dazu, dass ein Dreiviertel der Geschichte
für mich recht langweilig war, weswegen ich auch mehrere Anläufe zum Anhören gebraucht habe. Wie sie bei Leuten ankommt, die noch nie von Lovecraft gehört haben, kann ich schlecht beurteilen, aber diese dürften auch weniger die Käuferschicht sein. Außerdem sollten sie dann am besten einfach ein Lovecraft-Hörbuch hören.

Ein Fazit fällt mir schwer. Der Weg zum Ende des Hörbuchs war nicht immer leicht, doch hat mich die Auflösung dafür entschädigt. Als Schreibübung ist „Nacht“ ganz hervorragend gelungen, als spannende Unterhaltung nicht ganz so. Der Preis ist mit 5 € so gering, dass man auf der Suche nach einem neuen Mythos-Kick ruhig einmal genauer hinschauen kann.

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Veröffentlicht am 5. November 2012, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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