Rezension: Tobias O. Meißner – Starfish Rules

Urlaubszeit heißt für mich immer auch „Bücher lesen“. Diesmal sind es trotz langem Urlaub nur zwei geworden – wir haben einfach zu viel erlebt – aber diese beiden will ich trotzdem wie die letzten Male besprechen.

Ich hatte dieses Jahr eine leichte Science-Fiction-Überdosis: Im iPod lief „Odyssee 2001“ von Arthur C. Clarke, ein Hörbuch, dass ich mir gekauft habe, damit ich den Film endlich verstehe. Im Auto lief „Per Anhalter durch die Galaxis“. Meine beiden Bücher im Urlaub waren das besagte „Starfish Rules“ und „Der Algebraist“ von Iain Banks. Ich habe bei all den Raumschiffen des Öfteren Dinge durcheinandergebracht.

„Starfish Rules“ kommt zum Glück ohne Raumschiffe aus und war so leicht von den anderen zu unterscheiden. Außerdem ist es noch nicht einmal ein richtiger Sci-Fi-Roman, doch die Stimmung der in einem fiktiven Amerika der ausgehenden 30er Jahre spielenden Geschichte ist so „cyberpunkig“, dass man sie trotzdem der Sci-Fi zuordnen sollte.

Hauptperson des Romans ist Roman Tondorf, der nach Amerika geflohen ist, weil er einen wertvollen und gefährlichen mythischen Gegenstand von den Nazis gestohlen hat. Dort gerät er zwischen alle Fronten: Verbrechersyndikate, Rassenbewegungen, Bürgerkriege und politische Intrigen. Er stolpert von Gewaltorgie zu Gewaltorgie, läuft mal für die eine mal für die andere Seite und obwohl er während der Geschichte sehr passiv ist, verändert er am Ende die Welt. Der Leser erfährt von einem mystischen Verbrecherboss, von dem niemand weiß, ob er überhaupt existiert, einem Industriellen, der mit seinen Erfindungen die Welt verändert hat (und die alternative Geschichtsschreibung so „cyberpunkig“ macht), Rassenaufständen, brutalen Meuchelmördern und echter Magie, ausgeführt von einem Mann, der keiner mehr ist.

In Kapiteln von immer genau vier Seiten (es gibt nur zwei oder drei Ausnahmen) erzählt Meißner die mythisch-gewalttätige Geschichte aus der Sicht von vielen Personen, experimentiert mit Perspektiven, Erzählweisen, Schriftbild, ja sogar Zeichensetzung. Das Bild ist genauso chaotisch wie die amerikanische Landschaft, mal Fettdruck, mal Kursivschrift und immer wieder verschiedene Schriftarten.

Meißner macht es dem Leser nicht leicht; es ist bei all den Sprüngen schwer der Geschichte zu folgen. Aber das stört nicht, macht sogar den Reiz des Werks aus. Meißner zeichnet ein intensives Bild, eines faszinierenden mythisch-fantastischen Amerikas aus der Sicht eines Deutschen (endlich mal nicht umgekehrt). Er macht keine Gefangenen, ist brutal, manchmal komisch, verwirrend, geheimnisvoll. Er erfindet Worte am laufenden Band und erzählt wahnsinnig intensiv.

„Starfish Rules“ ist sicher nicht für Jedermann, dazu ist der Roman zu chaotisch und zu fantastisch. Wer sich aber nicht an den vielen Worterfindungen, der schwer nachvollziehbaren Erzählweise und der chaotischen Handlung stören lässt, wer gern mitdenkt beim Lesen und glaubt alles schon gesehen zu haben, bekommt einen faszinierenden Roman, den er so schnell nicht vergessen wird.

Das Buch gibt es nur noch gebraucht (z. B. bei Amazon) oder in so manchem Grabbelbuch-Remittenden-Ständer vor großen Buchläden und hat das unpassendste Cover, das man sich vorstellen kann. Lasst euch davon aber nicht abschrecken.

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Veröffentlicht am 21. August 2010, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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