Rezension: Eva Ebenhöh – Ritual (Lizajas Abenteuer 4)

[Roman und Abenteuer von Eva Ebenhöh, www.lizajasabenteuer.de, Sprache: Deutsch, Taschenbuch, 222 Seiten, € 14,90 (Buch), € 5 (PDF)]

„Ritual“ ist wie sein Vorgänger „Rache“ ein besondere Art Rollenspielveröffentlichung: Es ist Roman und Abenteuer in einem, präsentiert in Form eines Romans mit Text- und Kartenkästen, in denen die für das Abenteuer relevanten Informationen enthalten sind. Die Mischung funktioniert erstaunlich gut.

Man sollte sich an der Nummerierung nicht stören: „Ritual“ ist das zweite Buch der Reihe, obwohl es als Nummer 4 angekündigt ist. Es spielt zeitlich vor dem bereits erschienen Band „Rache“ und dieser wiederum zeitlich in der Mitte einer zehnteiligen Serie. Aus diesem Grund erhielt „Rache“ die Nummer 5 und das neue Buch „Ritual“, wie gesagt, die Nummer 4. Die Romane sind in sich abgeschlossen.

Die Nummerierung kann aber niemanden täuschen: Jeder, der beide Bücher kennt, wird merken, welches davon zuerst geschrieben wurde. War Autorin Eva Ebenhöh in ihrem Erstlingswerk noch zurückhaltend und vorsichtig im Umgang mit dem Medium Roman, ist sie in ihrem neuen Werk wesentlich mutiger geworden. Roman und Abenteuer sind komplexer, das Buch dicker. „Ritual“ ist besser.

Das albische Dorf Daraesfal ist in Gefahr. Leute sind verschwunden; Dämonen treiben ihr Unwesen. Irgendetwas ist mit dem Wald. Ob die Charaktere die Hintergründe des „Rituals“ aufdecken und das Schlimmste verhindern können, hängt von ihrem detektivischen Geschick ab. Genau wie die vierköpfige Abenteurergruppe des Romans werden sie in dem Dorf auf manche falsche Fährte treffen und verschiedene Gefahren bestehen.

Der Roman ist unterhaltsam und enthält alles, was man in einer Rollenspiel-Fantasygeschichte erwartet. Weil die Geschichte komplexer ist als „Rache“, wirkt der Roman erwachsener; die Bandbreite an Themen ist höher. Ich war ein weiteres Mal beeindruckt, wie gut der Roman geschrieben ist, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Hobbyprodukt handelt. Letzteres darf man aber auch nicht vergessen, denn Kitsch findet man genauso wie schwülstige Passagen oder das eine oder andere Klischee. Die Verhältnisse der Personen innerhalb der Protagonistengruppe fand ich, ehrlich gesagt, manchmal etwas anstrengend, und bisweilen braucht man eine Weile, bis man sich in einer Szene zurechtfindet. Aber das stört nur ab und zu die ansonsten interessante Geschichte. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, wenn Eva Ebenhöh aber weiter schreibt, kann man noch viel erwarten.

Die reine Abenteuerinformation ist wie bisher in Textkästen und Kästen mit Karten und Handouts über das gesamte Buch verteilt, was es diesmal nicht ganz so leicht macht, sich zurechtzufinden wie im letzten Roman. Beim Vorgängerwerk konnte man die Textkästen lesen und hatte alles Nötige für das Abenteuer zusammen. Diesmal verstecken sich die Zusammenhänge hinter vielen Seitenverweisen und das eine oder andere Detail muss man suchen oder aus dem Roman ziehen. Andererseits reichen eine Zeitleiste und ein paar Karten, Personenbeschreibungen und Hinweislisten für eine detektivische Geschichte für einen erfahrenen Spielleiter vollkommen aus. Das ist nun mal die Crux der Darstellungsweise dieser Roman-Abenteuer. Einerseits ist es schön, eine Karte dort zu finden, wo der Ort das erste Mal in der Geschichte erwähnt wird, andererseits wäre eine stringentere Ordnung übersichtlicher. Eine komplette Trennung der beiden „Teile“ des Buchs würde die Idee selbst in Frage stellen und ist somit nicht anzuraten.

Das ändert aber nichts daran, dass das Abenteuer gut ist – für meine einfache Seele vielleicht eine Spur zu komplex, aber ich bin auch kein Maßstab für detektivische Abenteuer. Man darf außerdem nicht vergessen, dass das scheinbare Durcheinander der Tatsache geschuldet ist, dass es kein „Railroad“ ist, wie man es vielleicht von einem auf einen Roman basierenden Abenteuer erwarten würde. Ich vermute, die Entwicklung war anders herum: Erst kam das Abenteuer, dann die Geschichte.

Alle Karten und Handouts sind nicht nur ausgesprochen hübsch von Eva Ebenhöh selbst gestaltet worden, sondern können auch komplett auf ihrer Webseite heruntergeladen werden. Die Karten gibt es sogar mit und ohne Beschriftung. Für Daraesfal findet man eine 12 Seiten lange PDF-Datei mit Beschreibungen. Nicht unerwähnt bleiben sollte außerdem, dass auch die Bebilderung von Eva selbst stammt – alles zusammen eine beachtliche Leistung, wie ich finde. Einziges Manko der vorbildlichen Produktion ist die Print-on-Demand-Technik. Das Cover wölbte sich bereits nach drei Tagen auf dem Nachttisch stark nach außen und lässt sich inzwischen kaum noch bändigen. An Papier und Bindung gibt es hingegen nichts auszusetzen.

Fazit: Midgardspieler bekommen ein ungewöhnliches und im Rahmen der Möglichkeiten hervorragend umgesetztes Produkt zu einem fairen Preis. Wie groß das Interesse an einem Roman-Abenteuer dieser Art außerhalb der Midgard-Szene ist, kann ich nur raten. Der Ort (Mittelalter-Britannien) und die Handlung (Dämonen und dunkle Beschwörungen gefährden ein Dorf) sind aber allgemeingültig genug, um jedem Rollenspieler zu gefallen, der Detektivabenteuer mag.

Veröffentlicht am 11. Oktober 2010, in Abenteuer, Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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