Familientreffen im Zeltlager

Schade dass die „Auf den Inseln“-Con in Otterndorf dieses Jahr so kurz war. Ich kam an, hatte ein paar Spielrunden und schon war es vorbei.

So kam es mir jedenfalls vor. Natürlich dauerte der Spaß wie die Jahre davor von Donnerstagabend bis Sonntagmittag, aber dieses Jahr waren derart viele Rollenspielrunden, dass ich nicht dazu kam, auf die Uhr zu gucken – sogar so viele Runden, dass einige davon leer blieben.

Der Spaß begann schon auf der Hinfahrt, weil wir nämlich zu zweit fuhren und schon im Auto mit Quatschen anfangen konnten. Die Begrüßung war das übliche große „Hallo“; alle freuten sich auf fast vier Tage Spaß, Geselligkeit, gutes Essen und kühle Getränke. Die erste Brettspielrunde wurde ungefähr fünf Minuten nach unserer Ankunft eröffnet und das Spielen begann.

Auch ich legte diesmal pünktlich los, wollte ich doch drei Spielrunden anbieten und selbst an zwei teilnehmen. Direkt nach dem Abendessen zogen wir uns also in die Lehmhütte zurück und begannen unsere lange Cthulhurunde, während der Essraum voll mit Leuten blieb, die Brettspiele spielten oder sich einfach nur unterhielten. Zwei Spielrunden blieben  leer, weil die Geselligkeit an diesem Abend Vorrang hatte – leider auch zum Beispiel die Runde von Ex-Cthulhu-Chef Wolfgang Schiemichen, der mit zwei Lesungen und Spielleitung das Ende seiner „Comeback-Tour“ beging. Leider konnte ich aus Zeitgründen an nichts davon teilnehmen.

Das Abenteuer „The Dig“ aus dem Band „Terrors from Beyond“ kam leider nicht so gut an. Ich hatte mich bei der Länge verschätzt, sodass wir erst um vier Uhr nachts nach acht Stunden Spielzeit fertig wurden und auch der Spielfluss war nicht so rund, wie ich gehofft hatte. Es ist, was mir beim Lesen gar nicht aufgefallen war, ziemlich überladen, baut zunächst Gruselstimmung auf, die sich schließlich in einem Wahnsinn an Action und diversen Monstern auflöst. Ich hätte gedacht, dass sich so etwas gut für einen Con eignet, aber die scheinbare Bedrohung erweist sich als Nebensache und die eigentliche Gefahr ist, wie gesagt, zu „breit“. Die allgemeine Kritik war: „Gute Performance, aber schwaches Abenteuer“. Da ich nicht den Eindruck hatte, dass die Spieler genervt oder gelangweilt waren, glaube ich den ersten Teil einfach mal und schiebe alles auf das Abenteuer selbst.

Nicht nur ich hatte mich in der Zeit verschätzt. Die wahrscheinlich größte Fehlkalkulation dieser Art in der Geschichte der AdI-Cons wurde von den Spielern des Abenteuers „Das Schwert von Ashanti“ erlebt. Die Savage-Worlds-Pulp-Runde war für acht Stunden angesetzt, dauerte aber siebzehn und endete erst 5.30 Uhr morgens, nachdem ein Spieler eine halbe Stunde vor Schluss aus Ermattung aufgab. Das Faszinierende daran ist, dass kein einziger der Spieler ein Problem damit hatte; alle waren am nächsten Morgen voll des Lobes wegen der großartigen Spielleiterleistung, die mit Musik vom Laptop und sehr viel Abwechlung arbeitete, Kämpfe mal mit Miniaturen und mal ohne durchführte und mit diversen anderen Kleinigkeiten das Abenteuer zu etwas Besonderem machte.

Die witzigste Regelidee der letzten Jahre stammt auch aus dieser Runde: Der „Pussychip“. Da Pulp von Helden und Heldentaten lebt, bekommt eine Figur, die sich wie ein Weichei aufführt, den Pussychip. Dieser kann, wenn ich es richtig verstanden habe, eingesetzt werden, um einen Bonus in einer Aktion zu erhalten, setzt aber voraus, dass sich die Figur auch in dieser Situation wieder feige verhält, also wegläuft, bettelt o. ä. Auch Spielerinnen – so wurde mir erzählt – haben Spaß daran, denn sie setzen den Chip gern als taktisches Mittel ein (lieber jedenfalls als die männlichen Spieler, die in Pulp natürlich das von ihnen erwartete Machogehabe an den Tag legen wollen). Es soll mehrere Male Chorgesänge mit „Pussychip! Pussychip!“ gegeben haben. Ich muss mir unbedingt einen rosafarbenen Pokerchip für meine nächste Savage-Worlds-Runde besorgen.

Nach nur viereinhalb Stunden Schlaf ließ ich den Vormittag mit Frühstück und Kaffee an mir vorbeiplätschern und stieg erst am Nachmittag mit meiner ersten Runde „Dread“ ein. Ich hatte schon zweimal großen Spaß mit dem Spiel, das Spannung durch einen Jenga-Turm erzeugt, und bot dieses Jahr gleich zwei verschiedene Abenteuer dafür an. Mehr dazu in einem späteren, begeisterten Post, um aber einen Eindruck von der Dramatik zu vermitteln, sei hier auf ein Bild verlinkt, dass eine Spielerin geschossen hat, als der Turm bei allerletzten Spielzug umfiel. Wie man an den Steinen sehen kann, die noch in der Luft sind, ist es nicht gestellt.

Danach hatte ich endlich einmal die Gelegenheit, „Trail of Cthulhu“ auszuprobieren. Auch dazu schreibe ich einen getrennten Post. Nur so viel: Es dauerte bis drei Uhr morgens und war ein schönes Abenteuer, das beweist, dass Detektivabenteuer noch viel mehr Spaß machen können, wenn sie richtig angegangen werden. Der Spielleiter erfreute uns mit guten schauspielerischen Leistungen und der gekonnten und kurzweiligen Aufbereitung einer klassischen Geschichte.

Am Samstag verschlief ich den Vormittag und setzte mich nachmittags in eine Runde „Ratten“. Ich rechnete mit entspanntem aber wenig spektakulärem Spiel, was ich im Endeffekt auch erhielt. Überrascht war ich dennoch, wie effektiv die kleinen Ratten-Regeln in der Erzeugung einer bestimmten Stimmung sind (was natürlich auch dem guten Spielleiter zu verdanken war). Nach „Trail“ hatte ich also wieder ein ausgesprochen gutes Erlebnis mit einem System, das ich bis dahin noch nicht kannte.

Meine zweite Dread-Runde war abends und lief völlig anders aber genauso gut wie die erste (zu meiner großen Freude), und dann waren wir schon beim Tablequiz und damit dem traditionellen Abschluss der Con angekommen. Der Essraum war wieder voll mit grölenden Leuten und wir alle waren schon nach der ersten Runde da, wo wir sein sollten: Am Boden. Aber auch wenn man nichts wusste (und das ging den meisten so), hatte man seinen Spaß und mit viel Bier und einer gehörigen Portion Wehmut ließen wir den Abend ausklingen. Ich habe noch von vielen anderen Spielrunden gehört, die großen Spaß gemacht haben, und nirgendwo wurde gemeckert oder gemosert.

Pegasus war dieses Jahr nicht nur großzügiger Sponsor, sondern auch gleich mit fünf Leuten angereist (zum Spielen wohlgemerkt und weniger zum Arbeiten). Der Verkaufstisch war trotzdem voll und das erste Mal gab es auch ein Regal mit mehreren Dutzend Brettspielen zum Ausprobieren.

Am Sonntag gab es sogar noch eine kleine Spielrunde, im Großen und Ganzen wurde aber nur noch aufgeräumt, gegessen und verabschiedet.

Schön war’s – wie immer! Ich freue mich schon auf nächstes Mal und wenn ich die vielen Male bedenke, in denen wir uns mit den Worten „Bis nächstes Jahr“ verabschiedeten, bin ich da wohl nicht der einzige.

PS: Die versprochenen Dread-Übersetzungen poste ich später für alle Interessenten. Namen vermeide ich mit Absicht, weil ich nicht weiß, wer es eventuell nicht mag, im Internet genannt zu werden. Den meisten macht es sicher nichts aus, aber für alle Fälle lasse ich es ganz. Wolfgang Schiemichen ist eine Ausnahme, denn als Ex-Chef-Redakteur von Cthulhu ist er ja quasi „Person des öffentlichen Lebens“.

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Veröffentlicht am 14. September 2010, in News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.

  1. Der Pussychip ist toll :D

  2. „Gute Schauspielerische Leistung“… Danke Amel, so baut man Spielleiter auf. Du warst wie immer eine echte Bereicherung der Veranstaltung, die Jenga-Runde war absolut top!

  3. Auch ich sage „Danke für die Blumen“! Beide Rattenrunden haben mir viel Spaß gemacht und das Dread-Abenteuer war spitze. Die Lehmhütte im Dunkeln ist dafür aber auch eine Top Location. Ich freue mich riesig aufs nächste AdI.

  4. Ja, eine großartige Veranstaltung, mit herausragend viel und herausragend gutem Rollenspiel!

  5. Super Con, super Amel!

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