Matt Ruff: Fool on the Hill

Es war der Tipp eines Freundes. Er meinte: „Tu mir einen Gefallen und lass mich dir dieses großartige Buch ausleihen. Du wirst es lieben.“ Ich lieh es mir nicht. Aber als ich ein paar Wochen später mal wieder in der Buchhandlung herumstöberte, sah ich das knallgelbe Taschenbuch, schlug eine beliebige Seite auf und las einen Absatz, dann noch einen und noch einen. Dann kaufte ich das Buch.

Ich mache das öfter in Buchläden – eine beliebige Seite eines interessant wirkenden Buches zum Teil lesen – aber nur selten hat das einen Effekt. Aus dem Zusammenhang gerissen, transportieren die Worte fast nie ein besonderes Lesegefühl. Das ändert sich vielleicht, wenn man die ganze Seite liest (es gibt eine Webseite, die sagt, man solle immer Seite 69 eines Buches lesen und wenn man diese mag, kann man das Buch bedenkenlos kaufen), aber die wenigen Sätze, die ich lese, bedeuten mir nur selten etwas.

Anders bei „Fool on the Hill“ (Dtv). Drei Sätze haben gereicht. Ich habe an einer anderen Stelle das Buch aufgeschlagen und dann an noch einer. Immer das gleiche. Die besondere Stimmung des Buches springt wirklich aus jedem Satz.

St. George lebt auf einem Campus einer New Yorker Uni zusammen mit Kobolden, der schönsten Frau der Welt und allerlei netten und verrückten Studenten. Es gibt die Tolkienia, eine studentische Verbindung, die ganz nach Tolkien lebt (und einen Wald im Keller hat). Es gibt die Bohemier, die Pferde reiten, statt Autos zu fahren. Und ein Hund ist auf der Suche nach dem Himmel.

Voller Symbole, kleiner Weisheiten und Absurditäten fließt die Geschichte dahin. Ruff schreibt in Pastelltönen, wo andere Autoren dicke schwarze Striche ziehen. Man schmunzelt, lacht, seufzt und versucht den vielen Handlungsstränge zu folgen, während man sich fragt, wie das alles zusammenhängt.

Am Ende läuft es natürlich zusammen. Wir lernen warum die Hauptperson St. George heißen musste und wo der Drache herkommt. Die Handlungsstränge sind aber leider so sehr auf Kollisionskurs, dass es zum Unfall kommt. Manche Stränge verschwinden einfach, werden so plötzlich beendet, dass es lieblos wirkt. Sie haben etwas besseres verdient, als dass der bloße Zufall all die Mühen beendet.

Das nicht ganz gelungene Ende kann den Roman aber nicht ruinieren. Ja, ich hätte ein spektakuläreres Showdown erhofft, eins dass genauso liebevoll ist, wie der Rest des Buches. Die geistreichen Details der vorangegangen Seiten machen das aber locker wieder wett.

Zur Vorbereitung für diese Rezension las ich noch einmal ein paar Kritiken auf Amazon.de und mir wurde einmal mehr bewusst, wie viel Liebe in dem Roman steckt. Ich musste erneut lächeln, als ich an bestimmte Szenen oder Personen dachte. Wenn ein Roman einen Leser fast zwei Jahre nach der ursprünlichen Lektüre immer noch zum Lächeln bringt, ist das, so finde ich, eines der schönsten Komplimente, das man einem Buch machen kann.

PS: Das Buch wird immer wieder als Inspirationsquelle für das Rollenspiel „Unknown Armies“ genannt. Und wirklich: Der Einsatz von Symbolen, die kleinen und großen Absurditäten und Obsessionen der Charaktere könnten passender kaum sein. Trotzdem ist „Fool on the Hill“ für mich kein „Unknown Armies“-Roman. Die Stimmung ist eine ganz andere. Die Geschichte ist nicht dunkel genug – zu wenig ein Thriller – und ich könnte mir nicht vorstellen, wie David Lynch sie verfilmen würde. Es gibt nicht genug Action (außer vielleicht gegen Schluss). Man kann sicher Einzelpersonen herausgreifen (die Bohemier vielleicht und natürlich St. George) und auch das Ende ließe sich vielleicht in ein Abenteuer umsetzen, aber insgesamt würde ich eher einen Tim-Powers-Roman als Inspiration für das Rollenspiel empfehlen.

Lest „Fool“ aber trotzdem. Es ist ein großartiges Buch.

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Veröffentlicht am 2. Mai 2008, in Literatur, Rezensionen, Unknown Armies. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Ist wirklich ein gutes Buch. Hatte ja zwischendrin Probleme mit dem weiterlesen und hab es auch in die Ecke gelegt. Aber nachdem ich dann doch fertig wurde muss ich sagen, doch hat was das Buch. Bin zwar auch der Meinung das es nicht wie Bad Monkeys für UA taugt, aber doch ein wirklich gutes Buch ist.

  2. zufällig hab ich vor einiger zeit bad monkeys gelesen und ein paar monate später angefangen UA zu spielen und der sl bringt die welt wirklich sehr nahe an bad monkeys, ohne das er es kennt. ich nehme also an, es taugt doch ein bisschen was, wenn auch nur, als inspirationsquelle für verflochtene machtkämpfe.

  3. „Bad Monkeys“ ist als nächstes dran, sobald ich „MontroCity“ zu Ende gelesen habe. „Bad Monkeys“ soll besser für UA taugen, als „Fool“. Danke aber für den Tipp, wenn ich es gelesen habe, werde ich sicher davon berichten.

  4. Hast Du Bad Monkeys schon gelesen Amel? Ich hänge noch bei G.A.S. rum, wird also noch ne ganze Weile dauern bis ich dazu komme. Irgendwie hab ich den Tick alle Bücher chronologisch zu lesen.

  5. Ja, ich habe es vor ein paar Tagen gelesen. Rezi kommt demnächst. Es hat mir gefallen, war aber kein Vergleich zu „Fool on the Hill“, fand ich.

  6. burndownsthbeautiful

    An meinem 14. Geburtstag lag dieses Buch inmitten anderer Geschenke, die allerdings im Laufe der nächsten zwei Tage weitestgehend unbeachtet blieben, versenkte ich doch meine Nase zwischen den knallgelben Buchdeckeln. Mittlerweile hat es unter meiner Liebe gelitten, ist mit Würde gealtert und thront, erhaben und eselsohrig gleichviel, im Regal. Einfach mein Lieblingsbuch. Seine pittoresken Charaktere faszinieren mich noch immer. Deine Rezension kommt meiner Begeisterung ziemlich nahe. Allerdings stellt mich das Ende kaum zufrieden. Insbesondere Ragnaröks Story hätte mehr Einzelheiten vertragen, oder irre ich (mein Favorit…)?
    In jedem Fall ein wunderbares Werk!

  7. Da gebe ich dir recht. Wie ich sagte, fand auch ich das Ende abgehackt und irgendwie unbefriedigend. Aber es spricht für das Buch insgesamt, wenn man trotzdem den Drang hat, es anderen zu empfehlen.

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