Rezension: James Ellroy – Die schwarze Dahlie

James Ellroy wird als eine der wichtigsten Inspirationquellen für Unknown Armies genannt. Außerdem äußerte sich UA-Autor John Tynes immer wieder sehr lobend über den Autor, ebenso wie viele andere. Eigentlicher Grund, aus dem ich nun endlich zu einem seiner Bücher gegriffen habe, ist die Tatsache, dass es „Die schwarze Dahlie“, den ersten Teil seiner Hollywoodtetralogie, bei Audible – und somit günstig – zu kaufen gab.

Der Vorlesestil von Ulrich Pleitgen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Ich bevorzuge allgemein ruhigere Leser, die meiner Meinung nach auch in diesem Fall die Sprache des Amerikaners besser zur Geltung gebracht hätten. Pleitgen gibt aber alles und schnell hat man sich an seine Tempiwechsel, Pausen und Betonungen gewöhnt.

Aber selbst wenn nicht, wäre es mir nach spätestens fünf Minuten egal gewesen, so sehr zieht die Geschichte in ihren Bann. Aus der Sicht des Polizisten Bucky Bleichert erleben wir die Geschehnisse um den bestialischen Mord an einer jungen Frau, der sich 1947 in Los Angeles ereignete.

Bleichert lernt seinen zukünftigen Partner Lee Blanchard kennen und die beiden ehemaligen Boxer werden zu kleinen Berühmtheiten, als gegeneinander antreten. Bleichert steigt auf der Karriereleiter nach oben und steckt bald bis über beide Ohren in dem Fall um die „schwarze Dahlie“, wie die junge Frau von einem Journalisten genannt wurde.

Ellroys Hollywood ist ein pessimistischer, ekelhafter Ort voller Intrigen, korrupter Bullen und brutaler Morde. „Die schwarze Dahlie“ ist ein gewalttätiges und brutales Buch und die Gewalt wird ohne jede Beschönigung dargestellt, eher im Gegenteil wird sie so auf die Spitze getrieben, dass dem Leser (oder Hörer) ganz mulmig wird. Bei einer Szene in der zweiten Hälfte des Hörbuchs wollte ich das Autoradio ausschalten. „Was machen die da, um Himmels Willen?“, dachte ich, „Und Bleichert, du blödes Arschloch, warum machst du auch noch mit!“ Wie sich schnell herausstellt, macht er nicht mit und zieht früher als erwartet (aber später als mir lieb war) die Notbremse.

Die körperliche Gewalt und Menschenverachtung hinterlässt auch bei den Protagonisten Spuren und so wird viel mehr die Obsession von Bleichert und Blanchard für die schwarze Dahlie zum Thema des Buches als die Aufklärung des Falles. Der Leser erlebt Routinearbeiten der Polizei, wie andere Fälle parallel behandelt werden und die Protagonisten in einem Gespinst aus Intrigen, Liebschaften und Problemen versuchen zurechtzukommen. Das Buch wird mit jeder Zeile emotional und intensiv erzählt. Es macht an keiner Stelle den kleinsten Kompromiss.

Für Noir- oder Krimifans ist das Buch ein Muss, ich würde sogar behaupten, dass auch Horror- und Fantasyfans voll auf ihre Kosten kommen oder jeder andere, der spannende, direkte Literatur mag, und sich von Gewalt nicht abschrecken lässt. Ellroys Hollywood ist ein Höllenpfuhl und es macht erstaunlich viel Spaß sich darin zu wälzen.

Ich jedenfalls mag seit einiger Zeit diese „In die Fresse“-Literatur und halte „Die schwarze Dahlie“ für eines der besten (Hör-) Bücher, die ich seit langem genossen habe.

Anmerkung für Rollenspieler:

Die R-Map des Romans ist wahres Rollenspielfutter: Dreiecksbeziehungen, ehemalige Liebschaften mit Verbrechern, Betrug und Korruption – wer aus diesem Geflecht keine Ideen zieht, ist selbst Schuld. Wer nicht weiß, wonach er suchen soll, wird nach der Lektüre des Romans wahrscheinlich nicht schlauer sein als vorher, wer sich aber die Mühe macht, das Beziehungsgeflecht der Protagonisten herauszuschreiben, weiß sofort wie er eine Unknown-Armies-Geschichte anlegen kann – und kann vielleicht auch besser verstehen, wie Jörg seine „Soap Operas mit Kämpfen“ leitet.

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Veröffentlicht am 22. Juni 2010, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. James Ellroy ist super und wer Noir mag, wird ihn lieben.

    Besserwissermodus an:
    L.A.-Tetralogie
    * 1987: The Black Dahlia Die schwarze Dahlie
    * 1988: The Big Nowhehre Blutschatten,
    * 1990: L.A. Confidential Stadt der Teufel
    * 1992: White Jazz White Jazz,
    Besserwissermodus aus.

    …und schaut Euch nicht (nur) die Filme an, sondern sest seine Bücher, auch oder gerade weil sie DICK sind. :-)

  2. Danke für die Richtigstellung. Ich war völlig auf Trilogie gemünzt.
    Ich habe mir gerade das Hörbuch von „Ein amerikanischer Alptraum“ bestellt :-)

  3. Ich hatte mir vor Kurzem „L.A. Confidential“ als Hörbuch gegeben und war mehr als angetan.
    Auch die extrem dreckige Stimme von Martin Semmelrogge hat wirklich Stimmung gemacht. Als ich kurz darauf die US-Verfilmung mit Kevin Spacey, Russell Crowe und Kim Basinger gesehen und fand sie dagegen schwach (deutlich weniger düster).
    Zu Black Dahlia werd mir also diesmal zuerst den Film und dann das Buch antun. :-)
    Auf jeden Fall Danke für den Tipp!

  1. Pingback: Mal wieder ein Lesetipp: Die schwarze Dahlie – unknown armies

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