Dirty Secrets

Dirty Secrets[Regelwerk von Seth Ben-Ezra, Dark Omen Games, 2007, Sprache: Englisch, Softcover oder PDF-Datei, 150 Seiten, $ 25,00 (Buch), $ 12 (PDF)]

In „Dirty Secrets“ erzählt eine Gruppe von Spielern gemeinsam einen Krimi im Stil von James Ellroy oder Raymond Chandler. Es geht um Verbrechen, um Brutalität und darum, dass jeder zum Verbrecher werden kann, wenn die Bedingungen stimmen.

Der Text des quadratischen Buchs ist in verschiedenen Schreibmaschinen-Schriftarten gesetzt und wird regelmäßig von Fotos aufgelockert. Man hätte den Text des Spiels auch auf wesentlich weniger als 150 Seiten bekommen können, und ein Druck im Standardformat wäre bestimmt billiger gewesen, aber der Stil passt einfach. „Dirty Secrets“ ist ein Indie-Spiel der neusten Generation und dieses Indie-Flair sollte man auch in der der Optik wiederfinden.

„Dirty Secrets“ wurde unter anderem als Spiel für einen Spieler und mehrere Spielleiter beschrieben. Dies kommt von der etwas ungewöhnlichen Rollenverteilung. Ein Spieler übernimmt die Rolle des Ermittlers, die anderen Spieler verkörpern die Gegner, Verbrecher, Zeugen und unschuldigen Passanten. Alle gemeinsam erschaffen die Charaktere und bestimmen mit welchem Verbrechen (und an wem) die Geschichte eröffnet und wie der Ermittler hineingezogen wird.

Zunächst werden ein paar der so genannten „Character Cards“ (kleine Charakterbögen) herumgereicht. Jeder Spieler füllt ein Feld aus und reicht die Karte dann weiter. Auf diese Weile wird das Geschlecht der Figuren festgelegt, das Alter, die Abstammung (also ob die Figur ein Weißer, Schwarzer, Asiate, Latino o. ä. ist), Klasse (arm, reich, Mittelschicht) und „Status“ (Ex-Sträfling, Detektiv, FBI-Agent, Polizist oder normaler Bürger). Weitere Werte erhalten die Figuren nicht. Die Figuren bilden einen Grundstock, um die Geschichte in Gang zu bringen. Im Spiel können jederzeit neue Figuren hinzuerfunden werden.

Anschließend wird per Zufall das „Eröffnungsverbrechen“ bestimmt und diesem ein Opfer zugeordnet. Nachdem ein paar weitere Dinge festgelegt wurden (Was für ein Mensch der Ermittler ist, wo das Verbrechen stattfand, etc.) kann losgespielt werden.

Während des Spiels eröffnet ein Spieler eine Szene, beschreibt, was die anwesenden Figuren tun und wie es weitergehen soll. Andere Spieler mischen sich ein und beschreiben die Handlungen anderer Charaktere. Die Regeln von „Dirty Secrets“ sorgen dafür, dass das auch funktioniert. Der Ermittler versucht den Fall zu lösen und die anderen Spieler legen ihm dabei so viele Steine wie möglich in den Weg. Wer am Ende Verbrecher ist, wer unschuldig und wie alles zusammenhängt, erfinden die Spieler, durch Zufall und die Regeln gelenkt, gemeinsam.

Es ist sehr schwer die vielen kleinen Teile der Regeln zu beschreiben und wie diese ineinandergreifen, ohne die kompletten Regeln zu erläutern. Es gibt zum Beispiel das so genannte „Crime Grid“, eine Tabelle, die während des Spiels nach und nach mit Namen gefüllt wird. Eine Spielfigur, der „Zeuge“, wird durch bestimmte Handlungen im Abenteuer über die Tabelle bewegt. Am Ende ist es auch der Zeuge, der das Abenteuer beendet. Als weiteres Beispiel seien Konflikte erwähnt, die mithilfe eines Bietsystems ausgefochten werden, das nicht nur den Gewinner bestimmt, sondern auch die Geschichte ganz erheblich vorantreiben kann. Das Konfliktsystem ist ein kleines Spiel für sich mit taktischen Möglichkeiten und erzählerischen Auswirkungen.

So schwer das Spiel zu beschreiben ist, so schwer ist es zunächst auch zu begreifen. So wird man gleich zu Beginn mit ein paar Definitionen beschossen, die losgelöst vom Gesamtzusammenhang kaum zu verstehen sind (es sei denn man ist bereits gewiefter Indie-Gamer). Auch der Spielaufbau und das Konfliktsystem wirken zunächst verwirrend, und man scheint an jeder Ecke eine Sonderregel für irgendetwas zu finden.

Die zweite Hälfte des Buches hilft jedoch weiter. Im so genannten „Handbook“ werden die einzelnen Elemente des Spiels noch einmal aufgegriffen und ihr Sinn erklärt. Eine Tabellensammlung, die den Einstieg ins Spiel noch weiter erleichtert, schließt das Buch ab.

Doch auch mithilfe des „Handbooks“ ist die Schwelle, sich hinzusetzen und zu spielen, relativ hoch. Man sollte es aber spielen, denn dann fügen sich die vielen zunächst eigenartig erscheinenden Regelteile zusammen und man begreift, warum Seth Ben-Ezra, der Autor, es so machen lässt und nicht anders. Hier greifen viele kleine Dinge ineinander, egal ob das nun die Einträge auf den „Character Cards“ sind, das „Crime Grid“ oder das Konfliktsystem. Erst jetzt erkennt man, dass „Dirty Secrets“ ein kleiner Geniestreich ist.

Fazit: „Dirty Secrets“ ist ein ungewöhnliches Spiel in der Tradition der Indie-Spiele. Eine Gruppe von Spielern erzählt gemeinsam eine Detektivgeschichte im Stil von Ellroy, MacDonald und Chandler. Leider sind die Regeln zunächst nicht leicht zu begreifen, auch wenn der Autor den Leser mit vielen Erklärungen und tabellarischen Spielzugzusammenfassungen versucht zu unterstützen. Doch die Mühe lohnt sich. „Dirty Secrets“ ist ein kleiner Geniestreich und verdient es häufig und intensiv gespielt zu werden.

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Veröffentlicht am 1. März 2008, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Hast Du es schon gespielt? Hört sich ja wirklich nicht schlecht an. Vermutlich gibt es das Buch nur direkt beim Verlag oder?

  2. Als PDF direkt beim Verlag. Als Buch über Lulu.com (auch über den Verlag verlinkt) oder bei Sphärenmeisters Spiele, dem einzigen RPG-Versand, den ich kenne, der großen Wert auf Indie-Spiele legt.

    URL: http://shop.strato.de/epages/15455106.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/15455106/Products/DOGDS1
    (oder unter http://www.sphaerenmeisters-spiele.de danach suchen)

    Gespielt habe ich es leider nicht. Es scheitert an Spielern. Ich kenne fast niemanden, den ich zu einem Erzähl-Indie-Rollenspiel überreden könnte und als es auch noch um Krimis und nicht Fantasy ging bin ich total gescheitert. Und dass obwohl ich Seth, der mir den File netterweise als Rezi-Exemplar geschickt hat, versprochen hatte, mich um einen Spieltest zu kümmern.

  3. Ah gut. Bei Roland hab ich mir schon Trail of Cthulhu bestellt, dann werd ich Dirty Secrets noch dazu packen. Wenn Du auf die RPC kommst, bin ich gern bereit bei einem Spieltest mitzumachen.

  4. Inzwischen ist es halbwegs sicher, dass ich Samstag auf der RPC bin. Wenn ich es vorbereitet bekomme, ist das eine Superidee :-)

  5. Dann möchte ich dich einladen auf der RPC mal bei der Indie-Insel vorbeizuschauen. Wir haben auch ein Demo zu Dirty Secrets.

  6. Also vorbeikommen werde ich ganz bestimmt. Ob meine Zeit ausreicht, die Demo mitzumachen, kann ich leider erst dann entscheiden.

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