Was haben Iain Banks, Jonathan Carroll und Harlan Ellison gemeinsam?

Ein saublöder Titel, aber was schreibt man über einen Post, in dem man sich über drei Bücher auslassen will? Die Antwort auf die Frage wäre also: Alle drei schreiben Geek-Literatur (womit auch gleich geklärt wäre, warum ich die RSP-Blogs-Leser damit belästige) oder auch: Alle drei haben Bücher geschrieben, die ich vor kurzem gelesen habe bzw. noch lese.

Iain Banks‘ „Verschworen“ war in den 80ern ein Nummer-eins-Hit in England, konnte in Deutschland aber an diesen Erfolg nicht heranreichen. Beim Lesen wird schnell klar, wieso das so ist: Der Thriller um einen Reporter und einen einfallsreichen Serienmörder ist politisch. Die britische Politik ist so weit im Hintergrund und wird so gut dargestellt, dass der deutsche Leser keine Probleme mit dem Verständnis hat, aber sie spielt eine entscheidende Rolle und ist ständig präsent. Damit wird ein großartiges, Banks-typisches Buch für den deutschen Leser nicht interessant genug für die Spitze der Bestsellerlisten. Die Personen werden hervorragend dargestellt und die Handlung entfaltet sich logisch und spannend; die Auflösung ist grandios – aber das Buch ist durch und durch britisch. Wer damit klarkommt und nach „Die Wespenfabrik“, „Die Brücke“ und „Barfuß über Glas“ einen weiteren Banks-Roman sucht, der keine Sci-Fi ist, sollte sich das Buch ansehen.

Jonathan Carrolls „Fieberglas“ hat mich nicht so sehr vom Hocker gerissen, dass ich gleich davon schreiben wollte. In vielen Punkten ist ein es typischer Carroll-Roman: Eine Frau hofft ihre Jugendliebe bei einem Treffen ihres Highschool-Abschluss-Jahrgangs zu sehen, doch es klappt nicht. Also geht sie zurück in ihr beruflich erfolgreiches, aber beziehungsarmes Leben, nur um einen verheirateten Mann zu treffen, in den sie sich unsterblich verliebt. Der Anfang der Beziehung zwischen den beiden wird, wie von Carroll gewohnt, fesselnd beschrieben, und, wie ebenfalls bei ihm üblich, bleiben moralische Fehltritte wie Ehebruch nicht ungesühnt. Seltsame Ereignisse, Begegnungen mit interessanten Menschen und eine übernatürliche Erklärung folgen auf die Tat der Protagonistin.

Carrolls Romane sind normalerweise angefüllt mit Leuten, die man gern treffen und Unterhaltungen, die man gern führen würde, doch diesmal geizt er mit diesen Elementen und nimmt mir damit die Begeisterung, die seine Romane normalerweise bei mir auslösen. Ein schönes Buch, keine Frage, aber einfach nicht die Klasse, die man von ihm gewohnt ist.

Eigentlicher Grund, mich über gelesene Bücher auszulassen, ist aber Harlan Ellision. Ellison ist ein in Amerika sehr bekannter Sci-Fi-Autor (im weitesten Sinn, eine Kategorisierung ist sehr schwer), dessen Geschichten es gerade so nicht zur Schullektüre schaffen. Er hat massenweise Kurzgeschichten geschrieben und steht an Berühmtheit zum Beispiel Ray Bradbury, den die Meisten ja zumindest von „Fahrenheit 451“ her kennen, kaum etwas nach. Aus irgendeinem Grund hat er es aber nie so richtig nach Deutschland geschafft, und so bekommt man nur schwer Übersetzungen seiner Bücher.

Ellison ist aber so unglaublich, dass sich auch der Mehraufwand durch die fremde Sprache lohnt. Er fasst unterschiedlichste Themen an: Bösartige Götter der Großstadt, Duelle auf der Autobahn oder Geister in New Orleans. Die Themen behandelt er so emotional und intensiv, dass der Leser richtiggehend in die Geschichte gesaugt wird.

Man kann Ellison nicht langsam lesen. Ich ertappte mich dabei, wie ich, auch wenn ich einen Absatz beim ersten Lesen nicht verstand, trotzdem weitergezogen wurde, ohne dass ich den entsprechenden Absatz noch ein zweites Mal las. Schon der erste Satz fast jeder Geschichte ließ mich nicht mehr los. Als Beispiel „The Whimper of a Wipped Dog“, die erste Geschichte der Sammlung „Deathbird Stories“:

„The night after the day she had stained the louvered window shutters of her new apartement on East 52nd Street, Beth saw a woman slowly and hideously knifed to death in the courtyard of her building.“

Schon lange habe ich nicht mehr so emotionale Literatur genießen dürfen und dass es sich auch noch um Geek-Literatur handelt, ist ein netter Bonus. Vor James Ellroy ist Ellisons „Deathbird Stories“ die erste wahre „In die Fresse“-Literatur, die ich seit langem gelesen habe (und noch lese). Jeder schuldet es sich selbst, in seinem Leben wenigstens ein Buch von Harlan Ellison gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 5. Juli 2010, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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