Niemandsland

[Quellenbuch mit Abenteuern, Pegasus Press, Sprache: Deutsch, Hardcover, 268 Seiten, € 29,95]

Obwohl der Erste Weltkrieg in Europa eine so große Rolle gespielt hat, wurde er bisher im Cthulhu-Rollenspiel weitgehend ignoriert. Viele Spieler vermeiden es zu Recht, sich am Spieltisch mit dem Thema Krieg auseinanderzusetzen, doch die 20er Jahre wurden so nachhaltig von den Kriegsjahren geprägt, dass es schwierig wird die vergangenen Geschehnisse völlig auszublenden. Nicht zuletzt liegt die Vergangenheit jedes einzelnen Cthulhu-Charakters der 20er im Krieg. „Niemandsland“, ein dickes Hardcover mit Abenteuern und Hintergrundinformationen, versucht diese Lücke nun zu schließen.

Optisch bietet „Niemandsland“ keine Überraschungen. Das Layout ist gewohnt hervorragend, die Bebilderung reichlich und durch Verwendung von historischen Fotos stimmungsvoll. Das Cover gefällt mir diesmal sogar besonders gut.

Ziemlich genau die Hälfte des Buches widmet sich dem Hintergrund. „Zahlen, Daten, Fakten“ – so der Name des ersten Kapitels – bietet genau das: Zahlen, Daten und Fakten über den Verlauf des Krieges, wie es dazu kommen konnte, wie er sich entwickelte und was er aus Europa gemacht hat. Der geschichtliche Überblick ist äußerst ausführlich, man meint stellenweise ein populärwissenschaftliches Buch in den Händen zu halten und keine Rollenspielproduktion. Doch die Wortwahl ist präzise und im Rahmen der Möglichkeiten unterhaltsam. Aufgelockert werden die kalten Daten mit Zitaten aus Originalquellen wie Tagebüchern oder Briefen und mit Charakterbeschreibungen und Zusatzinformationen. Wirklich spielbares Material vermisst man allerdings.

Kapitel zwei „Charaktere im Krieg“ geht mehr auf den Spielaspekt des Themas ein. Für die Charaktererschaffung gibt es neue Fertigkeiten und Berufe (verschiedene Truppentypen von „Infantrie“ bis „Spione“). Frauen erhalten ein paar Seiten besondere Aufmerksamkeit, die ihnen aufgrund des sehr Männer-dominierten Kriegsthemas sonst nicht zuteilwird. Der Kriegsalltag, der mit seinen Schrecknissen an der Front so zentral für ein Spiel im Weltkrieg ist, erhält auch ein Kapitel, genauso wie die Feldpost, die in Abenteuern sicherlich eine große Rolle spielen wird. Das Ausrüstungskapitel, das auch Fahr- und Flugzeuge beschreibt, ist erstaunlich kurz geworden (wahrscheinlich wegen des gerade erschienen Waffenhandbuchs), doch ausreichend. Am Regelkapitel werden sich die Geister scheiden, denn die Regeln für Schlachten und Flugkampf sind für Cthulhu recht komplex geworden. Den Abschluss bildet ein gelungenes Kapitel über die Darstellung von Kriegsschrecknissen am Spieltisch.

In „Schwarzer Sand“, dem ersten der drei Abenteuer, bleibt der Krieg größtenteils im Hintergrund. Die Charaktere reisen von Deutschland nach Afrika (genauer: Deutsch-Südwestafrika). Während der Schiffsüberfahrt bricht der Krieg aus, was aber hauptsächlich einen Anlass für abendliche Diskussionen bietet. Außer dass Engländer interniert werden, man nicht weiß, wann und ob man nach Hause fahren kann und der Tatsache, dass man nur noch schwer an Waffen kommen kann, hat der Krieg nur wenig Auswirkungen. Die Handlung ist relativ klassisch mit einem investigativen Teil in Deutschland und der Erforschung von Höhlen am Ende der Geschichte. Der recht freie Aufbau, das hervorragend genutzte Setting und die subtile Nutzung des Krieges machen das Abenteuer zu einem Erfolg. Nur die Handouts sind mir diesmal zu lang. Ich mag alte Briefe und Tagebucheinträge, aber mehreren Seiten hört es auf.

„Ein Sommenachtsalptraum“ (ich hätte das fehlende R in Somme nicht bemerkt, wenn der Autor nicht darauf hingewiesen hätte) nutzt den Krieg viel direkter als „Schwarzer Sand“, denn hier geht es an die Front. Ein Frontabschnitt an dem ungewöhnlich viele Leute desertieren und dem Wahnsinn verfallen erregt die Aufmerksamkeit der Führungsoffiziere. Klärung ist nötig. Eine Panzerfahrt ins Niemandsland ist der reißerischste Teil des Abenteuers, ansonsten erleben die Charaktere hauptsächlich das Grauen des Stellungskrieges in Frankreich. Ein schönes Abenteuer.

Auch „Wir fahren nach Engeland“ hat mir gut gefallen. Als Geheimprojekt der Luftwaffe wird in Hamburg ein neuartiges Luftschiff entworfen und bildet die Kulisse für ein recht abgefahrenes Abenteuer an der Heimatfront. Relativ frei gestaltet und mit Spionage, Intrigen, Technik und Sabotage versehen, bietet das Abenteuer einen dritten Blickwinkel auf den Großen Krieg.

Die drei Abenteuer liefern das, was ich etwas stärker im ersten Teil des Buches erwartet hätte: unterschiedliche Perspektiven. Zwischen der ganzen Geschichte und den Beschreibungen der Charaktere an der Front mit all den Regeln und der Ausrüstung hätte ich gehofft, ein wenig mehr über die Heimatfront und andere Themen zu erfahren, die hinter den Kulissen der eigentlichen Kämpfe liegen. Die Themen werden zwar angesprochen, erhalten aber nicht die Aufmerksamkeit, die ich mir gewünscht hätte. Hier liegen  die eigentlichen cthuloiden Abenteuer; an der Front verliert der Schrecken bald an Wirkung.

Fazit: „Niemandsland“ ist ein Settingbuch für den ersten Weltkrieg – mit Hintergrund, Regeln, Tipps und Abenteuern. Der Krieg wird nicht verharmlost und dem Leser werden viele Informationen über Charaktererschaffung, Frontalltag, Technik und geschichtlichen Daten in die Hand zu geben. Die drei enthaltenen Abenteuer zeigen ausführlich und anschaulich, wie man das gewonnene Wissen in gelungene Abenteuer umsetzen kann. Nur wenn das Spiel die Front verlassen will, steht der Spielleiter recht allein da und ist auf die Abenteuer angewiesen.

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Veröffentlicht am 15. Juli 2008, in Cthulhu, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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