Tim Powers: Expiration Date

[Folgende Rezension wurde für den Unknown-Armies-Blog geschrieben.]

Wie beschreibt man Unknown Armies? „Ein Tim-Powers-Roman verfilmt von David Lynch“ wäre eine Möglichkeit. Oder wie an anderer Stelle geschrieben wurde: Die surreale Welt von Tim Powers gemischt mit der Brutalität und den persönlichen Dramen aus James Elroys Romanen. In beidem Beschreibungen spielt Tim Powers eine Rolle, es lohnt sich also einen Blick auf seine Romane zu werfen.

„Expiration Date“ war der erste Powers-Roman, den ich je gelesen habe. Soweit ich weiß, gibt es ihn leider nicht in deutscher Übersetzung. Ist man jedoch des Englischen mächtig genug, um einer komplexen Handlung zu folgen, lohnt sich der Lese-Mehraufwand.

Die Welt von „Expiration Date“ sollte nicht zu ernst genommen werden, auch wenn die eigentliche Geschichte ein Thriller ist. Los Angeles ist voller Geister, die von Geister-Junkies gejagt werden, um sie zu „sniefen“ oder anderweitig zu konsumieren. Ein 11-jähriger Junge kommt zufällig in den Besitz von Thomas Edisons Geist und wird plötzlich von der halben Stadt gejagt. Der Geist des Genies hat Macht und die Geister-Junkies wollen diese Macht. Gleichzeitig wird ein Mann von seiner toten Zwillingsschwester angerufen und in eine alte Geschichte verstrickt, aus der er gehofft hatte heraus zu sein.

Powers Erzählweise ist bunt und direkt. Manchmal muss man ziemlich mitdenken, um seinen Gedanken zu folgen, doch das macht einen Großteil des Reizes der Geschichte aus. Es wird nie langweilig. Jede Seite drängt die Handlung nach vorn. Drei Handlungsstränge laufen auf Kollisionskurs und am Ende steht viel auf dem Spiel – viel für den Jungen und die anderen Protagonisten aber auch viel für die Stadt Los Angeles.

Ich habe gelesen, dass „Last Call“ einen noch direkteren Einfluss auf UA haben soll (ich kenne das Buch nicht), doch wenn man „Expiration Date“ liest, weiß man, wo Tynes und Stolze ihre Ideen her haben. Die Ideen sind allerdings sehr abgefahren und potenzielle Leser sollen sich dessen auch bewusst sein, bevor sie das Buch in die Hand nehmen, sonst kann es passieren, dass sie es kopfschüttelnd beiseite legen.

Zwei weitere Romane von Powers habe ich gelesen, doch keiner der beiden hat so ein UA-Flair wie dieser. „Die Tore zu Anubis Reich“ ist eine großartige Zeitreise/Fantasy-Geschichte mit einem Werwolf, ägyptischen Magiern und berühmten Dichtern. Der Roman ist zugänglicher als „Expiration Date“ (und auf deutsch zu bekommen) und vielleicht ein besserer Einstieg in die Welten von Powers. „Drawing of the Dark“ habe ich damals nach ca. zwei Dritteln aus der Hand gelegt. Ein magisches Dunkelbier, eine Reinkarnation von König Artus in einem Wien, das kurz davor steht, von den Türken belagert zu werden – die Ideen waren mir eine Stufe zu abgefahren und ich verlor irgendwann den Zugang zum Buch. Schade eigentlich, denn ich höre nur Lobeshymnen über dieses frühe Werk von Powers.

„Expiration Date“ kann ich als UA-Inspiration und alles pures Lesevergnügen jedem empfehlen, der des Englischen mächtig ist. Ich werde außerdem bald „Last Call“ lesen – spätestens, wenn ich neue Impulse für UA brauche.

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Veröffentlicht am 27. April 2008, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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