Rezension: Nichtfraktal

[Kampagnenband von Christian Günther, Valentin Maier und Samir Glaidos, Sighpress Verlag, Sprache: Deutsch, geheftet, 56 Seiten, € 14,50]

Kurzfristig angekündigt erschien zur diesjährigen Spielemesse in Essen ein neuer Band für das Endzeit-Rollenspiel „Degenesis“. „Nichtfraktal“ ist ein mit 56 Seiten recht dünnes, aber preisgünstiges Heft. Das Cover erklärt, dass es sich um einen „Degenesis-Kampagnenband“ handelt.

Durchblättern durch das Heft nützt nichts, wenn man versucht herauszufinden, was genau die Degenesis-Crew unter einem Kampagnenband versteht, denn der Stil von „Degenesis“ wurde unverändert beibehalten. Die Kampagne um eine Art Goldrausch wird also wie auch das Regel- und die bisherigen Quellenbücher mit Hilfe von kurzen Vignetten erzählt, die nahtlos in typische erklärende Rollenspieltexte übergehen und sich damit vermischen. Zwar verwirrt das zunächst, wenn man auf den ersten Seiten versucht herauszufinden, worum zum Teufel es geht, lässt man sich jedoch darauf ein, erhält man eine atmosphärische Dichte, wie sie in Rollenspielbüchern nur selten anzutreffen ist. Die Spannung bleibt beim Lesen erhalten; die Pointe der kleinen Kampagne wird auch dem Spielleiter erst auf der letzten Seite verraten, es gibt keine Zusammenfassung der Ereignisse zu Beginn und teilweise meint man sich in einem Roman wiederzufinden, anstatt in einem Abenteuerband.

Das sorgt zwar für hohen Lesespaß, erschwert aber die Vorbereitungsarbeit des Spielleiters. Die Überschriften deuten beispielsweise oft nur kryptisch auf den Inhalt des dazugehörigen Abschnittes hin, und es ist generell schwieriger, etwas wiederzufinden, als in anderen Rollenspielwerken. Durchblättern hilft also wirklich nichts, man muss den Text schon genau lesen, um herauszufinden, worum es in „Nichtfraktal“ geht.

Wie sich dabei herausstellt, ist das Heft ein Mittelding aus Abenteuer und Kampagnenhintergrund. Das namensgebende Nichtfraktal ist ein Artefakt, das im „Kessel“ am „Schwefelsee“ vermutet wird. Hunderte von Schrottern (arme Schlucker, die Artefakte der alten Welt suchen, um sie zu verkaufen) reisen in den Kessel. Andere Kulte folgen ihnen. Eine improvisierte Siedlung bildet sich dort, wo bisher nur ein einzelner Mann lebte, und viele Konflikte sorgen für eine explosive Stimmung. Es ist die Degenesis-Version eines waschechten Goldrauschs und die Charaktere sind natürlich mittendrin.

Im Kapitel „Kesseltreiben“ findet der Leser einen Überblick über die Situation im Kessel, eine Karte und die Beschreibungen der wichtigsten Figuren vor Ort. Die drei folgenden Kapitel enthalten mehrere mögliche Szenen, wie sie sich im Kessel abspielen könnten. Die Charaktere bekommen unmoralische Angebote, finden mögliche Spuren zum Artefakt, und können Freunde und Feinde gewinnen. Am Ende lösen sie vielleicht das Geheimnis um das Nichtfraktal (eine bösartige, herrlich zur trostlosen Zukunft von „Degenesis“ passende Pointe) und werden ihre neuen Freunde eventuell bitter nötig haben. Die einzelnen Szenen sind – ganz typisch für „Degenesis“ – nur blitzlichtartige Blicke in das Leben im Kessel. Die wichtigsten Ereignisse beginnen auch ohne Zutun der Spielerfiguren, diese können sie aber erheblich beeinflussen. Wer absolute Einflussnahme und Handlungsfreiheit erwartet, wird zwar enttäuscht werden, für ein vorgefertigtes Abenteuer ist das hingegen ein schöner Stil und wenn der Spielleiter die Handlung am Laufen hält, steht nicht zu erwarten, dass sich die Spieler anschließend beschweren.

Optisch steht „Nichtfraktal“ seinen Vorgängen in nichts nach. Das Layout ist „dreckig“ und hervorragend wie immer und auch die Zeichnungen sind im üblichen gelungenen Stil. Einige von ihnen sowie die wenigen Karten wirken fast wie Skizzen, doch das unterstreicht nur die Stimmung.

Fazit: Der erzählende Stil macht das Heft zwar etwas unübersichtlich, sorgt aber für einen gehobenen Lesespaß. Wer den Stil mag, erhält mit „Nichtfraktal“ die Grundlagen für ein langes Abenteuer, das zwar vom Spielleiter ausgeschmückt werden muss, aber im Spiel genauso viel Spaß machen sollte wie beim Lesen.

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Veröffentlicht am 13. Januar 2009, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Argh, ich dachte, sie wollten Degenesis spielbarer machen? Christian Günther hat doch noch auf der Spielmesse erzählt, dass sie zu viele Leser hätten und zu wenige Spieler… *ärger*. Aber das Szenario aus der Mephisto zu Nichtfraktal habe ich ja schon nicht verstanden…

  2. Es ging mit der Verständlichkeit. Durch die recht kleinen Abschnitte war es verständlicher als andere Degenesis-Bücher. Man muss sich aber schon ein wenig konzentrieren, wenn man alles mitbekommen will. :-)

    Es ist aber nicht wirklich verwunderlich, dass die Bücher eher gelesen als gespielt werden, oder? Was die Autoren säen, das ernten sie auch.

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