Rezension: Iain Banks – Der Algebraist

Egal, welches Buch von Iain Banks man in die Hand nimmt, es ist in irgendeiner Form experimentell, extrem und faszinierend. Selbst seine schlechtesten Bücher sind praktisch nie langweilig, einfach weil man immer etwas Neues entdeckt – und dabei ist es egal, ob er die Biographie einer fiktiven Band schreibt, einen Roman über einen jugendlichen Serienkiller auf einer schottischen Insel, „Die Hard“ auf einem Schiff oder einen seiner vielen Science-Fiction-Romane. Seine Bücher sind alles: Teils wirr, spannend, deprimierend, phantasievoll, fantastisch, einfach außergewöhnlich. Und immer ist es irgendwie „anders“ und – was ich besonders mag – mit einer Priese Humor gewürzt.

„Der Algebraist“ ist da schon fast ein „normaler“ Sci-Fi-Roman. Er erzählt die gradlinige Geschichte von Fassin Taak, einem Seher, der die Ehre hat, die Dweller zu untersuchen, eine geheimnisvolle Alienrasse, die auf einem Gasriesen im Heimatsystem Fassins wohnt. Sie ist Milliarden von Jahren alt und lebt zurückgezogen auf vielen Gasriesen in der ganzen Galaxis.

Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit gibt es nicht, will man sich schnell fortbewegen, ist man auf Wurmlochportale angewiesen. Das Portal in Fassins Heimatsystem wird zerstört und ein neuer Bausatz kann erst in vielen 100 Jahren eintreffen. Das System ist also vom Rest der Galaxis effektiv abgeschnitten. Die so genannte „Dweller-Liste“, eine Liste auf der angeblich Millionen von Portalen in der ganzen Galaxis verzeichnet sein sollen, die die Dweller einst angefertigt haben, ist somit ein Schatz, der das Universum verändern würde. Fassin kann nicht so recht an diese Liste glauben, ist es denn nicht so, dass die Dweller in ihrem Milliarden Jahre dauernden Leben die Galaxis schon mehrere Male durchquert haben, ohne je über Lichtgeschwindigkeit gegangen zu sein?

Es gibt aber genug Leute, die daran glauben, und als eine übermächtige Flotte in Richtung von Fassins Heimatsystem aufbricht, weil sie Hinweise hat, dass sich die Liste dort befinden soll, muss etwas geschehen. Fassin wird mitten in die Geschehnisse gezogen, die mit Anschlägen beginnen und ihn auf der Jagd nach der Liste über den ganzen Gasriesen und darüber hinaus schicken.

Die Erlebnisse von Fassin mit den Dwellern sind Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Es ist eine Achterbahnfahrt in einem verrückten und absonderlichen Universum voller Alienrassen, seltsamer Technik und eigenartiger Typen. Die Darstellung des megalomanischen Anführers der gegnerischen Flotte ist beispiellos. Das Buch lebt davon, dass der Leser auf jeder Seite etwas Neues entdeckt – so viel Neues, dass viele Details (die mich teilweise mehr interessiert hätten als Fassins Reise) nur angedeutet werden können und manch ein Plotfaden schnell und etwas unbefriedigend aufgelöst wird.

Die Dweller, wie sich bald herausstellt, verhalten sich allerdings nur wie Menschen mit einer seltsamen Art von Humor. Sie sind eine nicht-humanoide Überrasse, die zunächst geheimnisvoll und als nicht verstehbar dargestellt wird, aber später im Buch viel von ihrer Mystik verliert. Das ist schade, denn dadurch verlor ich in der Mitte des Buches etwas den Zugang zur Geschichte und musste mich durch diverse Seiten kämpfen, bevor sie wieder an Fahrt aufnahm. Zum Glück löst sich dieses Problem gegen Ende wieder auf und ein ziemlich spannendes Ende wartet auf den Leser.

„Der Algebraist“ ist nicht Banks bestes Buch, doch trotzdem kann ich es jedem ans Herz legen, der bereit ist, sich durch 800 Seiten Roman zu ackern. Ich jedenfalls habe es nicht bereut und bin immer noch ein genau so großer Fan von Iain Banks wie vorher.

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Veröffentlicht am 23. August 2010, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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