Richard Matheson: Ich bin Legende

Pünktlich zum Erscheinen der Neuverfilmung von „I am Legend“ mit Will Smith veröffentlichte Heyne eine neue Ausgabe des gleichnamigen Romanklassikers (zu dt.: Ich bin Legende) von 1954. Ich wollte den Roman schon immer lesen, bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Der großartige Film gab mir schließlich den letzten Anstoß.

Ich habe vor langer Zeit bei YouTube.com einen kurzen Blick in die 1964er Verfilmung mit Vincent Price (The Last Man on Earth) geworfen und wie alle Price-Filme wirkte die Erzählweise – so weit ich das aus den wenigen Minuten erkennen konnte – ruhig, ja fast lethargisch. Vermutlich schloss ich daraus, das der Roman ähnlich sein müsste, jedenfalls erwartete ich nicht eine derart modern erzählte, mitreißende Geschichte.

Robert Neville ist der letzte Mensch auf der Welt, so zumindest glaubt er. Er sitzt in seinem Haus in einer nie enden wollenden Routine fest, muss jeden Tag Knoblauch ernten, Holzpflöcke zuschnitzen, gelockerte Bretter vor seinen Fenstern befestigen und Vampire töten, um diese zu verbrennen. Eine Seuche hat die Menschheit ausgerottet und nur blutsaugende Monster übrig gelassen, die sich Nacht für Nacht um Nevilles Haus versammeln, ihn beschimpfen und belagern. Nevilles Leben ist eine grausame Hölle, ein Pfuhl aus Einsamkeit, Angst und verhasster Routine. Eines Tages versucht er aus der Routine auszubrechen und läuft dabei fast eine Katastrophe.

Die Ähnlichkeiten zwischen Buch und Film bestehen nicht nur thematisch, auch einzelne Plotelemente wurden übernommen – wenn auch etwas verändert. Mathesons Neville ist aber natürlich kein Wissenschaftler, der mit dem Ziel, eine Heilung für die Vampire zu finden, in seinem Haus bleibt. Solche Menschen bleiben wohl Hollywood vorbehalten. Auch ist der Schluss des kurzen Romans viel schlüssiger und konsequenter als das heroische Ende von Will Smith.

Überrascht hat mich die Dynamik von Mathesons Sprache. Ein Zitat auf dem Buchrücken weist Matheson als ein Haupteinfluss für Stephen Kings Geschichten aus. Und wirklich: Jeder, der King generell mag, aber ihn teilweise langatmig findet, wird Mathesons Stil mögen – King-Fans werden sogar begeistert sein. Die Geschichte wird sehr bildhaft und schnell erzählt, fesselt den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn erst am Ende wieder los.

Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es sich „nur“ um einen Horrorroman handelt. Egal wie viel Einfluss der Roman auf moderne Vampir-, Zombie- und Endzeitgeschichten genommen haben mag, Tiefsinn darf man nicht im Übermaß erwarten. Das Ende ist eine wunderbare Beobachtung menschlicher Gesellschaften und Nevilles Psyche wird grandios dargestellt, aber es ist und bleibt nur eine spannende Geschichte. Nicht, dass das schlecht wäre.

Die neue Heyneausgabe begnügt sich aber nicht mit einem reinen Neudruck des titelgebenden Romans. Um das Buch nicht allzu dünn werden zu lassen, haben sie es mit zehn von Mathesons Kurzgeschichten auf fast 400 Seiten aufgestockt. Die Geschichten zeigen, dass Matheson keine Eintagsfliege im Literaturbetrieb ist. Völlig unterschiedliche Themen werden mit der gleichen Wortgewalt angegangen wie der Roman und bereiten dem Leser ein wohliges Schaudern. Mein Favorit ist „Totentanz“, einer Geschichte über ein paar ganz gewöhnliche Collegestudenten in einer Welt, die von einem Dritten Weltkrieg verändert wurde. Der „Loopy“ ist eine grandiose Erfindung, nicht nur für Zombiefans. Außerdem erleben wir einen Mann, dessen Wut ihn langsam umbringt, afrikanische Magie in Manhatten, Menschenfresser und einen Mann, der mit seinem Unterbewusstsein telefoniert.

„Ich bin Legende“ ist ein fesselnder und mitreißender Roman, der jedem Horrorfan ans Herz gelegt werden sollte – egal, ob er nur eine Wissenslücke über einen Klassiker füllen will oder einfach einen spannenden Roman sucht. Die Kurzgeschichten, die den Band erweitern, können in ihrer Qualität nicht ganz mit dem Roman mithalten, doch auch sie bieten dynamisch geschriebene Horrorunterhaltung der Extraklasse.

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Veröffentlicht am 30. Januar 2008, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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