Rezension: Rache (Roman und Midgard-Abenteuer)

[Roman und Abenteuer von Eva Ebenhöh, www.lizajasabenteuer.de, Sprache: Deutsch, Taschenbuch, 146 Seiten, € 12,90 (Buch), € 5 (PDF)]

Wenn Rollenspieler Romane schreiben, ist normalerweise Skepsis angebracht, besonders wenn kein Verlag dahintersteht, der mit intensivem Lektorat die Qualität hebt. Den Roman „Rache“ hat Autorin Eva Ebenhöh im Eigenverlag herausgebracht. Er erzählt die Geschichte einer Abenteurergruppe auf der Welt des Rollenspiels „Midgard“.

„Rache“ ist aber mehr als Roman. Es ist gleichzeitig ein Rollenspiel-Abenteuer für „Midgard“. Der Roman erzählt die Handlung und geschickt platzierte Textkästen enthalten Karten, Werte der auftauchenden Figuren und Zusammenfassungen für den Spielleiter. Die Idee ist zumindest interessant, auch wenn zwangsläufig beide Bereiche etwas darunter leiden: Abenteuer liefern normalerweise nur mäßigen Romanstoff.

Bei all der Skepsis war ich überrascht, wie hoch die Qualität des Buches ist. Eva Ebenhöh ist es gelungen, einen Großteil der befürchteten Klippen zu umschiffen – oder zumindest nur leicht zu touchieren, sodass das Schiff zwar mit ein oder zwei Kratzern aber sicher im Hafen landen konnte.

Der Roman erzählt die Geschichte von vier Abenteurern, die in ein Familiendrama geraten. Die Abanzzi der Stille sind eine Sippe des fahrenden Volkes, deren Philosophie Gewalt verbietet. Als die junge Frau Carmen aus ihrer Mitte gerissen und ermordet wird, sinnen sie auf Rache. Doch es muss Rache nach Abanzzi-Art sein.

Drei Wochen nach dem Mord begegnen die Charaktere der vor der Kleinstadt Norrowsfort lagernden Sippe und lassen sich – natürlich – von ihnen überreden, sie bei der Rache zu unterstützen. Die Großmutter der Familie hatte einen Traum, wie diese Rache vonstatten gehen könnte: Fünf Gegenstände müssen gefunden werden, mit denen ein Ritual durchgeführt werden kann, das die ersehnte Rache bringt. Dies muss allerdings schnell geschehen, denn die Bürger von Norrowsfort sehen es nicht gern, wenn zu lange „diebisches Gesindel“ vor der Stadt lagert und werden demnächst Soldaten schicken.

Die Autorin konzentriert sich, wie es sich bei einem Roman gehört, auf die Charaktere und ihr „Innenleben“, wodurch die Geschichte zum Leser getragen wird und sie sich erfreulich von der reinen Abenteuerhandlung abhebt. Der Hobbylektor in mir wollte zwar ab und zu eingreifen – hier eine falsche Perspektive verbessern oder dort eine allzu schwülstige Passage umschreiben – doch für eine Hobbyautorin liefert Eva Ebenhöh sowohl sprachlich als auch erzählerisch eine hervorragende Arbeit ab. Ich meine einen leichten Hang zu kitschigen Frauenromanen zu erkennen, doch insgesamt war ich von der kurzweiligen Geschichte beeindruckt.

Die ins Rollenspiel umsetzbare Handlung ist zwar einfach, erlaubt dem Spielleiter jedoch durch die Gefahr, die die Soldaten aus der Stadt Norrowsfort darstellen und die Tatsache, dass fünf Gegenstände in beliebiger Reihenfolge gesucht werden müssen, eine Menge Freiraum und Möglichkeiten, die Ereignisse spannend zu machen. Ein wenig Flexibilität muss der Spielleiter allerdings mitbringen, denn meine Gruppe hätte beispielsweise Schwierigkeiten, sich dem „Keine Gewalt“-Grundgedanken zu fügen und würden Teile der Handlung wahrscheinlich unter ihren schweren, gut für den Krieg geeigneten Stiefeln zertrampeln.

Die Textkästen mit den Abenteuerinformationen sind geschickt platziert und fassen alles Nötige zusammen; ein Spielleiter kann die Geschichte leiten, ohne den Roman gelesen zu haben. Durch die inhaltliche Nähe zur Romanhandlung entsteht eine schöne Verbindung zwischen den beiden Medien, man sollte nur vermeiden die Zusammenfassungen vor dem Romaninhalt zu lesen, um sich die Spannung nicht zu verderben.

Das Layout, einschließlich aller Bilder und Karten wurde ebenfalls von der Autorin gestaltet. Der Druck ist gehobene Print-on-Demand-Qualität. Das Buch ist größer als der durchschnittliche Paperbackroman und hat 146 Seiten in „Überbreite“, sodass der Text zweispaltig gesetzt werden konnte. Bilder gibt es nur wenige – hauptsächlich kleine Zeichnungen von Gegenständen, die den Text auflockern – doch sie sind alle sehr hübsch. Die Karten sind durchweg hervorragend gestaltet. Etwas ungeschickt ist nur die Tatsache, dass der Roman als „Band 5“ angekündigt wird. Es ist das erste Buch um die kleine Abenteurergruppe, da sie aber andere erzählenswerte Geschichten vor und nach der Handlung von „Rache“ erlebt haben, hat sich die Autorin für diese Nummer entschieden. Leider steht ein Hinweis darauf nur im Vorwort und weder auf dem Klappentext noch auf der Homepage.

Man kann den Roman unter http://www.lizajasabenteuer.de für läppische € 12,90 einschl. Porto und Verpackung (€ 5 für das PDF) bestellen. Dort findet man übrigens auch Bilddateien aller Karten des Buches und eine weitere als Spieler-Handout.

Ob man eine Verquickung von Roman und Abenteuer nun sinnvoll findet oder nicht, ist jedem selbst überlassen, „Rache“ zeigt jedoch, dass diese Verbindung möglich ist und Spaß machen kann.

[Diese Rezension erscheint ebenfalls beim Rollenspiel-Almanach.]

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Veröffentlicht am 14. Dezember 2009, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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