Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Macht es Sinn über einen derart bekannten Roman zu schreiben, einen Roman, der als Schullektüre herhalten muss, der schon lange Kultstatus erreicht hat und bereits von Theoretikern und Lehrern diverser Jahrzehnte interpretiert und auseinandergepflückt wurde? Die Meinungen zu der Geschichte scheinen schon so lange festgelegt …

Ich hatte nach einem Urlaub beschlossen, den Roman zu lesen, nachdem ich in einer Buchhandlung die Geschichtensammlung „Machineries of Joy“ kaufte und teilweise las. Die Titelgeschichte der Sammlung geht um zwei Mönche, einen irischen und einen italienischen, die sich in einem irischen Kloster darüber streiten, ob die in Kürze stattfindende Mondlandung eine theologische Katastrophe ist, oder ob Gott damit den Menschen etwas zeigen will. Der Streit eskaliert bis der irische Mönch sogar beschließt den Orden zu verlassen, doch ein paar versöhnliche Worte und ein nettes Getränk in kleiner Runde können den Streit schließlich auf das zurückführen, was er ursprünglich war: ein intellektuelles Kräftemessen zwischen zwei befreundeten Menschen.

Die Geschichte enthielt so viel, dass es mir schier den Atem verschlug: Es ging um Gott, den Umgang zwischen Menschen, unterschiedliche Sichtweisen, die Kirche und schließlich sogar um Poesie. Die Geschichte hat meine religiöse Einstellung nicht verändert, aber sie hat meinen Blickwinkel darauf den Bruchteil eines Grades verändert. Als ich wenige Tage später im evangelischen Dom in München der Taufe meines Patenkindes beiwohnte, meinte ich, die sehr feierliche Zeremonie mehr genießen zu können, als ich es vor der Lektüre der Geschichte gekonnt hätte.

In „Zen in der Schreibkunst“, das ich wenig später las, beschreibt Bradbury, wie er schreibt. Er assoziiert und beobachtet anschließend seine Figuren, wie sie Dingen tun, die er nur noch aufschreiben muss. So entstand auch „Fahrenheit 451“.

Die Aufgabe des Feuerwehrmanns Guy Montag ist es, Bücher zu verbrennen. Der Besitz von Büchern ist in dieser Zukunftsvision strafbar und die Feuerwehr spritzt Kerosin aus langen Schläuchen auf Bücherberge und verbrennt sie, häufig zusammen mit den Häusern, in denen sie sie fanden – die Strafe für den Besitz der Bücher. Montag muss mit ansehen, wie sich eine alte Frau lieber verbrennen lässt, als sich von ihren Büchern zu trennen. Sie setzt sich auf den Bücherberg in ihrem Wohnzimmer und zündet ihn sogar selbst an. Das und die Gespräche mit einem kleinen Mädchen auf seinem Weg zur Arbeit bringen ihn zum Nachdenken und schlussendlich seinen Niedergang.

Die Geschichte rast. Kaum beginnt Montag zu zweifeln, begibt er sich auch schon so sehr in Gefahr, dass er nicht mehr herauskommt. Es wird so viel gelitten, gewütet, erklärt, verteufelt, verbrannt und gerannt, dass man als Leser kaum zu Aten kommt. Dabei hat die Erklärung, wie es ursprünglich zu den Bücherverbrennungen kam, nichts an Aktualität verloren.

Man merkt Bradburys Schreibstil an, wie er schreibt: Er hängt seine Worte wie im Rausch aneinander, schreibt unheimlich emotional und bildhaft. Die Zukunftsvision ist kalt und leer und nur mithilfe von Montags Ehefrau und einem Wohnzimmer mit drei Bildschirmen gelingt es Bradbury die Trostlosigkeit einer Welt ohne Geschichten so nachvollziehbar einzufangen, dass es schon fast unheimlich ist.

Man merkt dieser Welt allerdings trotzdem ihr Alter an. Der Roman ist von 1953 und basiert auf einer Geschichte von 1951. Obwohl die wenigen Brocken an Technik, die im Roman beschrieben werden, auch heute in einer Science-Fiction-Geschichte auftauchen könnten, verbreiten sie dennoch ein gewisses Flair von „Steampunk“.

Bradbury ist unglaublich – als wäre ich der Erste, der das feststellt. Man taucht in seine Welten ein, und wenn man wieder auftaucht, ist man entweder fasziniert oder angewidert, aber sie lassen einen nicht kalt. Allein sein Sprachstil könnte einige Leser abschrecken. Die Satzgebilde, die aus seinen Fingern fluten, sind sicherlich nicht jedermans Sache, doch lässt man sich darauf ein, erlebt man fremde Welten und fantastische Abenteuer.

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Veröffentlicht am 10. Januar 2008, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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