Es lebe die Goldene Regel!

Die „goldene Regel“, die so lange fester Bestandteil eines jeden Regelbuches war, ist in Ungnade gefallen. Auch wenn ich weiß, wie es dazu kam, frage ich mich trotzdem, warum so viele Leute den eigentlichen Sinn der Regel plötzlich zu übersehen scheinen.

Man erinnere sich, die goldene Regel sagt nichts anderes als: „Es ist Dein Spiel, mach damit was du willst, ändere, was du willst, und ändere es auch gern wieder zurück, wenn es dazu dient, Euer Spiel zu verbessern.“

Die Autoren wollen uns damit sagen, dass es um unseren Spaß geht und wir uns um Himmels Willen nicht vorschreiben lassen sollen, woran wir Spaß haben. Sie weisen mit der Regel darauf hin, dass Rollenspiel ein breit gefächertes Hobby ist, in dem verschiedene Leute aus sehr unterschiedlichen Dingen Spaß ziehen und viele verschiedene Stile existieren, die ein einzelnes Regelwerk nicht alle unterstützen kann.

Man kann es auch als Aufforderung an den Spielleiter interpretieren, alles jederzeit und völlig beliebig abändern zu dürfen, um seine tolle Geschichte, einen Spannungsbogen oder ähnliche nicht rollenspieltaugliche Dinge durchzusetzen. In der Phase des „Storytelling“, in der so viele Theorien zum Geschichtenschreiben für das Rollenspiel herangezogen wurden, schien diese Interpretation der Goldenen Regel unausweichlich, aber Hand aufs Herz: Wer glaubt wirklich, dass dies ihr ursprünglicher Sinn war?

Ein schlechter Spielleiter ist immer schlecht, ob er spontan Regeln ändert oder nicht.

Herrscht Vertrauen in der Gruppe, weil der Spielleiter seine Entscheidungen zur Diskussion stellt (wie im letzten Artikel schon festgestellt), sind auch spontane Regeländerungen kein Problem. Zur richtigen Zeit angebracht, verbessern sie das Spiel! Einfache Regelsysteme funktionieren sogar nur mit der Goldenen Regel, denn Ad-hoc-Entscheidungen sind dort an der Tagesordnung.

Deshalb rufe ich der Goldenen Regel zu: „Nur Mut, irgendwann wirst du wieder richtig verstanden!“, und wende mich meinem eigenen Spiel zu, bei dem ich noch schnell eine Regeländerung für Szene drei im nächsten Abenteuer festlegen muss.

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Veröffentlicht am 5. Mai 2011, in Meinung. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 14 Kommentare.

  1. Find ich gut!
    Gerade im Internet neigen die Diskutanten solcher Themen dazu, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen bzw. das geschriebene Wort in regelrecht juristischer Manier auseinander zu nehmen – und dabei den eigentlich offensichtlichen Sinn und Zweck aus den Augen zu verlieren. Das nervt!
    Irgendein großes Rollenspiel-Tier hat wohl mal sinngemäß gesagt „Play the spirit of the game – not the rules!“.
    Wenn das Regelwerk „completely broken“ ist, kann die goldene Regel alleine es nicht „fixen“, und sie kann auch nicht jedes Regelwerk für jede Gruppe zum Knüllerspiel machen. Das soll sie aber auch gar nicht; sie ist kein Allheilmittel – wenn’s aber irgendwo zwickt und drückt hat ein banales Aspirin schon so manches Mal geholfen.

  2. „Goldene Regel“ meine Fresse, was für ein Quatsch!

    Wenn dies Lapalie, langweilige Selbstverständlichkeit da oben tatsächlich eine ach so güldene Regel ist, dann möchte ich nicht wissen was für ein Mist und Dreck der Rest des Regelwerks ist.

    Wenn der Regelautor sich schon bemüßigt fühlt sowas explizit zu sagen und es dann auch noch „Goldene Regel“ (der sonstwie euphemistisch) genannt wird, dann sollte doch zumindest eine Erklärung kommen, warum überhaupt Regeln im Spiel sind und was der Autor sich dabei gedacht hat, damit es den Spielern leichter gemacht wird Dinge wegzulassen oder zu verändern. Das wäre dann sogar ein „Goldenes Kapitel“. Aber Regelschmierertypis vom Schlage „Wir haben die Regeln extra beschissen gemacht, damit sie eh nicht verwendet werden“ müssen wohl so was wie eine „Golden Regel“ haben und das in möglichst pathetischen Worten daherseiern, damit niemand merkt, das es nicht mal Katzengold ist.

    Wenn mir jemand (und zwar nicht nur in einem Nebensatz) erklärt, daß das mein Spiel ist und ich damit machen kann was ich will, muß er mich doch für den dümmsten Menschen der Welt halten. Und sowas lasse ich mir nicht gerne ins Gesicht sagen.

    Ich frage mich aber, warum diese untote Sau ständig von neuem durchs Dorf getrieben wird?

  3. @MSch: Wow, da habe ich wohl einen Nerv getroffen :-)

    Die „Goldene Regel“ war eine zeitlang Standard in jedem Regelwerk: DSA, White-Wolf-Spiele, überall. Meist war sie ein Nachsatz im Vorwort oder dem Regelteil oder in einem Textkasten zu finden. Auch heute noch findest du diese „Goldene Regel“ in vielen Vorworten von Regelsystemen und häufig sogar Quellenbüchern.

    Das ging zu einer Zeit los, in der man auf so etwas noch hinweisen musste, um „Powergamer“ nicht zu groß werden zu lassen und es einfach mal klarzustellen. Es ist noch gar nicht so lang, dass sie in Ungnade gefallen ist, für unnötig befunden oder eine Ausrede gehalten wird

    „Regelschmiertypis“, wie du sie beschreibst, gibt es übrigens nicht, weil eine derartige Handlungsweise keinen Sinn ergibt. Manche Verlage testen ihre Systeme vielleicht weniger als gut wäre oder drücken aus Kostengründen bei einer weniger guten Einzelregel ein Auge zu, aber alle wollen, dass es im Großen und Ganzen läuft. Wenn nämlich nicht, bekommen sie das von den Fans schneller um die Ohren gehauen, als sie „2nd Edition“ sagen können.

  4. Es geht ja nicht darum, daß ein Autor in der Einführung oder bei Kommentaren zu den Regeln erwähnt, daß das alles keine Pflicht ist und nach Abwägung in der jeweiligen Gruppe geändert werden kann, sondern, daß man so eine Lapalie mit einem verblödeten Titel versieht und ihr einen extra Kasten spendiert, sie vielleicht auch noch blinken läßt und so was auch noch Regel nennt.
    Und Du zählst ja auch die üblichen Verdächtigen auf. Natürlich wäre es jetzt interessant zu schauen, wie das in meine Lieblingswerken gehandhabt wird und wie meine Lieblingsautoren dazu stehen …

    Das mit den Powergamern, dazu gibt es doch auch eine „Regel“, oder?
    … ach ja: „Spiel nicht mit Arschlöchern!“
    Aber golden würde ich sie jetzt nicht nennen wollen.

    Und die Regelschmietypis gibt es natürlich doch, wenn ich mir anschaue wie schnell manche zweite Edition (oder 3.8775te oder was weiß ich) erscheint, Errata, die bei Preisverleihungen sowohl von der Nützlichkeit als auch der Dicke unter „bestes Supplement“ laufen könnten, wie viele Spiele es gibt wo der Konntar lautet: „tolles Setting aber spiele es lieber mit abc oder xyz“ und natürlich die Regeln von Vampire ;-)

  5. Ich hab ein Problem mit deiner Argumentation. Es gibt ja eben die Leute, die eben nicht die Einigung auf Hausregeln (was ich sehr<symphatisch finde, aber dann muss man es nicht so aufbauschen, da hat MSch schon recht) darunter verstehen, sondern eben davon das Recht ableiten, sich über die anderen Regeln spontan und ohne Wissen der Mitspieler hinwegsetzen. Gerade letzteres ist anstrengend, denn wenn sie das nicht täten, könnte man sie meiden. Aber um es positiv auszudrücken: Mögen es möglichst viele so wie du sehen ^^

  6. Norbert G. Matausch

    Interessant, wie massiv du auf eine Regel reagierst, die es seit Ewigkeiten gibt (und die erst in den letzten paar Jahren im Zuge der ganzen Indie-Diskussion in Verruf geriet), MSch.

    Zum einen ist die Goldene Regel tatsächlich eine Regel, genauso wie „würfle mit 1W20 über Wert x“. Nur, daß sie halt kein in-game-Ereignis beschreibt, sondern metaspielig ist.

    Zum anderen nervt mich persönlich das ganze Gehabe der Kritiker, die die GR verdammen, weil sie sie als Entschuldigung für „schlampige“ Regeln ansehen.

    Ebenso unverständlich sind mir die Leute, die lauthals fordern, daß der Autor sich halt mit den Regeln mehr Mühe geben hätte sollen, dann hätte es die GR gar nicht erst gebraucht.

    Was natürlich, mit Verlaub, BULLSHIT ist.

    Wer jemals ein Rollenspiel selbst geschrieben hat, das nicht nur in seiner Gruppe gespielt, sondern auch „der Öffentlichkeit“ zur Verfügung gestellt wird, versteht, daß er immer nur Regeln schreiben kann, die *aus seiner Sicht* und *in seiner Welt* funktionieren.

    Natürlich haben die Menschen seit Erfindung des Spiels Regeln verändert und für sich angepaßt. Das war auch bei 0e oder Braunstein nicht anders.

    Aber manche Rollenspieler — und hier eben auch die GR-Kritiker — scheinen so wenig Eier in der Hose zu haben, so obrigkeitshörig und schafartig zu sein, daß sie sich nicht trauen, einfach die Regeln zu ändern, wenn sie ihnen nicht gefallen.

    Die Goldene Regel gibt diese „Erlaubnis“ ganz explizit.

    Was daran schlecht sein soll, verstehe ich nicht.

  7. @MSch: Mann, Mann, da muss aber jemand frustriert von den „großen“ Systemen sein :-)

    Um es zu wiederholen: Das stammt aus einer Zeit, in der Rollenspiele noch relativ jung waren und sich vom Brettspiel abheben mussten. Brettspielregeln ändert man nicht einfach so und diesen Unterschied musste man neuen Spielern (die es damals noch viele gab) erklären.

    „Powergaming“ ist übrigens wieder „in“ und wird häufig nicht mehr als etwas Böses betrachtet.

    Und: Nein, absichtlich schlecht geschriebene Regeln gibt es nicht. Aber ich werde dich nicht vom Gegenteil überzeugen können, also versuche ich es gar nicht.

    Ich mag die Vampire-Regeln übrigens, sehr sogar.

    @Greifenklaue: Siehe Absatz 4 und 5 im Artikel. Schlechte Spielleiter sind immer schlecht, da nützt auch ein krampfhaftes Festhalten an ein Regelbuch nichts.

    Die so genannte Goldene Regel ist historisch anders gewachsen, heutzutage aber hauptsächlich ein Verteidigungsmechanismus. Es gibt viele Leute, die ein Regelwerk verdammen, weil es nicht ihren Spielstil abbildet und nicht weil es objektiv schlecht ist. Die Autoren sagen: „Leute, wir können nicht jeden Spielstil bedienen und wir wissen das. Wir wissen, dass jede Runde irgendeine Kleinigkeit finden wird, die ihr nicht passt. Bitte macht uns nicht dafür verantwortlich, wir haben getan, was wir konnten.“

    Das ist vielleicht unnötig, aber verständlich, oder?

  8. Norbert: Danke. Genau das. :-)

  9. >>Ein schlechter Spielleiter ist immer schlecht, ob er spontan Regeln ändert oder nicht.<< Ich halte dagegen: ein guter spielleiter wird nicht besser, wenn er die Regeln spontan ändert …

    Ich kann mir insgesamt nur wenige Spieler vorstellen, bei denen das wirklich gut ankommt – obwohl es da sicher auch ein paar gibt.

    Davon ab, verstehe ich Dein Argument aber nicht bzw. finde die Argumentation vorher entwertet.

    Du argumentierst doch, die Goldene Regel regen hausregeln an und sind nicht dazu gedacht, spontan was anders zu machen. Dann schreibst Du aber, wenn, ist das auch egal ;)

    Ich finde da Florian´Bergers schsma aufschlußreicher, es gibt zwei Arten rollenspiele. Das eine funktioniert nur mit strikten Regeln (und ist das, was mir – mittlerweile und langer Lernphase – das, was mir Spaß macht) und es gibt eine, bei der es mit der Goldenen Regel eine Metaregel gibt, die anderen Spaß macht. Dazu gibt es vermutlich die überwiegende Mehrzahl, der das nicht bewußt ist, der es egal ist oder denen schlicht beides Spaß macht.

    Damit kann ich – meist – gut leben.

  10. Hallo Greifenklaue,

    „Ein schlechter Spielleiter ist immer schlecht, ob er spontan Regeln ändert oder nicht.“ Ich halte dagegen: ein guter spielleiter wird nicht besser, wenn er die Regeln spontan ändert …

    Doch, das kann er sein (zugegeben: in Ausnahmefällen, mir geht es nur um einen lockeren Umgang miteinander und mit dem Thema). Ich habe sogar ein bis zwei Beispiele, über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde.

    Ich bin auch nicht gegen spontane Regeländerungen, ich bin nur gegen häufige und beliebige Änderungen.

  11. >>Ich bin auch nicht gegen spontane Regeländerungen, ich bin nur gegen häufige und beliebige Änderungen.<< Ich schon … ^^^ Haare Deiner Beispiele.

  12. Haare??? Ist das eine Anspielung? ;-)
    Beispiele seit gestren online. Bin gespannt, was du sagst.

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