Spiel 2008 – Messebericht

Auf Schienen lese ich über eine Straße.

Der Roman „Die Straße“ von Cormac McCarthy, in dem ein Vater mit seinem Sohn in einem völlig zerstörten Amerika eine Straße entlangwandert, um an die Küste zu kommen, schien mir mit seiner Melancholie, der Traurigkeit und depressiven Stimmung genau der richtige Gegenpol zur erwartungsfrohen Hektik der Spielemesse in Essen zu sein. Wie sich jedoch herausstellt, ist der Zug kein guter Ort, um das grandiose Buch – ein Tipp, den ich vom Auf-den-Inseln-Con mitgenommen habe; danke an Marcos Tablequiz – zu lesen. Auch im Zug ist es laut und die Unterhaltungen der Mitreisenden und die Lautsprecherdurchsagen lenkten mich zu sehr ab, um das ruhige Buch richtig genießen zu können. Ich verlegte mich also aufs Dösen.

Ein weiteres Mal wollte ich am Unknown-Armies-Stand aushelfen, den ich Freitag gegen halb elf erreichte. Wie die letzten Jahre teilten sich Unknown Armies, Opus Anima, Degenesis und die Mephisto einen Stand, auch wenn die Mephisto diesmal strickt abgetrennt war. Der Verkaufstisch war dieses Jahr schmaler, dafür was dahinter mehr Platz. Vor rotem Stoff hingen die drei großen Poster, die auch schon die letzten Jahre auf die Spiele aufmerksam gemacht haben. Trotz der relativ großzügigen Fläche hinter dem Tisch wurde es manchmal eng, so viele Supporter drängelten sich dort. Ich war überrascht, was für ein netter Haufen an Menschen da zusammengekommen war. Konkurrenzgefühle gab es überhaupt nicht – keine bösen Worte, kein Gezicke, jedenfalls nichts, was mir aufgefallen wäre (abgesehen von einem kleinen Vorfall, der aber schnell vergessen war). Man unterhielt sich angeregt über dies und das und obwohl ich auch durchaus das eine oder andere kritische Wort über die anderen Spiele äußerte, wurde mir das nicht nachgetragen. Danke an alle, die ich dort kennenlernen durfte. Ich hoffe, ihr habt mir meine Kritik an den Büchern nicht übel genommen – dass ich insgesamt begeistert war, ist hoffentlich angekommen. Und Entschuldigung an das „Orakel“ Hauke, dessen Gesicht ich nicht einordnen konnte, obwohl ich mehrere Stunden mit ihm auf der RPC am UA-Stand gestanden hatte.

Für Unknown Armies gab es leider nichts Neues. Für Degenesis war ein kleiner Abenteuerband produziert worden. Nichtfraktal ist geheftet, hat 56 Seiten und ein farbiges Cover. Ich habe ein Exemplar bekommen und werde in einer ausführlichen Rezension mehr berichten.

Dieses Jahr war also Opus Anima der Publikumsmagnet, denn das lang angekündigte Grundregelwerk ist endlich erschienen, ein über 400 Seiten dickes Werk mit großartigen Zeichnungen von Felix Mertikat, der auch fleißig Bilder in gekaufte Bücher malte. (Wer Interesse hat, kann sich hinter dem obigen Link das GRW als PDF herunterladen).

Das Buch ist wirklich ein Augenschmaus, und es bringt wahrscheinlich mehr Kilos auf die Waage als so manches Anime-Girlie (von denen wir auf der Messe aber weitestgehend verschont blieben). Ich werde in einer ausführlichen Rezension berichten, ob der erste gute Eindruck auch einer genaueren Betrachtung standhält. Der Abend im Hotel hat mir aber die Zeit für erste Eindrücke gegeben und ich kann schon Folgendes sagen: Eine Einleitung, die mich anschreit, ist einfach nicht mein Ding, die anderen Textpassagen von Opus Anima, die ich zum Vergleich las, gefielen mir aber besser, und die unglaublichen Massen an Ideen, die einen schon beim Durchblättern anspringen, haben mich extrem beeindruckt. Ich freue mich schon sehr auf die Lektüre.

Am Freitag blieb es ruhig und so hatte ich genügend Zeit für Erkundungsgänge.

Ebenfalls neu (und wie Opus Anima auch am Prometheus-Stand zu ergattern) war Ratten!!, das Ratten-Kompendium. Es bietet – das ergab zumindest das flüchtige Durchblättern im Hotel – genau das, was man von einem Ratten-Kompendium erwartet: Neue Rotten, neue Regeln, besondere Fertigkeiten und Lieder, außerdem ein Abenteuer und – deswegen hatte ich mich besonders auf das Buch gefreut – „Ratten im Weltraum“. Eine Raumstation, ein anderes Layout … wenn das nicht cool ist …

Das Cover von Heredium, dem Endzeitrollenspiel, das sich nicht mit dem Ende sondern mit einem Neuanfang beschäftigt, ist so elegant und reizvoll, wie es nur sein kann. Nur das in Silber eingeprägte Zeichen von Heredium – der Kreis mit den Flammen – prangt groß in der Mitte des mattschwarzen Buchdeckels, kein einziger Buchstabe schmälert die schlichte Eleganz. Leider ist die Innengestaltung nicht ganz so ausgereift, denn das Hochglanzpapier scheint mir nicht sonderlich gut zu passen und das Zweispaltenlayout hätte an der einen oder anderen Stelle aufgebrochen werden sollen. Mit ein wenig mehr Einfallsreichtum hätte man so manche unschöne weiße Fläche vermeiden können. Auch der nur wenig genutzte Seitenrand ist zu breit geworden. Inhaltlich ist das Buch aber sehr vielversprechend und übrigens wie Opus Anima über 400 Seiten dick.

Auch sehr vielversprechend ist Dominic Wäschs Buch Spielleiten, das beim Red-Brick-Verlag erschienen ist. Nachdem am Donnerstag nach zweieinhalb Stunden schon alle mitgebrachten Exemplare verkauft worden waren, und ich am Freitag dementsprechend leer ausging, war ich froh, es am Samstag überraschenderweise doch kaufen zu können, nachdem irgendwo noch eine Kiste aufgetaucht war. Das Buch hatte für mich in dem Augenblick gewonnen, als ich einen Abschnitt las, den mir Unknown-Armies-Chef Tim Struck unter die Nase hielt:

Zen-Spielleitung

Die wichtigsten Regeln […]:
• Sei langweilig!
• Höre auf zu versuchen, raffiniert zu sein!
• Tue nichts!

Wenn ihr keine Ahnung habt, warum das gute Tipps sind, dann ist das Buch für euch genau die richtige Lektüre und auch wenn ihr wisst, was gemeint ist, kann ein Kauf nur nützen. Nach den ersten 30 Seiten zu urteilen, die ich auf der Rückfahrt las, könnte es jedenfalls eines der wichtigsten Bücher für Spielleiter auf dem Markt werden. Ganz nebenbei beweist es auch, dass Print-on-Demand eine echte Alternative für Kleinverlage geworden ist, denn an der Qualität des Softcovers gibt nichts auszusetzen.

Spätestens nach dem Besuch beim Pegasus-Stand, wurde diese Spielemesse für mich die „Messe der dicken Bücher“, denn dort bog das neue Malleus Monstrorum die Bretter der Verkaufstische durch.

Braucht man bei Cthulhu Hunderte von verschiedenen Monstern? Nein – aber sie sind cool. Die Cthulhu-Redaktion hat alle Mythos-Monster, die außerhalb der Traumlande existieren, zusammengetragen und in ein über 500 Seiten dickes Buch gepackt. Die Gestaltung mit dem „Bildern von Bildern“ ist natürlich geblieben, genauso wie die Minigeschichten, die jede Beschreibung einrahmen. Sogar Orthulhu hat es in das Buch geschafft, was alle Besucher des letzten Cthulhu-Cons freuen wird. Die zweite Neuerscheinung für Cthulhu war USA – Großmacht unterm Sternenbanner, dem lang ersehnten Amerikaband. Mit knapp 280 Seiten ist das Buch im Vergleich zum Malleus fast schon niedlich. Die wichtigsten Städte erhalten kurze Beschreibungen und sogar eine Karte, Informationen über das Leben und die Kultur – eben alles, was man in so einem Cthulhuquellenbuch erwarten würde. Ich bin gespannt auf die Lektüre und hoffe, dass es sich interessanter liest als ein Lexikontext.

Es gab aber noch mehr am Pegasus-Stand. Tom Weghofer, der Webmaster vom Cthulhu-Blog, dem Unknown-Armies-Blog und diversen anderen Webseiten, außerdem Veranstalter von verschiedenen Cthulhu-LARP-Events, hat mich auf eine Kurzgeschichte mit CD aufmerksam gemacht. Das kleine Hardcoverbüchlein kostete knapp 15 Euro und enthält eine CD mit Soundtrackmusik, die die Kurzgeschichte Where Evil Lurks untermalt. Das Buch ist hübsch und die erste Seite las sich nett.

Bernd Perplies, der Chef-Redakteur des Ringboten, hat nicht nur gerade einen Fantasyroman veröffentlich, sondern ist auch Co-Autor vom neuen Hexer-von-Salem-Spielbuch mit dem Titel Das schleichende Grauen, das ebenfalls zur Messe erschien. Alles neue Spielmaterial zum Hexer von Salem sollte die Rollenspielgemeinschaft (im Gegensatz zu den Romanen) freuen, und da die Produktion von klassischem Rollenspielmaterial vorerst eingestellt wurde, freute es mich besonders, das kleine Buch zu sehen. Auch hiervon werde ich noch mehr berichten.

Weit ab vom Pegasus-Stand zog die Neuauflage von Private Eye meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hat endlich das Aussehen, das das coole Rollenspiel verdient. Ich bin noch in Besitz der dritten Auflage, die geheftet und mit dünnem schwarzweißen Cover erschien, das neue Hardcover kann aber mit einem schmucken Buchdeckel und gelungenem Innenlayout aufwarten. Sogar eine großformatige Farbkarte von London ist dabei. Leider war mein Geldbeutel schon zu arg „gebeutelt“, ich musste also um das Buch herumgehen.

Der Freitag war, obwohl wenig los war, schnell herum. Ich bin viel rumgelaufen und habe alles gesehen, was ich wollte. Nur ein paar Schnäppchenkisten mussten auf Samstag warten, um von mir geplündert zu werden (dort fand ich z. B. noch ein Exemplar von Necessary Evil für Savage Worlds für einen lumpigen Zehner). Am Samstag ging der Run auf Opus Anima los. Als Nachschub an Büchern vom Prometheus-Stand geholt werden musste, sah man das Strahlen in den Gesichtern der Supporter. Da wir von Unknown Armies davon aber nur sekundär betroffen waren, blieb noch Zeit, um mich mit den vielen Leuten zu unterhalten, die man an den verschiedenen Ständen treffen konnte. Besonders die Zukunft von Savage Worlds in Deutschland interessierte mich – und ich kann, glaube ich, sagen: Sie sieht rosig aus. Auch vom Projekt Kopfkino wird man wohl noch einiges hören, und der Rollenspiel-Almanach bleibt auch nächstes Jahr aktuell und interessant wie eh und je.

Einige Sachen habe ich aber auch ausgespart. Das Hexer-von-Salem-Brettspiel von Kosmos war mir für die Rückfahrt zu unhandlich und sah auch von weitem nicht so cool aus, wie die Bilder im Internet suggerierten. Das Arsenal für das deutsche Shadowrun ließ ich links liegen (nur die hübsch gewordenen Kurzregeln habe ich mir mitgenommen) und auch die ersten Eindrücke von Schattenjäger von Feder und Schwert, die man bekommen konnte, haben mich nicht interessiert. Mir reicht meine englische Version des Warhammer-40K-Rollenspiels. Das erste Quellenbuch für Spherechild mit dem Titel Sol Thu’ma wurde auch angeboten. Auf der Homepage kann man ein Intro-Heft mit ein wenig Hintergrund und einem Soloabenteuer herunterladen (ebenso wie das Intro-Heft der Grundregeln). Es geht um Science Fiction und Horror in einem bösartigen Mix: Weltraumschlachten, fiese Organisationen, was man halt so erwartet.

So bin ich dann am späten Samstagnachmittag gefahren. Auf der Rückfahrt tobten fast die ganze Zeit zwei Kinder um mich herum, was mich daran hinderte die neuen Bücher intensiver zu lesen. Nur Spielleiten konnte mich trotz des Lärms länger fesseln.

Irgendwann kam ich dann zu Hause an – kaputt, aber zufrieden. Schön war’s – wie jedes Jahr.

Veröffentlicht am 30. Oktober 2008, in News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Schöner Bericht und war natürlich sehr schön dich mal zu treffen!

    Die Straße ist übrigens ein großartiges Buch und wird bald (2009) auch im Kino zu sehen sein, mit Viggo Mortenson, Robert Duvall und Charlize Theron. Aber ob man die Verzweifelung im Film gut darstellen kann, wage ich zu bezweifeln ;)

  2. So diesmal geb ich zu das ich den langen Blogeintrag noch! nicht gelesen hab und beziehe mich nur auf die Straße. Scheint ja wirklich ein Tipp zu sein. Mir hat Daniel ^^ das Buch nahegelegt. Werd ich wohl demnächst loslegen müssen mit lesen. :D

  3. *lach* Kein Thema. :)
    Mir ist ja nur ein paar Stunden später so was ähnliches dann auch noch passiert. Und danke nochmal fürs signieren von meinem Disturbania-Band.

    Und deinen Bericht finde ich auch schön zu lesen. Erstaunlich was man alles auf der Spiel so finden kann. (Und wie man sie unterschiedlich wahrnehmen konnte.) Jedenfalls muss ich nächstes Jahr mal nach diesem omniösen Durchgang zum Innenhof ausschau halten. *g*

  4. @Daniel: Gleichfalls. Begeisterungsstürme über Gaiman auszutauschen ist doch immer ein Vergnügen :-)

    @Tom: Solltest du. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es weiterzulesen, aber bisher ist es grandios. McCarthy ist auch der Autor des Romans „No Country for Old Men“, der so genial von den Coen-Brüdern verfilmt wurde. Der Typ kann was und ich werde bestimmt noch das eine oder andere Buch von ihm nachziehen.

    @Hauke: Gern :-) Im Innenhof gibt es frische Luft und die Möglichkeit zwischen den vielen Autos relativ ungestört zu telefonieren – tolle Sache. Außerdem ist es eine Abkürzung zur RPG-Halle.

  5. Ja, der Innenhof war ein ziemlich heißer Tip, den ich im Tanelorn direkt genannt bekommen habe und im Fundus Ludi als „Abkürzung“ erwähnt bekam. (Zumindest denke ich mal, dass Ibag den Innenhof mit ihrer Abkürzung meinte.)

  6. qamel: No Country for Old Man liegt auf dem Stapel der ungesehenen DVDs… :-)

  7. Hi Amel! Danke für den Bericht!

    Hast Du Abenteuer für Heredium herumliegen oder Pointer darauf? Ich würde wohl mal was leiten wollen, wenn auch nicht das Abenteuer aus dem GRW. Danke!

    Gerne PM via http://doct.wordpress.com/ resp. http://doct.reachby.com/

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