Rezension: Die Stadt der Blinden

Ich weiß gar nicht mehr, wer mir den Film empfohlen hat. Als ich ihn jedenfalls beim letzten Gang in die DVD-Verleih-Stube meiner Wahl im Neuheitenregal sah, lieh ich ihn kurzerhand aus.

Ich glaube, der Film war mir als „abgefahren“ beschrieben worden, aber damit hatte mich niemand auf den Alptraum vorbereitet, der mich erwartete. Es geht ruhig los, als an einer dicht befahrenen Kreuzung plötzlich ein Auto stehen bleibt, weil der japanische Fahrer von einem Augenblick zum nächsten erblindet. Dem Mann, der ihn nach Hause bringt, ergeht es darauf ebenso, genau wie dem Augenarzt, zu dem der Japaner von seiner Frau gebracht wird.

Es ist eine Art Seuche. Die Regierung reagiert sofort und isoliert die Erkrankten in einer schnell eingerichteten Quarantänestation. Dort werden die Blinden eingepfercht, knapp mit Lebensmitteln versorgt und müssen ansonsten für sich selbst sorgen. Die Ehefrau des Augenarztes – hervorragend gespielt von Julianne Moore – lässt sich ebenfalls abtransportieren, obwohl sie sehen kann, um nahe bei ihrem Mann zu bleiben. Sie sieht den Dreck, der bald überall in der Station ist, kann ein wenig helfen und ist doch machtlos gegenüber den furchtbaren Zuständen, die sich bald ausbreiten. Als es dann irgendein Arschloch eine Pistole einzuschmuggeln und beginnt seine Macht-Phantasien auszuleben, geht endgültig alles den Bach herunter.

Der Film erzählt die Geschichte nüchtern und ruhig – fast schon dokumentarisch – Julianne Moore jedoch bringt das Drama zum Zuschauer. Er kann ihre Verzweiflung mitfühlen, die unglaubliche Bürde nachvollziehen, die einzige Sehende unter Blinden zu sein. Der Horror, einem Blinden mit Waffe ausgeliefert zu sein, macht die Situation schließlich auch für den Zuschauer fast unerträglich – ich habe jedenfalls ziemlich gelitten. Der Film schlägt gegen Ende noch einmal ruhigere, melancholische Töne an (wobei das nichts darüber sagt, ob er „gut“ oder „schlecht“ ausgeht; um das herauszufinden, müsst ihr ihn schon selbst gucken), was ihn noch zusätzlich abrundet.

Unweigerlich musste ich an „Das Experiment“ denken, das ja auch um Menschen in einer abgeschlossenen Umgebung geht. Ich fand, „Die Stadt der Blinden“ ist aber noch beeindruckender, denn wo beim „Experiment“ einige Zufälle nötig sind, damit sich die Situation derart zuspitzen kann, läuft hier die Handlung natürlicher ab.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein großartiger Film – und ein Scheiß-Alptraum.

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Veröffentlicht am 5. Juni 2009, in Film, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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