Rezension: Lucius Shepard – Ein Handbuch amerikanischer Gebete

handbuch-gebeteUrlaubszeit bedeutet für mich Zeit zu lesen. Drei Bücher habe ich in meinem einwöchigen Urlaub geschafft. Ein bis drei davon rezensiere ich hier auf dem Blog.

Den Anfang machte Lucius Shepards „Ein Tagebuch amerikanischer Träume“ (Edition Phantasia, 301 Seiten, Taschenbuch, € 17,90). Wardlin Stuart, der Ich-Erzähler des Romans, erschlug einen Mann im Streit und kam dafür 10 Jahre ins Gefängnis. Weil er dort niedergestochen wird, fängt er an zu beten. Es sind aber keine normalen Gebete, eher kleine Wünsche in Gedichtform – die überraschenderweise sogar in Erfüllung gehen. Stuart hat seine eigene Erklärung dafür: Er geht davon aus, dass es eine Art Umprogrammierung seiner Selbst ist; dadurch, dass er einen kleinen Wunsch genau formuliert, auswendig lernt und regelmäßig wiederholt, verändert er seine Art mit diesem Wunsch umzugehen und setzt somit die Erfüllung selbst in Gang. Stuart perfektioniert seine Technik und als er aus dem Gefängnis kommt, schreibt er ein Buch darüber, das unglaublich erfolgreich wird und ihn zum Begründer einer neuen Religion macht. Der Erfolg macht Stuart zu schaffen und droht sein Leben erneut zu ruinieren, doch nicht nur das plagt den charismatischen Mann. Irgendwann hatte sich wie von allein ein Gott in die Gebete geschlichen, eine fiktive Figur, die Stuart ab und zu anrief, wenn er für sich oder andere Wünsche erfüllen wollte. Diese Figur taucht eines Tages auf der Straße auf und spricht ihn an.

Wenn mich jemand nach einem einzelnen Wort der Beschreibung für das Buch fragte, würde „abgefahren“ in die engere Wahl kommen, ich hätte jedoch Schwierigkeiten, den Finger daraufzulegen, warum ich den Roman als abgefahren empfinde. Na klar, wir erleben wie ein fiktiver Gott möglicherweise auf der Welt wandelt, doch dieser Gott spielt zunächst eine nur untergeordnete Rolle. Zunächst erleben wir Stuarts Innenleben. Seine Gedankengänge sind – wenn auch ab und zu vielleicht etwas zu stark selbstreflektierend – jede Sekunde nachvollziehbar. Wir erfahren nicht nur vom Gebetsstil, wir glauben, dass so etwas geschehen könnte. Stuarts Aufstieg geschieht nicht einfach, wir erfahren von Lesereisen und von Talkshows und wie sich seine Anhängerschaft zunächst langsam, dann schlagartig vergrößert – und auch warum. Auch wie der Streit mit einem fundamentalistischen Fernsehprediger entsteht, ist absolut nachvollziehbar. Als dieser Streit eskaliert und der fiktive Gott immer häufiger auftaucht, wird es schließlich wirklich abgefahren, aber wahrscheinlich viel weniger als Gegner der „Weird Fiction“ annehmen würden.

Shepard wirft mit dem „Handbuch“ einen Blick auf das moderne Amerika (und auf die moderne westliche Welt allgemein). Wer das Rollenspiel „Unknown Armies“ gelesen hat und keinen rechten Zugang zur Idee der Postmoderne bekommt, sollte vielleicht das „Handbuch“ lesen. Als das Leben von Stuart endgültig zusammenzubrechen scheint und er jemanden erzählt, dass er das so nie haben wollte, wird er gefragt: „Aber du wolltest Erfolg, oder? Das ist Erfolg.“

Das „Handbuch“ ist ein faszinierendes und unglaublich dichtes Buch. Wer nichts gegen sehr moderne Literatur mit einem philosophischen Touch hat, bekommt ein wahnsinnig spannendes Buch, das er nicht mehr aus der Hand legen kann. Ich bin mir sicher, dass alle, die „Unknown Armies“ mögen, dieses Buch lieben werden, obwohl keine Magier, Archetypen, Geister oder Weltuntergänge, ja noch nicht einmal viel Gewalt darin vorkommen. Ich werde mir jedenfalls in naher Zukunft alles von Lucius Shepard zulegen, das ich in die Finger bekommen kann.

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Veröffentlicht am 4. September 2009, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Rezension: Lucius Shepard – Ein Handbuch amerikanischer Gebete.

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