Rezension: Freelancer – Hexxagon

Freelancer - Hexxagon[Grundregelwerk von Christian Lonsing, Ulisses Spiele 2009, Sprache: Deutsch, 160 Seiten, € 29,99]

„Köln Dungeon Monsterjäger“ lautet der Untertitel dieses ungewöhnlichen Regelwerks, das gleich eine ganze Kampagne mitliefert. Die Spielercharaktere sind besondere Menschen, die sich in Fantasy-Figuren verwandeln können, um gegen den bösen Hexxagon zu kämpfen, der sie unter Köln gegen Monster und verzwickte Fallen antreten lässt.

„Henshin“ ist ein japanisches Genre, das hierzulande am ehesten durch die „Power Rangers“ bekannt sein dürfte und in dem sich „normale“ Menschen mit einer speziellen Phrase und ein paar einstudierten Bewegungen in Superhelden verwandeln können („Henshin“ bedeutet „Verwandlung“).

Die Charaktere sind so genannte Emorpher: Leute, die Einfluss auf die Realität nehmen können. Das Schicksal scheint ihnen immer gewogen zu sein. Sie sind reich, denn durch den bewussten oder unbewussten Einfluss auf die Realität haben sie immer Glück; alles gelingt ihnen, sie machen das Unmögliche möglich.

Das „Corps“ kontaktiert Emorpher, auf die es aufmerksam wird, und bietet ihnen einen Job an. Sie erhalten Henshin-Artefakte, mit denen sie verschiedene Formen größter Macht annehmen können und erledigen dafür Aufgaben für das Corps. Da die Emorpher ziemliche Freigeister sind – eine Eigenschaft, die mit ihren Fähigkeiten einhergeht – lassen sie sich nur ungern einschränken und versuchen häufig bald wieder auszusteigen. Das Corps reagiert, indem es sie in so einem Fall als „Freelancer“ einstellt, die sich ihre Aufgaben aussuchen können. Als Hexxagon, der „Herr der Schatten“, die Bewohner der Stadt Köln als Geisel nimmt und Leute mit besonderen Fähigkeiten auffordert sich seinem Verlies unter Köln, seinen Monstern und Fallen zu stellen, hat sich eine Aufgabe gefunden, die die Charaktere bestimmt als würdig erachten, um sich ihrer anzunehmen.

Das Aussehen des Buches hat leider einige Schwächen. Der Seitenrahmen – eine Mauer aus groben Steinen – passt zwar sehr gut zum Dungeon-Thema, sieht aber billig aus, und die durchaus gelungenen japanisch anmutenden Zeichnungen wollen dazu nicht so recht passen. Der Seitenhintergrund ist außerdem etwas dunkel geraten. Zusätzlich arbeitet das Buch teilweise mit Grafik im Stile von uralten Computerspielen. Die Icons aus riesengroßen Pixeln passen zwar wieder thematisch sehr gut, wirken aber ebenfalls billig.

Das Regeldesign ist besser durchdacht. Autor Christian Lonsing hat sich offensichtlich viel Gedanken zur Funktionsweise von Rollenspielen gemacht, bevor er „Freelancer“ schrieb. Es lohnt sich auch für erfahrene Rollenspieler die „Was ist Rollenspiel“-Einleitung zu lesen, denn dort erklärt er, dass Rollenspiel eigentlich aus zwei getrennten Teilen besteht: Einem erzählerischen Teil und einem Taktikspiel, ähnlich einem Brettspiel. Damit erklärt er den Grundstein von „Freelancer“ und gleichzeitig den Punkt, an dem sich die Geister scheiden werden.

„Freelancer“ nimmt diese Teilung in verschiedene Spiele nämlich sehr ernst. Zunächst sind da die Henshin-Figuren. In „Hexxagon“, dem ersten von insgesamt drei angekündigten Teilen des Rollenspiels, geht es um Fantasy. Die Henshin-Formen sind Fantasy-Archetypen wie der Barbar, Paladin oder Kampfmagier. Eine Figur kann mehrere dieser Formen haben. Sie kann sich mit ein wenig Aufwand und dem passenden Artefakt verwandeln, wird dann zu einer anderen Figur mit anderem Aussehen und anderen Fähigkeiten. Diese Formen nehmen die Charaktere an, wenn sie die taktischen Teile des Spiels spielen, sich also im Dungeon befinden.

Im erzählerischen Teil haben die Charaktere in ihre normalen Körper und sind in Köln auf der Jagd nach Schlüsseln, die Hexxagon dort für sie versteckt hat. Zusätzlich zum Kampf- und Erzählteil gibt es noch einen Jump’n’Run-Teil, den so genannten Hindernisparcours. Dabei handelt es sich um kleine Labyrinthe mit Fallen und schwierigem Gelände, die wie in einem Mini-Brettspiel durchquert werden müssen.

Auch der Rest der Regeln orientiert sich stark an Brett- und Tabletopspielen. Kampf wird auf Kästchen durchgeführt (es wird ein Schachbrett empfohlen), ebenso wie die Hindernisparcours. Wenn die Charaktere besondere Fähigkeiten einsetzen (z. B. eine Henshin-Form annehmen), verbrauchen sie „Aktionsmarken“, die sich nur nach und nach regenerieren. Es gibt „Zustandsmarken“, die neben die Spielfiguren gelegt werden und so einen Fluch, Blendung oder Fesselung markieren.

Die mitgelieferte Kampagne erfüllte mich zunächst mit Unwillen. Ein selbst ernannter Herr der Schatten, der von scheinbar zufällig ausgewählten Leuten verlangt, dass sie sich den Fallen und Monstern in seinem Labyrinth unter dem Kölner Dom stellen und ganz zum Schluss gegen ihn selbst antreten, erschien mir zu abgefahren. Zum Glück ergibt dieser Ansatz aber doch Sinn, der allerdings erst am Ende der Kampagne offenbar wird – sogar die Anwesenheit der Hindernisparcours wird durch einen einfachen Trick nachvollziehbar.

Insgesamt liefert „Freelancer“ also ein in sich schlüssiges Konzept, das mit bestimmten Eigenheiten des Rollenspiels (nämlich die Tatsache, dass es eigentlich mehrere Spiele sind) offensiv umgeht und mit passenden Regeln unterlegt. Die Kampagne liefert Spaß mit einem Old-School-Gefühl, darstellerischen Elementen, Taktik, abgefahrenen Monstern und hoffentlich spannenden Würfelorgien. Wo das Spiel allerdings völlig versagt, ist die Identifikation. Die meisten Spieler legen großen Wert darauf, sich mit der Welt und ihren Figuren identifizieren zu können. Die strikte Trennung der Spielstile bis hin zum Spielen von recht unterschiedlichen Figuren (verschiedene Henshin-Formen und die Original-Form) erschwert dies immens. Die wahrscheinlich durch den japanischen Einfluss teilweise sehr abgefahrenen Ideen machen es auch nicht leichter. (Die „Hefeteilchen“, Golems aus Brot, die als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden, sind für mich so ein Fall.)

Fazit: Wenn man sich mit dem gewöhnungsbedürftigen Spielstil von „Freelancer“ anfreunden kann, bekommt man ein schlüssig designtes System, das Spannung verspricht. Fans von Fantasy-Brettspielen, die ein paar Rollenspiel-Elemente vermissen, sollten es sich ansehen, Spieler, die „Immersion“ über alles andere setzen oder mit den Brettspiel-und Tabletopelementen nichts anfangen können, werden aber wahrscheinlich wenig Freude daran haben.

[Diese Rezension erschien im Ringboten.]

Veröffentlicht am 30. Oktober 2009, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ich schrieb ja schon, dass ich meine Probleme mit dem System hatte/habe. Ich finde das Konzept richtig geil! Dungeon – Gestaltwandler – Kölner Dom – Japan-Einflüsse… Genial! Es macht auch richtig Spaß das Regelwerk zu lesen. Alles klingt in sich schlüssig. Ganz nebenbei – ich hätte das Teil schon allein wegen der coolen Icons gekauft, die allesamt so aussehen, als wären sie für den Kampfmodus in „Pool of Radiance“ gebastelt – ja, ja, die gute EGA-Grafik!

    Es ist schon einige Monate her, seit wir das System gespielt haben, und ich kann auch nicht genau den Finger in die Wunde leben, aber ich erinnere mich noch, dass die Hintergrundgeschichte seeehr cool war, was fürchterlich träge lief, waren die Kämpfe! Die waren irgendwie völlig unausgegoren und haben so wenig Spaß gemacht, dass wir während des zweiten Kampfes abgebrochen haben. Dann haben wir uns an den Einstiegsparcours versucht, aber auch die waren so öde, dass wir noch während der ersten Prüfung abgebrochen haben.

    … nichtsdestotrotz werde ich mir den nächsten Abenteuerband in Monaco kaufen, alleine schon, um eine wirklich lässige Idee zu unterstützen.

  2. Hi Moritz,

    schönen Dank für den Kommentar. Es ist schön auch eine andere Meinung kennenzulernen. Ich habe es nicht gespielt (ich würde ja gern sagen „noch“, aber die Chance, dass ich es in absehbarer Zeit ausprobiere, sind leider eher gering) und da ist es besonders cool, von der praktischen Seite zu hören.

  3. Vielleicht lag es nur an uns, aber das scheint mir ein echtes Problem zu sein, dass es sich super liest und fürchterlich träge spielt – mich würden da noch mehr Kommentare von Leuten interessieren, die es schon gespielt haben.

    … denn wie gesagt: Nachdem ich das Teil gelesen hatte, habe ich so davon geschwärmt, dass Horst, der sich für das genre überhaupt nicht interessiert, gekauft hat, und es sofort geleitet hat.

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