Rezension: Ian McEwan – Saturday

Als reiner Genre-Leser ist man eigentlich eine arme Sau. Natürlich gibt es großartige Geschichten in der Sci-Fi, Fantasy oder Horror. Schätzchen wie Gaimans „Stardust“, Ligottis Kurzgeschichten oder Peakes „Gormanghast“ und wahrscheinlich Hunderte von anderen Beispielen bereichern die Literaturlandschaft gewaltig. Aber lohnt es sich nicht vielleicht trotzdem, ab und zu den fantastischen Bereich zu verlassen?

Selbst als Genre-Leser stößt man auf Geschichten außerhalb des Geek-Königreichs, die einen begeistern. Vielleicht liest man McCarthys „Die Straße“ und stellt fest, dass es gar nicht um das kaputte Amerika geht, sondern um einen Vater und seinen Sohn, oder man stößt in einer Geschichtensammlung von Bradbury auf „Machineries of Joy“, wo sich zwei Mönche um die kommende Mondlandung und ihren Einfluss auf die Religion streiten, und bemerkt, dass diese Story diejenige ist, die von allen im Buch am längsten im Kopf bleibt. Oder man bekommt von seinem Vater ein Hörbuch mit den Worten „Hör dir das mal an und sag mir, was du davon hältst“ in die Hand gedrückt.

So kam ich zu „Saturday“. Ich war ein wenig skeptisch. Die Diogenes-Cover sehen ja nicht gerade spektakulär aus und der Inhalt klang so lala. Aber ich hatte gerade nichts anderes und schob bald die erste CD in mein Autoradio.

Der erfolgreiche Neurochirurg Henry Perowne erwacht an einem Samstag im Jahr 2003 viel zu früh am Morgen, geht in die Küche und sieht ein brennendes Flugzeug über London, das schnell aus seiner Sicht verschwindet. Ein Terror-Anschlag? War es eine Passagiermaschine? Der Vorfall bringt Perownes Gedankenmaschine in Gang, und er reflektiert über sein Leben, seine Familie, seine Arbeit. Alles scheint so perfekt zu sein. Ein harmloser Autounfall bringt schließlich Dinge in Gang, die ihn und seine Familie nachhaltig beeinflussen.

McEwan zeichnet in detaillierten Betrachtungen das Bild einer Familie, in die der Terror eindringt, so wie das Flugzeug vielleicht ein Vorbote für Terror inmitten von London ist. Er schreibt nüchtern und doch anschaulich, sogar die vielen medizischen Details von Operationen, über die Perowne nachdenkt, sind irgendwie spannend.

Auch wenn man viel über die Bedeutung der Geschichte und ob McEwan etwas aussagen oder nur das Portrait einer Situation erschaffen wollte, philosophieren kann, ist es am Ende eine Familiengeschichte. Es ist keine Terror-Geschichte, ja noch nicht einmal ein Thriller. Aber es ist eine faszinierende und spannende Geschichte. Und wenn der großartig lesende Jan Josef Liefers schließlich fertig ist, bleibt sie noch lange im Kopf.

Ich werde sicher noch lange Genre-Leser bleiben, doch es gibt eine Menge ausgezeichnete Geschichten, für die es sich lohnt den Mainstream zu beobachten. Eigentlich sollte diese Erkenntnis eine Selbstverständlichkeit sein, doch als Geek muss man sie sich einfach ab und zu ins Gedächtnis rufen.

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Veröffentlicht am 14. Dezember 2008, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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