Rezension: Die Festung des Bergkönigs

[Abenteuer für „Labyrinth Lord“ von Moritz Mehlem, Brave Halfling Publishing, Sprache: Deutsch, Softcover/PDF, 16 Seiten, ca. € 8,00 (Softcover)/umsonst (PDF)]

Die Nostalgiewelle rollt. Viele Rollenspieler kommen langsam in ein Alter, in dem sie sich verklärt an ihre Jugend zurückerinnern – an die vielen spannenden und lustigen Spielabende, die wir mit der roten D&D-Box oder DSA1 verbracht haben. Erinnert ihr euch an „Burg Bernstein“, „Der Hügel des Grauens“ oder „Die Insel der Schrecken“? Ich weiß noch, wie ich begeistert in den dünnen Heftchen hin- und herblätterte und die Karten studierte.

Die „Open Gaming Licence“ hat den heutigen Fans dieser Art des Spiels eine bisher nie dagewesene Möglichkeit eröffnet. Regeln kann man nicht mit Copyright belegen – nur die Darstellung der Regeln und andere Trademarks, die aber wiederum die OGL frei verfügbar macht. Einige fleißige Fans haben sich also daran gemacht und ihre  Lieblinge auferstehen lassen, indem sie die ursprünglichen Regeln von „D&D“, „AD&D“ und später sogar „Runequest“ nachbauten und veröffentlichten (eine ziemlich ausführliche Liste verfügbarer Spiele findet ihr hier im Blog unter Nostalgie-RPGs). Daniel Proctor von Goblinoid Games nennt diese Spiele „Retro-Klone“. Mit diesen Texten haben Verlage nun die Möglichkeit wieder alte D&D-Produkte zu veröffentlichen.

„Labyrinth Lord“ ist der Retro-Klon des 1981er D&D, also den Regeln, die direkt vor der roten D&D-Box erschienen und dieser recht ähnlich sind – die Unterschiede sind jedenfalls klein genug, um auch bei jedem deutschen Spieler Nostalgie-Seufzer auszulösen. Man kann es umsonst bei Goblinoid Games herunterladen oder als Buch (Soft- oder Hardcover) über Lulu.com kaufen. Bei Interesse erhält man hier eine genauere Erklärung zu „Labyrinth Lord“ und hier eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen D&D-Ausgaben.

Moritz Mehlem war der erste, der ein Abenteuer dafür veröffentlichte. „Fortress of the Mountain King“ erschien zunächst auf Englisch, doch seit kurzer Zeit ist es auch auf Deutsch unter dem Titel „Die Festung des Bergkönigs“ erhältlich.

Der Einband des 16 Seiten dünnen Heftchens könnte nicht besser passen: Eine amateurhafte, aber charmante Zeichnung prangt in der Mitte eines purpurfarbenen bzw. kräftig blauen Covers (letzteres in der PDF-Version des Abenteuers, die es übrigens inzwischen umsonst zu haben gibt; s. u.). Der obere Rand ist, wie bei den alten „D&D-Modulen“ (benutzt heute noch jemand den Begriff „Modul“?) in einer anderen Farbe gehalten und mit den Anforderungen (3-5 Charaktere der Stufen 1-3) und der „Seriennummer“ CLA1 versehen ist.

Die Innengestaltung fügt sich in den ersten Eindruck ein. Die Zeichnungen versprühen den gleichen Old-School-Charme (besonders das großartige Bild von einem Otyuck im Kampf mit ein paar Helden auf S. 7), sind aber qualitativ doch manchmal grenzwertig, pixelig oder nur Ausschnitte aus einem größeren Bild. Das Layout ist einfach und schmucklos – dafür ist der Text aber in meiner Lieblingsschriftart gesetzt. Die Karte der Festung ist leider nur in der PDF-Version des Abenteuers blau-weiß, der Druck wäre dadurch unnötig teuer geworden und ist somit grau. Insgesamt vermittelt das Heft genau den gleichen Charme wie die alten D&D-Hefte – nur noch etwas einfacher gestaltet.

Auch das Abenteuer folgt den alten Strukturen. Das Dörfchen Larm wird von Banditen bedroht. Eine Bande von Humanoiden – Goblins, Orks, Kobolde und andere – führt unter der Leitung des „Bergkönigs“ immer wieder Überfälle durch. Doch eines Tages wird die Festung des Bergkönigs entdeckt und die Charaktere gebeten, die Bösewichte dort zu stellen.

Es folgt ein klassisches Dungeon, in dem die Charaktere diverse Humanoide erschlagen und schließlich (hoffentlich) den Bergkönig selbst besiegen. Wer sich jetzt mit Grausen an alte Dungeons erinnert, in denen Monster hausten, die eigentlich verhungern müssten, wenn man die Tür hinter ihnen zumacht, die nirgends ihre Notdurft verrichten konnten und an völlig sinnlosen Stellen Fallen angebracht haben, wird positiv überrascht. Die alte Zwergenfestung, in der die Humanoiden hausen, ist, obwohl sie nicht verleugnen kann, ein klassisches Dungeon zu sein, erstaunlich durchdacht strukturiert. Die Räume sind sinnvoll bevölkert, nicht isoliert (wenn man an Punkt X Alarm auslöst, kommen aus Raum Y die Wachen) und die Wesen handeln nachvollziehbar. Es gibt sogar ein Klo.

Besonders gefreut habe ich mich über den Humor, der meiner Meinung nach völlig unabdingbar für ein gutes Nostalgie-Produkt ist: Ein locker plaudernder Schreibstil sorgt für Lesevergnügen, ein alter Zwergenscherz macht den Charaktere das Leben schwer, und der oben bereits erwähnte Otyuck hat eine witzige Aufgabe.

Wer nicht „die Katze im Sack“ kaufen will, hat nun die Möglichkeit das Abenteuer umsonst als PDF zu bekommen. Nur eine Anmeldung bei Yourgamesnow.com, der Indie-Konkurrenz von RPGNow.com, ist notwendig, aber die lohnt sich so oder so.

Insgesamt ist „Die Festung des Bergkönigs“ ein gut gemachtes, kleines Dungeon, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und den Impuls auslöst zum Telefon zu greifen, um die alte Spielrunde wieder zusammenzurufen. Schade ist nur, dass es „Labyrinth Lord“ bisher nur auf englisch gibt. Aber gerüchteweise soll sich auch das eventuell ändern. Ich jedenfalls werde meine alte D&D-Box entstauben und das Abenteuer zeitnah spielen.

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Veröffentlicht am 1. Oktober 2008, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Hm, wie heißt die Schriftart nochmal? Ich würde mir nur wünschen, dass irgendwer den Rollenspielleuten beibringt, wie man löchrigen Blocksatz verhindert. Das schmerzt meine eitrigen Augen.

  2. Die Schriftart ist Souvenir Lt BT (oder, Moritz, irre ich mich?).

  3. Ich glaube das Stichwort heisst „Silbentrennung“ — keine Ahnung wer das Layout gemacht hat. Vielleicht ist keine Silbentrennung natürlich besser als englische Silbentrennung. Mich hat es auf alle Fälle nicht gestört.

  4. Stimmt, keinerlei Silbentrennung. Ist mir gar nicht aufgefallen. So sehr gestört hat es mich auch nicht. Da aber jedes Layoutprogramm auch Silben trennen können sollte, wäre das mal eine Anregung für die nächste Veröffentlichung :-)

  5. Ahhhh ja, die Souvenir, genau. Auch nicht wirklich eine Textschrift. Natürlich braucht es Silbentrennung, je mehr, desto Blocksatz und je mehr, desto kürzer die Zeile. Muss irgendwann man was zum Thema «Typografie für Rollenspieler» bloggen. :-)

  6. Oh, ich kenne aber einige Rollenspiele, die in dieser Schriftart gesetzt sind: z.B. Risus und Labyrinth Lord. Andererseits muss das natürlich nichts heißen, denn Rollenspiele sind manchmal einfach seltsam gesetzt (ich erinnere mich mit Grausen an „Kobolde“ von Pegasus – so ein witziges Spiel und so schlecht zu lesen). Die Souvenir kann man jedenfalls gut lesen, finde ich, und sie macht einen Text irgendwie „organisch“, wenn ich diesen laienhaften Eindruck so nennen darf.

    Aber ein kurzes „Typografie für Rollenspieler“ würde bestimmt begeistert aufgenommen.

  7. Schöne Rezi, schönes Heft!Wem ein deutschsprachiges GRW fehlt (, weil er die rote Box nicht hat), sollte es mal mit M20 versuchen. Das klappt – glaub ich – gut! (Hab das mal mit M20 und den Kurz-DCC ausprobiert).

  8. Stimmt, M20 sollte klappen. Aber ich hoffe ja trotzdem auf ein deutsches „Labyrinth Lord“

  9. Gesagt, getan: Hier ist der erste Teil einer Blog-Reihe zum Thema: Typografietipps für Nicht-Typografen. http://www.kreisrot.at/blog/2008/10/typografie-tipps.html

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