Rezension: Greg Gifune – Children of Chaos

Im Zuge eines „Gesundschlankens“ hat sich der Festa-Verlag auf seine Kernkompetenzen besonnen und bringt nun wieder hauptsächlich Horrorromane und Thriller auf den Markt. Drei neue Autoren hat Frank Festa gefunden und Verträge für den Verlag gesichert. Er spricht so begeistert von allen Dreien, dass ich der Neugierde nicht widerstehen konnte und nach und nach alle drei las (Herrn Festas Begeisterung als reines Marketinginstrument abzutun wäre, nach allem, was ich bisher über ihn gehört habe, eine Fehleinschätzung). Brett McBeans „Mutter“ habe ich ja bereits besprochen und ich freue mich sehr, dass nächstes Jahr ein weiterer Roman von dem jungen Autoren erscheinen soll. Der zweite Autor ist Carlton Mellick III. Von ihm las ich „Die Kannibalen von Candyland“ doch das Buch hat mich relativ kalt gelassen. Die erstaunlichste Neuentdeckung für den deutschen Markt ist Greg Gifune.

Sein Roman „Blutiges Frühjahr“ erscheint noch in diesem Quartal. Mir dauerte das trotzdem zu lange und deshalb beschloss ich einen seiner Romane auf Englisch zu lesen. Die Wahl viel auf „Children of Chaos“ und ich kann Festas Begeisterung uneingeschränkt nachvollziehen.

In „Children of Chaos“ wird der erfolglose Schriftsteller Phil von seiner Vergangenheit eingeholt. Als Jugendlicher tötete er mit seinen zwei besten Freunden einen Mann. Die Nacht war dunkel und regennass und der Kerl redete irres Zeug und war beängstigend. Sie verdächtigten ihn ein Kindermörder zu sein. Der Mord war – irgendwie – eine Affekthandlung von seinem Freund, in die sich der Protagonist hineinziehen ließ.

Dreißig Jahre später träumt Phil immer noch von dem Regen und dem Schlamm im Wald und von dem toten Fremden, den sie damals vergruben und seine Habseligkeiten versteckten. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen beiden Freunden, dafür aber eine Tochter, eine Ex-Frau und ein Alkoholproblem. Mitten zwischen Ärger und Geldmangel wird er von der Mutter seines alten Freundes Martin kontaktiert und gebeten ihn zu suchen. Martin hat sich in der mexikanischen Wüste mit einer Gruppe von Anhängern verschanzt und verkündet den Weltuntergang. Auf dem Weg in die Wüste hört Phil viele Gerüchte, die nichts Gutes verheißen.

Greg Gifune wird wegen seiner melancholische Schreibweise gelobt. Es ist nicht der erste Begriff, der mir bei seinem Stil einfällt, dazu ist er zu intensiv; Melancholie verbinde ich eigentlich mit ruhigeren Tönen. Doch wie man es auch immer bezeichnen will, Gifune schafft es mit seiner emotionalen und dunklen Erzählweise, den Leser förmlich in die Geschichte zu saugen. Die dunkle Stimmung fließt von der ersten Seite aus dem treibenden Text und zieht den Leser in den Bann.

Nach dem Rückblick auf den Mord, den Phil und seine Freunde vor 30 Jahren begangen haben, folgt in Einblick in den Alltag des schlecht bezahlten Schriftstellers, als dieser erfährt, dass seine Tochter einen Autounfall hatte, und er im Krankenhaus seine Frau und ihren Freund trifft. Natürlich kommt es zum Streit. Für mich war dieser Einstieg fast schon zu intensiv. Der Leser wird ungebremst und ohne jede Vorbereitung in die Gefühlswelt und die Probleme von Phil geworfen, was die Szene trotz der Intensität fast zur Plattitüde machte.

Doch bald ist man in der Geschichte drin, und sie lässt einen nicht mehr los. Dabei passiert gar nicht so viel. Dennoch kann der Leser die schlechte Stimmung nachvollziehen unter der Phil nach Mexiko reist, um seinen Freund davon zu überzeugen, nicht mehr wahnsinnig zu sein – denn genau auf dieses eigentlich aussichtslose Unterfangen scheint es hinauszulaufen. Was Phil auf dem Hinweg alles erfährt und sieht, ist ebenfalls kein Grund, um Hoffnung zu schöpfen.

Der Klappentext sagt eigentlich schon zu viel über das Buch, deshalb will ich nicht auf alles eingehen, was dort steht. Aber auch wenn ich  den Eindruck hatte, dass es keine Überraschung geben dürfte, war ich am Ende bass erstaunt, als mir die kompletten Zusammenhänge bewusst wurden.

Gifunes intensive und, ja, auch melancholische Schreibweise reißt den Leser durch das Buch bis hin zum fulminanten Ende. Ich habe wahrhaftig an einer Stelle nur vom Lesen Platzangst bekommen; das soll Gifune mal jemand nachmachen. Es ist ein angsteinflößendes, rauschhaftes Buch, das mir einige herrliche Stunden beschert hat und ich möchte es jedem ans Herz legen, der Thriller mit einem Touch Übernatürlichen mag und dunkle Stimmungen liebt.

Ich bin schon sehr gespannt auf „Blutiges Frühjahr“ und werde es mir sofort zulegen, wenn es erscheint.

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Veröffentlicht am 13. Januar 2011, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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