Rezension: Malmsturm – Die Welt

[Weltbeschreibung von Werner Hartmann, Björn Lensig und Dominic Dießlin, Uhrwerk Verlag, 2011, Sprache: Deutsch, Hardcover mit Goldschnitt, 528 Seiten, € 49,95]

„Malmsturm“ ist eine Veröffentlichung in zwei Teilen. „Die Regeln“ konnte der Neugierige auf der RPC 2011 bewundern und sie seitdem unter http://www.malmsturm.de herunterladen, „Die Welt“ erschien im gleichen Jahr zur Spielemesse in Essen. Gemeinsam bilden sie ein komplettes Fantasyrollenspiel, doch auch getrennt voneinander sind es vollwertige Rollenspielprodukte.

Beide Bücher wissen optisch wie inhaltlich zu beeindrucken. „Die Regeln“ sind als universelles Fantasyregelwerk auf Basis von „Fate“ konzipiert und funktionieren allein wie auch in Kombi mit „Die Welt“. Letzteres ist eine vollständige Weltbeschreibung auf 528 Seiten, die mit oder ohne Regelwerk genutzt werden kann. Das Buch erwähnt zwar Spielwerte doch benutzt Fate beschreibende Attribute, „Aspekte“ genannt, die auch losgelöst vom Regelwerk funktionieren und so muss man nur bei den Kreaturenbeschreibungen ein paar Werte ignorieren, um das Buch für jedes beliebige Fantasyrollenspiel benutzen zu können.

Optisch macht das Buch wirklich etwas her. Es hat ein dunkles Schwarzweißcover mit einem Schriftzug, wie er auf alten Heavy-Metal-Platten zu finden sein könnte (und genauso wurde er auch konzipiert). Es ist schmucklos und doch irgendwie beeindruckend in seiner Schlichtheit. Hinzu kommt ein Goldschnitt, und „fluffiges“, wertiges Papier. Das Buch ist ein wahrer Klotz, denn durch ein kleines Format (B5) und seine durch Papier und schiere Seitenzahl verursachte Dicke wirkt es wie ein Ziegelstein, an dem kaum ein Bibliophiler vorbeigehen kann, ohne es anfassen und darin blättern zu wollen.

Tut er dies stößt er sofort auf Björn Lensigs großartige Zeichnungen. Für beide Malmsturmwerke zusammen hat er 300 Bilder angefertigt, die rohe Brutalität und Wildheit ausstrahlen. Die Monster sind wirklich monströs, Kämpfe brutal und das Wetter extrem. Wo er friedliche Szenen oder einfache Personen darstellt, könnten diese aus einem Conan- oder Elric-Roman stammen. Damit fängt er perfekt ein, was Werner Hartmann mit seinen Texten beschreiben will: Eine uralte Sword-and-Sorcery-Welt, in der Ruinen wirklich alt, Helden todesmutig und Barbaren noch richtig barbarisch sind. Einzige Kritik an den Äußerlichkeiten: Ich hätte mir gewünscht, dass die Weltkarte im Vorsatz ist (so toll das Bild dort auch ist) und die Kartenausschnitte vor den Kontinentenkapiteln einen etwas größeren Maßstab haben (also weiter „hineinzoomen“).

Den Hauptteil des Buches bildet die Beschreibung der drei größten Gebiete der Welt des Malmsturms. „Der Norden“ liegt nördlich einer Bergkette und ist klimatisch von der südlich gelegenen „Waismark“ getrennt. Man findet dort fellbekleidete Barbaren mit Seelen so rau wie das Wetter, die an Leibers Fafhrd oder Howards Conan erinnern. Die „Waismark“ ist ein ehemals vom „Imperium“ besetztes Gebiet, das an das von den Römern verlassene Europa erinnert. Die ehemalige Zivilisation ist noch zu bemerken, aber die Sitten sind rauer und die Schwerter sitzen lockerer. Das „Imperium“ ist das letzte der Hauptgebiete und könnte ein von Dämonenbeschwörern bevölkertes Römisches Reich sein, das ein wenig an Moorcocks Melniboné erinnert.

Ein paar andere Länder werden in kürzeren Kapiteln abgehandelt und dann gibt es noch das Kreaturenkapitel „Flora und Fauna“, das Werte, viele Zeichnungen und gute Beschreibungen liefert. Sehr schön ist auch ein kurzes Kapitel mit Legenden und Mythen, die als Zitate präsentiert werden. Das sind viele Ideen auf wenigen Seiten.

Die Beschreibungen der Welt lesen sich toll. Hartmann geizt nicht mit Details, beschränkt sich aber auf die wichtigen und interessanten Informationen bzw. darauf, was zur Stimmung des Bandes beiträgt. Er fasst sich trotzdem kurz. So gibt es eine Übersicht über die vielen Währungen, Gewichts- und Längeneinheiten der Welt des Malmsturms, immer wieder Zitate aus den jeweiligen Ländern und haufenweise Legenden und sagenhafte Orte. Dadurch ist der Lesespaß von der ersten Seite an da und niemand muss sich durch öde „Stimmungstexte“ oder verworrene politische Darstellungen quälen. Es wird nie geschwafelt, und alles ist wohlgeordnet und leicht wiederzufinden. Der Schreibstil unterstützt außerdem die archaische Stimmung der alten und magischen Welt. Mein erster Eindruck war: Dies ist die beste Weltenbeschreibung, die ich seit sehr langer Zeit gelesen habe. Es ist lange her, dass ich Listen mit Legenden und Beschreibungen von Orten oder Berufen mit Spannung las.

Irgendwann fällt aber etwas auf, das das Buch nicht sehr gut kann: Es hat Schwierigkeiten, eine Übersicht zu verschaffen. Manchmal wird der wichtigste Punkt einer Beschreibung erst am Ende klar, wenn zum Beispiel bei den Aspekten eines Ortes „Kornkammer des Nordens“ steht, aber vorher nirgendwo erwähnt wird, dass er eine besondere Bedeutung als Nahrungslieferant hat. Das gezeichnete Bild der Welt ist trotz der vielen Details recht grob. So vermischen sich die vielen Legenden, Völker, Orte, Zitate und all die anderen Details zu einem Brei, der etwas den Überblick vermissen lässt.

Im Laufe des Buches wird das aber weniger. Besonders das Imperium ist sehr übersichtlich und die Unterschiede zwischen den Religionen, Völkern und Gegenden gut dargestellt. Es hebt sich auch gut von den beiden anderen großen Gebieten ab und ist ganz generell ein faszinierender Ort an dem ich sofort losspielen möchte.

Fazit: Das Buch macht sich gut im Regal und auf dem Wohnzimmertisch, denn es weiß durch seine Dicke und äußere Gestaltung mit Goldschnitt zu beeindrucken. Blättert man darin, wird der gute erste Eindruck bestätigt, denn Lensigs Zeichnungen sind zahlreich, stimmungsvoll und handwerklich hervorragend. Der Text gibt zwar nicht auf Anhieb einen guten Überblick, ist aber übersichtlich aufgeteilt, ideenreich und unterhält, ohne zu schwafeln. Was will man mehr? Ein tolles Buch.

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Veröffentlicht am 10. Februar 2012, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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