Fables: 1001 schneeweiße Nächte

1001 schneeweiße Nächte[Comic von Bill Willingham (Autor), Panini Comics, 2008, Sprache: Deutsch, 144 Seiten, € 16,95]

Bill Willinghams ungewöhnliche Comicserie „Fables“ nimmt die Märchen unserer Kindheit, stopft sie in die moderne Welt und gibt der Mischung einen kräftigen Tritt. Die Serie wurde mit Preisen überschüttet (gleich mehrfach mit dem „Eisner Award“, also dem „Oskar der Comics“) und ist genauso erfolgreich wie gut. Mit dem vorliegenden sind derzeit sechs Bände auf Deutsch erhältlich.

Die Wesen der Märchen wurden aus ihren Ländern vertrieben. „Der Feind“ überfiel ein Land nach dem nächsten, seine Kobolde besiegten die Armeen und versklavten die Bewohner. Doch einige konnten in eine andere Welt – unsere Welt – fliehen und gründeten eine kleine Gemeinde, die schon bald vom sich stetig ausbreitenden New York verschlungen wurde. Heute leben die Märchenwesen unerkannt zwischen den „normalen“ Menschen und nennen ihre Gemeinde „Fabletown“.

Die Charaktere von Fabletown sind uns wohlbekannt – und doch so fremd. Snow White (sowohl Schneewittchen als auch Schneeweißchen) ist beispielsweise die Bürgermeisterin von Fabletown und eine Frau, die weiß, was sie will. Ihr verhasster Ex-Ehemann Prince Charming ist ein Hallodri und Betrüger, der die Frauen gleich reihenweise umgarnt und skrupellos ausnutzt. Jack, der einst die Bohnenranke hinaufkletterte, ist ein Kleinverbrecher und Versager. Bigby (von „Big Bad“) Wolf hat menschliche Gestalt angenommen und ist ein Mittelding aus Polizist und Privatdetektiv in Fabletown.

In diesen Figuren liegt der Reiz der Reihe. Manche Erwartungen werden erfüllt (Bluebeard ist ein reicher Mann, dem man nicht trauen kann), doch viele andere nicht (Goldlöckchen ist eine Revoluzzerin, die über Leichen geht). Doch auch die besten Figuren nützen nichts, wenn ihre Geschichten langweilen und auch hier brilliert Willingham. Er erzählt Detektiv-, Abenteuer-, Kriegs- und Horrorgeschichten mit vielen Überraschungen, viel Witz und noch mehr Spannung.

Der Band „1001 schneeweiße Nächte“ spielt außerhalb der normalen Reihe. Snow White wird im Reich des Sultans gefangen gehalten und soll eines Morgens hingerichtet werden. Doch sie erzählt ihm eine Geschichte und verspricht ihm für den nächsten Tag eine weitere, wenn er sie leben lässt. Und so erzählt sie Nacht um Nacht ihre Geschichten. Die Geschichten dieser Nächte bilden den Inhalt des vorliegenden Buches.

In jeder der Geschichten erfahren wir etwas über eine oder mehrere Personen von Fabletown, wie sie aufwuchsen, wie es ihnen gelang zu fliehen oder was die Flucht für Konsequenzen hatte. Zehn Geschichten sind es insgesamt, jeweils von einem anderen Zeichner illustriert. Jeder Leser wird andere Zeichenstile präferieren, doch keiner fällt negativ aus dem Rahmen. Alle sind auf ihre Art gut und passend gewählt.

Die Geschichten erinnern mich teilweise an den Stil von Neil Gaiman. Es sind meist ruhige, aber immer liebevoll erzählte Märchen, in denen wir etwas über die Vergangenheit vieler verschiedener Figuren erfahren. Was geschah, nachdem Schneewittchen den Prinzen heiratete („Fechtstunden“, meine Lieblingsgeschichte aus dem Buch)? Wie was die Kindheit des großen bösen Wolfs? Wie war die böse Hexe in ihrer Jugend? Wir erfahren etwas über die Hintergründe von vielen Märchengestalten – Haupt- und Nebenfiguren der Fablessaga.

Für Fables-Fans ist „1001 schneeweiße Nächte“ ein sehr willkommenes Buch. Ob es, wie der Klappentext sagt, auch ein guter Einstieg in die Reihe ist, hängt aber sehr vom Leser ab. Einerseits werden schöne Kurzgeschichten erzählt, die losgelöst von der eigentlichen Handlung der Reihe verstanden werden können, andererseits bekommt der Leser einen etwas falschen Eindruck von der Reihe. Ein besserer Einstieg ist dann doch Band eins, denn hier geht es gleich in New York los und die dort erzählte Detektivgeschichte um den Mord an Red Rose legt gleichzeitig den Grundstein für die epischen Ereignisse der Folgebände.

Fazit: „1001 schneeweiße Nächte“ erzählt eine Reihe schöner Kurzgeschichten, die die Hintergründe der Fables-Figuren vertiefen und dabei kurzweilige Unterhaltung bieten. Der Neuling bekommt Geschichten, die er auch ohne Vorwissen versteht, und der Fables-Fan lernt mehr über seine Lieblingsfiguren. Ein schönes Buch, das nicht nur Comicfans empfohlen werden kann.

[Erschienen bei Ringbote.de]

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Veröffentlicht am 22. Februar 2008, in Comics, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Wobei gerade 1001 schneeweiße Nächte ja so ein Spin of ist und gegen die eigentliche Hauptreihe so richtig abfällt.

  2. Es geht nicht so heiß her wie in der Hauptreihe, das stimmt wohl :-) Mir hat das Buch aber gefallen, ich mag aber auch diese Art ruhiger Kurzgeschichten. Aber die Hauptreihe besser, deshalb ist es auch kein so guter Einstieg in die Reihe wie Band 1.

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