Dan Simmons: Ilium und Olympos

[Hörbuch von Audible.de – günstiger Preis, verringerte Soundqualität durch zu hohe Komprimierung, blödsinniger Rechte-Management-Schwachsinn – hervorragend gelesen von Detlef Bierstedt]

„Ilium“ und „Olympos“ sind zwei dicke Bücher, in denen die Geschichte von Thomas Hockenberry erzählt wird, einem Philosophieprofessor und Ilias-Kenner, der viele Tausend Jahre nach seinem Tod von den Göttern des Olymp zum Leben erweckt wird, um den Trojanischen Krieg zu beobachten. Und wenn ihr glaubt, das wäre abgefahren, dann erzähle ich euch von den beiden anderen Handlungssträngen des ersten Buchs: Zwei halborganische Roboter von den Jupitermonden werden auf eine Mission zum Mars geschickt, weil dort irgendwelche Vorgänge auf Quantenebene drohen außer Kontrolle zu geraten und das ganze Sonnensystem zu zerstören. Auf der Reise diskutieren sie voller Hingabe über Shakespeare und Proust. Gleichzeitig lernen wir eine Gruppe von Menschen auf der Erde kennen, die sich neben den Partys und dem Sex auch noch – wie schockierend! – dafür interessieren, wo sie wohnen, woher sie kommen und was es sonst noch so auf der Erde gibt. Es leben auf der Erde nur noch ca. 1 Million so genannte Alt-Menschen um Faxportale herum, zwischen denen sie hin- und herfaxen (Trekkies würden es „beamen“ nennen) können. Sie können nicht lesen, werden von allgegenwärtigen Robotern bedient und beschützt und haben wegen der Faxerei auch kein Verständnis für Geographie oder Entfernungen. Ach ja, und es heißt, dass die Alt-Menschen im Alter von genau einhundert Jahren von den Nach-Menschen zu den Orbitalringen der Erde gefaxt werden, wo sie den Rest der Ewigkeit in Freude und Luxus verbringen.

So geht es jedenfalls los. Wir erfahren, wie die Roboter vom Jupiter zum Mars fliegen, ein paar Menschen auf der Erde den Status Quo hinterfragen und Thomas Hockenberry beschließt in den Trojanischen Krieg einzugreifen, bevor alles den Bach runtergeht.

Noch nie habe ich einen so faszinierenden und gleichzeitig abgefahrenen Roman genießen dürfen. Simmons Sprache ist wie in all seinen Büchern blumig und bildhaft. Er webt eine ungewöhnliche Geschichte so, dass es jederzeit spannend, nachvollziehbar (keine leichte Aufgabe bei einem Stoff wie diesem) und fesselnd bleibt. Man riecht förmlich den Staub der Schlachtfelder vor Troja und hört Achilles nach Rache schreien.

Ich bin nun wahrlich kein Science-Fiction- oder Space-Opera-Kenner, habe aber das Thema „Posthumanismus“ noch nirgendwo auf diese Weise bearbeitet gesehen. Es geht um Quantenphysik und Zeitsprünge, Alt- und Nach-Menschen und lebendig gewordene Götter und Helden. Wir beobachten wie Thomas Hockenberry Helena begegnet, erfahren wie ein Alt-Mensch zu Fuß in den „Atlantikbruch“, eine schmale, durch Kraftfelder gehaltene Schneise quer durch den Atlantischen Ozean, ging und sehen die außerirdischen Roboter auf dem Mars landen und seinen Bewohner begegnen.

Leute, die ein wenig mehr Ahnung von Quantenmechanik haben als ich, werden sich bei vielen der Beschreibungen wahrscheinlich genauso verständnislos an den Kopf fassen, wie Lasertechiker, die von Laserschwertern hören, doch was soll’s? Simmons erzählt uns ein Zukunftsmärchen, in dem einer fremdartigen Welt nach und nach alle Geheimnisse entrissen werden.

Um ein bereits überstrapaziertes Zitat von Stephen King ein weiteres Mal zu bemühen: „Simmons schreibt wie in Gott. Ich kann gar nicht sagen, wie ich ihn beneide.“

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Veröffentlicht am 26. Juli 2008, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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