Messebericht Spiel 2009

Als ich auf dem Hinweg zur diesjährigen Spielemesse in Essen im Zug saß, wurde mir schmerzlich bewusst, woher der Begriff „bleierne“ Müdigkeit kommt. Ich hatte Probleme meine Gliedmaßen aus dem Sitz zu bewegen, um das erste Mal umzusteigen. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen und die unchristliche Uhrzeit half auch nicht gerade weiter. Umso glücklicher war ich aber, dass ich mal wieder entschieden hatte, mit der Bahn zu fahren und der Kaffee am ersten Bahnhof half schließlich auch weiter.

Ich erreichte das Messegelände wie üblich gegen halb elf und begab mich in die vollen aber nicht überfüllten „Hallen der Verheißung“, nur um festzustellen, dass die Anzahl an Ausstellern zumindest in der Rollenspielhalle wieder geschrumpft war. Man entdeckte ein paar der üblichen Verdächtigen, wie Highlander Games, den Imp Shop und natürlich die größeren Verlage wie Pegasus, Prometheus und Ulisses, aber es schienen viel weniger Schnäppchenstände oder allgemeine Verkaufsstände da zu sein.

Dabei konnte sich der Rollenspieler nicht über zu wenige Neuheiten beschweren. Nach einer Runde durch die Halle, in der ich es vermied mit Leuten zu sprechen, um mir erstmal einen Überblick zu verschaffen, landete ich schließlich am Prometheus-Stand, der erstaunlich klein ausgefallen war. Bei einem Verlag mit so vielen Projekten und einem zumindest aus Konsumentensicht so großen Wachstum hätte ich einen größeren Stand erwartet. Aber das änderte nichts an der riesigen Mengen an extrem coolen Neuheiten. Sundered Skies, das neue Quellenbuch für Savage Worlds war genauso hübsch geworden, wie ich es gehofft hatte: Ein kleinformatiges Hardcover (etwas größer als A5) mit gelungenem Cover, großartigem Layout, hochwertigem Papier und sogar einem Lesebändchen. Das Cover ist stellenweise matt cellophaniert, was es edler erscheinen lässt als das Original. Außerdem ist die Schrift des Fließtextes gut zu lesen. (Wer das Original kennt, kann nachvollziehen, warum ich an dieser Stelle sorgen hatte.)

Scion: Demigod sah genauso schick aus. Der zweite Teil der Scion-Trilogie ist sogar noch dicker als der erste und das, obwohl er keine Grundregeln mehr enthält. Das Cover gefällt mir nicht so gut, wie das von Scion: Hero, ist aber trotzdem sehr gelungen. Ich bin schon sehr gespannt.

Eine weitere Neuheit war der Universalsichtschirm, ein stabiler Sichtschutz als drei Teilen im DIN-A4-Querformat, in den man beliebige Blätter unter durchsichtige Folie schieben kann. Prometheus liefert für alle seine Systeme Einschübe mit Tabellen und vielen Bildern zum Download. Das Ding ist großartig geworden, stabiler als das Original von Pinnacle Games und sogar mit Buchecken aus Metall.

Aber es geht noch weiter: Gleich drei neue Pocket-RPGs lagen auf den kleinen Tischen herum und luden zum Durchblättern ein. Mein persönlicher Favorit ist 1W6 Freunde, das vom Dorp entwickelte Jugend-Detektive-Rollenspiel. Die erste Version des witzigen Spiels ist ja schon eine ganze Weile online, doch jetzt wurde es erweitert und liegt in Buchform vor. Als alter „Drei ???“-Fan wurde ich wieder ganz nostalgisch. Prometheus wollte es eigentlich noch vor der Messe komplett als Download anbieten – das geschieht noch, wie ich mir habe berichten lassen – doch auch so ist es die lumpigen € 12 auf jeden Fall wert.

Zweites Pocket-Hightlight ist die Neuauflage von Funky Colts. Wer dachte die alte Version wäre bunt, der hat den Neudruck noch nicht gesehen. Deutschlands orangestes (sic!) Rollenspiel, fürwahr. Auch Funky Colts soll noch als kostenloser Download kommen, damit man unverbindlich hineinschnuppern kann.

Bei Barbaren war ich ehrlich gesagt etwas skeptisch. Es ist eine Indie-Entwicklung, ein „Macho-Rollenspiel“, bei dem man Barbaren in einer Testosteron-geschwängerten Welt voller halbnackter Frauen, heldenhafte Kämpfe und Verführungsversuchen spielt. Ob das mein Ding ist, wird sich noch zeigen (für alle Prometheus-Neuheiten reiche ich Rezensionen nach), es sieht aber hübsch aus und ein erstes Durchblättern konnte meine Bedenken schon etwas zerstreuen.

Dominik war gesprächig und begeistert wie immer und nahm sich trotz vieler Arbeit Zeit, ein wenig mit mir zu quatschen. Gemeinsam ist es uns gelungen jemanden davon zu überzeugen das tolle Opus Anima Investigation zu kaufen und einen Fan des Rollenspielwälzers Heroes dazu zu bringen, sich Savage Worlds zuzulegen. Beide Produkte finde ich großartig genug, dass es mir eine Freude war, die beiden glücklich weggehen zu sehen. Wie üblich hätte ich gern noch mehr mit Dominik gesprochen, aber auf einer Messe klappt so etwas ja nie.

Mein zweiter Anlaufpunkt war natürlich der Pegasus-Stand, der dieses Jahr auch nicht mit Neuheiten gegeizt hat. Dass ich beschlossen hatte, die Cthulhu-Neuheiten zu bestellen, war zwar gut für meinen Rücken, aber ich hätte die Bücher doch gern zum Durchblättern mitgenommen. Aber das ging ja auch am Stand und so mussten Thomas und Daniel noch ein wenig warten, während ich stöberte. Die Cthuloide Welten lag aus, war aber dank Abo schon in meinem Besitz. Der Schwerpunkt liegt diesmal bei Mexiko mit einem Artikel über das Land und einem längeren Abenteuer. Auch der Rest sah beim Durchblättern sehr interessant aus.

Das dickste neue Buch war Cthulhu Mittelalter, das eine neue Zeitepoche für Cthulhu eröffnet. Neu deshalb, weil das lange vergriffene Cthulhu 1000 AD nur einen kleinen Bruchteil des Mittelalters abgedeckt hatte, das komplett neu geschriebene Hardcover sich aber mit dem gesamten Mittelalter befasst. Das Cover ist jedenfalls schon einmal sehr gelungen und der eine Abschnitt, den ich am Stand las, war sehr vielversprechend.

Der erste Teil der dreiteiligen Cthulhu-Now-Kampagne Nocturnum ist für mich eine noch erfreulichere Neuheit. Cthulhu-Chef Frank Heller schwärmt so ansteckend von der Kampagne, dass man geradezu neugierig werden muss. Modern, weltumspannend, lang genug für drei Teile und die Zusammenfassung klingt auch gut. Da kann man nur gute Verkäufe wünschen, denn mit dem Erfolg der Kampagne steht und fällt die Cthulhu-Now-Reihe. Verkauft sie sich nicht, könnte es das gewesen sein mit Cthulhu in der Gegenwart – was natürlich sehr schade wäre.

Drittes Hardcover für dieses Jahr ist Grauen in Arkham, die Abenteuersammlung mit eigentlich acht Abenteuern passend zum großartigen Quellenband. „Eigentlich acht“, weil ein Abenteuer davon vergessen wurde. Zwar ist das theoretisch ärgerlich, praktisch bietet Pegasus das Abenteuer aber zum Download an und das Hardcover wurde dadurch günstiger. So hat der Fan am Ende doch noch etwas davon.

Was es sonst noch Neues am Pegasus-Stand gab, habe ich nicht genau beobachtet. Die Shadowrun-Kurzregeln (Direktlink auf das PDF, weil der Link auf der Pegasus-Homepage trotz Ankündigung immer noch zur alten Version führt) wurden neu und komplett farbig aufgelegt. Auch die Cthulhu-Kurzregeln waren neu und auf hochwertigerem Papier gedruckt. Zu schade, dass die Hexer-Kurzregeln wohl nie auf Papier erscheinen werden.

Auch wenn ich die einzelnen Shadowrun-Neuheiten nicht benennen kann, so halte ich doch endlich die neuen Grundregeln in den Händen. Ein unglaublich hübsches Buch und beim Hineinlesen, sind mir schon jetzt einige Dinge klarer als nach dem Lesen der alten Auflage. Die frisch zur Messe veröffentlichte limitierte Ausgabe mit Silberschnitt und Blau-Metallic-Cover wäre natürlich noch hübscher gewesen, aber auch erheblich teurer.

Nach dem Schnuppern konnte ich dann endlich Daniel und Thomas suchen, die ich beide hinter dem Stand fand. Ich nahm mir auch gleich einen der Cthulhu.de-Flyer in Form eines Mini-Sichtschutzes. Was für eine witzige Idee! Er ist so hoch wie ein Feuerzeug und optisch an den französischen Sichtschutz für Cthulhu angeglichen (und somit das Logo des Blogs). Man kann ihn sogar richtig hinstellen, um dahinter zu würfeln oder eine Notiz zu verstecken. Nachdem ich endlich begriffen hatte, dass die Dinger dazu da sind, benutzt zu werden, war ich nicht nur von der Optik begeistert.

Nachdem Daniel mit seiner erfolgreichen und lustigen Support-Runde fertig war, nahmen wir drei uns viel Zeit für Gespräche und ein Mittagessen in einem Burgerladen. Im Vergleich zum Messefraß war das eine regelrechte Gourmet-Mahlzeit, die sehr zu meiner guten Laune beitrug.

Später machte ich dann die Runde zu den anderen Ständen. Auch Ulisses hat nicht mit Neuheiten gegeizt. Für mich interessant waren Wege des Meisters und das John-Sinclair-Abenteuerspiel. Ersteres kaufte ich trotz meines DSA4-Hasses. DSA mag ich zwar nicht, Rollenspieltheorie aber sehr und an einem so großen Buch mit Spielleitertipps konnte ich nicht vorbeigehen. Den dritten Band der DSA-Retro-Reihe mit den ersten vier Soloabenteuern – ebenfalls neu – habe ich allerdings nicht gekauft, obwohl ich den Regelband der Reihe besitze und ab und zu nostalgisch seufzend darin herumblättere.

Das John-Sinclair-Abenteuerspiel ist eine Neuheit, die von Christian Günther (Degenesis) entwickelt wurde, ein Spiel, das ganz klar auf Anfänger zielt und kurze, prägnante Unterhaltung liefern will. Es gibt einfache Regeln, ein kurzes Soloabenteuer zum Einstieg und sogar ein dreiteiliges Abenteuer, das mit den Nachfolgebüchern eine kleine Saga ergeben soll. Ich bin noch nicht durch, aber was ich vom Inhalt bisher gesehen habe, war große Klasse. Nur die Aufbereitung der Spielkarten ist etwas unglücklich. Am Ende findet man für das Spiel genötigte Spielkarten, die man kopieren (oder als PDF herunterladen) muss. Die fast schwarzen Farbseiten sind beidseitig bedruckt, sodass man die Karten nicht einfach ausschneiden kann. Auch wenn es nur drei Seiten sind, finde ich es etwas ärgerlich, dass die Karten nicht spielbereit beigelegt wurden – zumal ein völlig sinnloses (wenn auch halbwegs hübsches) Poster hinten im Buch steckt. So oder so werde ich John Sinclair weiter beobachten.

Recht witzig fand ich auch das Werbespiel für Freelancer: Hexxagon, das man mitnehmen konnte. Es ist ein Poster mit einem kooperativen Dungeon-Brettspiel nach Freelancer-Regeln. Eine nette Idee.

Pathfinder war ebenfalls neu, ebenso wie ein Abenteuer dafür – und ich glaube auch einen dünnen Quellenband gesehen zu haben. Interessanter (jedenfalls für mich) war allerdings Hollow Earth Expedition, die neu erschienene Übersetzung des gleichnamigen amerikanischen Pulp-Rollenspiels, das in die Tiefen der Hohlwelt führt. Dinosaurier, Weird Science, edle Wilde und grausige Monster: Besäße ich nicht schon vier Pulp-Rollenspiele hätte ich mir das optisch gelungene Buch auf jeden Fall zugelegt.

Ebenso nicht gekauft habe ich mir Frostzone, das neue Cyberpunk-Rollenspiel der Arcane-Codex-Macher. Es ist wunderhübsch und mit ca. 560 Seiten ein gewaltiger Brocken. Da mich Arcane Codex textlich aber ziemlich enttäuscht hat, beschloss ich, das Geld dafür zu sparen. Einen Sichtschutz gab es für Frostzone übrigens auch schon.

Beim 13Mann-Verlag lag der erste Roman für das optimistische Postapokalypse-Rollenspiel Heredium aus. Außerdem gab es irgendein Buch für Rolemaster.

Bei Feder und Schwert konnte man, so habe ich nachträglich gehört, einen Blick auf die 3. Edition von Warhammer und Rogue Trader werfen. Schade, dass ich das verpasst habe.

Der neue Sichtschutz von Private Eye musste leider auch im Regal bleiben, und die neue Ausgabe des Fanzines Abenteuer-Punkt habe ich nicht gefunden. (Ich hatte überlesen, dass ich sie an eben dem Stand bekommen hätte, wo der erwähnte Sichtschutz stand.) Dafür habe ich aber kurz Moritz getroffen und mir eines seiner One-Page-Dungeons für Labyrinth Lord geben lassen. Und bei André am Stand der Runequest-Gesellschaft konnte ich noch die Neuauflage von HeroQuest erwerben, auf die ich sehr gespannt bin. Robin Laws hat aus dem großartigen System für Glorantha ein Universalsystem gemacht, das echte Erzählstrukturen aufweist (im Gegensatz zu manchen anderen selbst ernannten Erzählspielen).

Und damit war ich am Ende angelangt. Ich habe gelernt, dass man mit Pressekarte Zugang zu Schließfächern hat (was ich auch nutzte) und dass es manchmal schon reicht im Impressum einer Zeitschrift zu stehen, um besagte Pressekarte zu erhalten. Ich fuhr pünktlich ab, schwer beladen mit Büchern, die ich aber im Zug brav in der Tasche lies, denn das ältere Ehepaar am gleichen Tisch hatte beschlossen nicht zu sprechen (es sei denn sie flüsterten sich leise Worte zu) und stattdessen ihre Umgebung mit gerunzelter Stirn zu beobachten. Ich war ohnehin müde und wollte vermeiden, die Falten auf den Stirnen mit John Sinclair oder gar Barbaren noch tiefer zu machen. Gegen elf war ich müde aber glücklich zu Hause.

Es war nett wie jedes Jahr, wenn der Schwund an Verkaufsständen aber so weitergeht, muss ich irgendwann überlegen, ob es noch lohnt hinzufahren.

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Veröffentlicht am 30. Oktober 2009, in News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Ich hab Sundered Skies und Demigod gerade erhalten, und kann nur bestätigen: Wunderschöne Bücher :)

  2. Ja, die „1W6 Freunde“ kommen definitiv auch noch als PDF zum Download. Ansonsten wäre es einfach nicht … DORP ;)
    Ich denke, dass der Markt der gedruckten Worte, etwa mit Prometheus als starkem Partner bei den „Freunden“ oder im Selbstverlag wie Ende des Jahres testballonhaft mit dem DORP-Regelwerk, für uns auch noch eine Menge Potential und Entfaltungsraum bietet, aber wir sind und bleiben eine Webseite; wir wollen da auch ganz klar nicht von weg.

    Viele Grüße,
    Thomas

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