Rezension: Brett McBean – Die Mutter

Es ist interessant, wie sich Dinge immer wieder in Clustern organisieren. Im Urlaub hatte ich zu viel Sci-Fi und jetzt genieße ich bereits die dritte Geschichte, die aus Dutzenden verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Die erste war „Starfish Rules“ von Tobias O. Meißner, und neben einem entsprechenden Hörbuch, worin ich derzeit noch drinstecke, habe ich gestern „Die Mutter“ von Brett McBean beendet.

„Die Mutter“ wird von Frank Festa mit einer dermaßen großen Euphorie angepriesen, dass ich neugierig wurde. Herr Festa hat ein gutes Händchen und trifft häufig meinen Geschmack in seinem kleinen Verlag. So eine ehrliche Begeisterung konnte ich nicht ignorieren, besonders weil ich eine Kurzgeschichte vom Australier McBean gelesen hatte, die mir sehr gefiel.

In „Die Mutter“ trampt eine namenlose Frau über den wichtigsten Highway Australiens auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter. Sie hat ihren eigenen Namen inzwischen vergessen, nur den ihrer Tochter weiß sie noch, trägt ständig ein Foto von ihr bei sich und steigt zu fremden Männern ins Auto in der Hoffnung, dass es der Mörder ihrer Tochter sein könnte. Sie weiß nämlich etwas über ihn: Er trägt ein Tattoo am Arm, auf dem  „Stirb Mutter“ steht.

Mit den Aussagen des Klappentextes ist eigentlich schon zu viel erzählt, denn die ersten Kapitel des Buches wären sicherlich noch etwas spannender, wenn der Leser diese Informationen nicht hätte. Auf der anderen Seite: Wie soll man den Roman sonst beschreiben?

Er ist aus der Sicht derjenigen erzählt, denen die Mutter auf ihrer Suche begegnet. Sie trifft Perverse, Männer auf der Suche nach Sex, einen hilfsbereiten Trucker, einen sterbenden alten Mann, ja sogar einen selbst ernannten Vampirjäger. Durch die Erzählweise wird das Buch eine Sammlung von Vignetten und Kurzgeschichten, die nach und nach ein Ganzes ergeben.

McBean schreibt sehr anschaulich und intensiv. Der Hinweis „ultraharter Thriller“ auf dem Klappentext sollte durchaus ernst genommen werden, denn der Autor macht keine Kompromisse bei seinen Darstellungen von Gewalt oder Erniedrigung. Dabei bleibt es aber nicht bei Gewalt um der Gewalt willen; der Leser lernt auf seiner Reise durch das Buch viele interessante Menschen kennen, und am Ende ergeben auch die Kleinigkeiten einen Sinn, die zunächst unsinnig erscheinen. Der Schluss bietet vielleicht nicht die Art Showdown, die man in Romanen gewohnt ist, rundet das Buch aber in einer Weise ab, die es zu etwas wirklich Besonderem macht.

Man kann nur hoffen, dass Festa auch die anderen Romane von McBean (es sind inzwischen drei) übersetzt. „Die Mutter“ war ein ungewöhnliches und sehr intensives Lesevergnügen (so lange man bei dieser Art Literatur überhaupt von Vergnügen sprechen kann), an das ich noch lange zurückdenken werde.

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Veröffentlicht am 9. September 2010, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Könnte das für „Unknown Armies“ interessant sein? Klingt für mich auf den ersten Blick wie eine mörderische Vertreterin des Avatars der Mutter…

  2. Ich weiß nicht. Leute, die UA mögen, haben bestimmt auch viel Spaß mit der „Mutter“, aber für das Rollenspiel bringt es nur relativ wenig. Die Motivation der Mutter ist allerdings hervorragend für einen entsprechenden Avatar geeignet, das stimmt, und da die Motivation nicht so eindeutig ist, wie sie zu Beginn erscheint, sollte man dazu auch das Buch lesen :-)

  1. Pingback: Rezension: Greg Gifune – Children of Chaos « Einige Seiten des Buches Eibon

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