Piotr und Lenka Wozniak

Vater Wozniak und seine Tochter Lenka sind zwei Figuren, die in jede beliebige Kampagne eingefügt werden können, in der das Übernatürliche keine Einbildung ist. Ob zu Zeiten des Mittelalters, der französischen Revolution, den 1920er Jahren oder der Gegenwart ist dabei egal. Ändert man die Namen von Ländern und Personen (oder auch nicht) können die beiden auch problemlos in Fantasywelten überführt werden.

Eine kleine Familie auf Reisen

Seit die 11-jährige Lenka denken konnte, zogen sie und ihr Vater mit einem Wanderzirkus (oder einem Jahrmarkt) durch die Lande und sagten zahlungswilligen Kunden die Zukunft voraus. Sie war die heimliche Attraktion bei den Schaustellern, ihre niedliche Art und freundliche Natur machten sie beliebt besonders bei Müttern oder solchen, die es werden wollten. Ihre Unschuld war es auch, die es ihr angeblich ermöglichte mit den Geistern in Kontakt zu treten, um auf diese Weise etwas über die Zukunft ihrer Kunden zu erfahren.

Ihr Zelt war nur schwach beleuchtet und gemütlich, doch aromatische Duftkerzen und so mancher okkult wirkender Gegenstand sorgten für eine leicht unheimliche Atmosphäre. Lenkas Vater Piotr stand immer vor dem Zelt, nahm das Geld der Kunden entgegen und hielt die Ohren offen. Wenn er ins Zelt ging, um neue Kunden „anzumelden“, gab er Lenka eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Informationen aus besagten Gesprächen, damit sie sie in ihre Weissagung einbauen konnte. Lenka war ein kleines Genie, wenn es darum ging, den Leuten genau das zu sagen, was sie hören wollten, was ihr einen steten Kundenstrom einbrachte.

Piotr und Lenka behaupten zwar sie kämen aus Polen doch in Wirklichkeit waren sie Amerikaner. Ihre richtigen Namen waren Peter und Laura Williams. Vielleicht fanden sie, dass ihre Künstlernamen und eine Herkunft aus Polen besser zu Wahrsagern und Geistersehern passten, vielleicht haben sie diese Identitäten aber auch nur angenommen, weil es in Schaustellerkreisen üblich ist, aus fremden Ländern zu kommen. Vielleicht haben sie aber die Namen auch gewählt, weil die Familie von Lenkas Mutter ursprünglich aus Polen stammte, obwohl sie bereits seit zwei Generationen in Amerika lebte.

Lenkas Mutter verstarb im Kindbett. Am Anfang fiel es Piotr nicht leicht, sich um seine Tochter zu kümmern und gleichzeitig zu arbeiten, deshalb beschränkte er sich in den ersten Jahren nach ihrer Geburt darauf, beim Auf- und Abbau zu helfen und andere Hilfsarbeiten zu erledigen. Die anderen Schausteller halfen ihm so gut sie konnten, kümmerten sich um die kleine Lenka oder sahen einfach großzügig darüber hinweg, wenn Piotr nicht arbeiten konnte, weil sie krank war. Sobald Lenka groß genug war, spannte er sie in die Arbeit mit ein. Sie verkaufte Süßigkeiten, sammelte den Müll auf oder saß einfach niedlich lächelnd auf dem Schoß ihres Vaters, wenn er Eintrittskarten verkaufte.

Mit sechs Jahren begegnete Lenka ihrem ersten Geist. Sie hatte die besondere Gabe einer außerordentlichen Empathie, ja schien manchmal eher von den Sorgen und Wünschen ihrer Mitmenschen zu wissen, als diese selbst. Vielleicht konnte sie deshalb Geister sehen, denn Geister sind Emotion pur; nur ihre Emotionen sind es, die sie in unserer Welt festhalten und sie daran hindern in die nächste Welt weiterzureisen. Lenka hatte zunächst Angst vor den verzweifelten oder wütenden Wesen, die ab und zu ihre Nacht bevölkerten, doch eine alte Frau, die eines Abends eine Karte von ihr kaufte, erklärte ihr, was die Wesen wollten und dass sie ihr nichts tun konnten. Lenka hätte die Frau gern mehr gefragt, doch sie verschwand gleich nach der Vorstellung und tauchte erst viele Monate später als Geist wieder auf, um sich von Lenka zu verabschieden und sie zu warnen. Sie warnte das Mädchen vor einem Schatten, der ihr einst den Vater stehlen würde, dann verschwand sie mit einem letzten Winken ins „Danach“.

Der Geist, der ihren Vater fraß

Vor genau einem Jahr gastierten die Schausteller auf einem verfluchten Ort irgendwo im Schwarzwald. Ein Geist, der Menschen fraß, lebte dort, und er fraß auch Lenkas Vater. Sie saß über das Wasserbecken gebeugt, in dem sie die Zukunft einer Kundin lesen wollte und sah im spiegelnden Wasser das Bild eines Schattens, der in ihren Vater fuhr. Der Schock war groß. Lenka spürte, wie ihr Herz für kurze Zeit aussetzte. Als ihr das Blut in die Füße sackte, fühlte sich ihre Kopfhaut an, als würde sie von der warmen Welle überspült. Der unerklärlich heftige Schreck kam wie ein kurzer Tod über sie und riss ihren Geist aus ihrem Körper. Sie selbst wurde kurz zu einem Schatten und fuhr in den Körper ihres Vaters, um ihn vor dem fremden Wesen zu retten. Doch sie kam zu spät. In den wenigen Sekunden, die nötig waren, um aus ihrem Körper heraus- und in den von Piotr hineinzufahren, hatte der Geist alles vernichtet, was ihren Vater ausgemacht hatte. Nur der Körper war zurückgeblieben, in dem Lenka nun wie in einem leeren Lagerhaus nach ihrem Vater rief.

Lenka und Piotr auf Reisen

Lenka war zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt und machte vielleicht das einzig Mögliche für ein Kind in ihrem Alter: Sie tat so, als wäre ihr Vater noch da. Ihr Geist war nicht nur kurz von ihrem Körper gelöst worden, sondern dauerhaft, sie konnte allerdings in leere Körper hineinfahren und diese benutzen (je nachdem, was der Spielleiter wünscht, kann sie vielleicht auch, ohne dass es ihr bisher bewusst wäre, „besetzte“ Körper übernehmen). So wechselt sie also seit diesem Tag zwischen ihrem Körper und dem ihres Vaters hin und her und versucht verzweifelt den Eindruck eines normalen Lebens von Vater und Tochter zu erwecken

Häufig sehen die anderen Schausteller seitdem, wie Piotr seine schlafende Tochter auf dem Arm trägt, wenn sie nicht im Zelt sitzt und Kunden berät. Lenka hat ihre Art die Zukunft vorauszusagen geändert und begibt sich seit diesem Tag häufig in eine Trance, um mit den Geistern sprechen zu können. Manchmal fällt sie sogar mitten im Satz in diese Trance und kehrt erst Minuten später wieder daraus zurück. Ihr Vater sitzt indes häufig vor dem Zelt auf seinem Stuhl und hält schlafend das Schild, das Besucher auf die Attraktion des Geisterseherkindes aufmerksam macht.

Die beiden sind eigenartig geworden, heißt es unter den Schaustellern. Es ist als wären sie nicht mehr sie selbst. Eine unheimliche Aura scheint Vater und Tochter zu umgeben und immer wieder geschehen seltsame Dinge. Die Schausteller haben von dem Abend kaum etwas mitbekommen. Piotr war „krank“ geworden und hatte tagelang im Bett gelegen und sich von Lenka bemuttern lassen. Doch irgendwann war er wieder gesund und konnte wie gewöhnlich seiner Arbeit nachgehen. Die beiden waren seit diesem Tag verändert und so mancher munkelt, dass Piotr an seiner Krankheit fast gestorben und von seiner Tochter mit einem Trick gerettet worden wäre. Der Tod lauert bis heute auf ihn, um ihn doch noch in seine Klauen zu bekommen, so erzählen die Schausteller, wenn man sie fragt, und blicken sich dabei ängstlich um, ob sie jemand gehört hat.

Die seltsamen Ereignisse, die sich seit diesem Tag immer wieder in ihrer Umgebung ereignen, scheinen aus Lenkas Sicht nichts mit dem Schatten zu tun zu haben. Vielleicht hat sie damit recht, vielleicht ist es aber auch der Schatten, der ihren Vater fraß, der mit den Schaustellern mitreist und seinen eigenen undurchsichtigen Zielen nachgeht. Vielleicht hat der Vorfall aber auch Geisterjäger oder – noch schlimmer – andere Geister angelockt.

Abenteuerideen

  • Der Schatten ist noch da. Seit einem Jahr verfolgt er Lenka, die wesentlich größere Macht über Geister hat, als sie sich je vorstellen könnte. Der Schatten weiß, dass dem Mädchen weder seine Anwesenheit noch ihre Macht bekannt sind. Einen direkten Angriff vermeidet er aus Angst, sie könne unbewusst ihre Kräfte einsetzen und ihn vernichten. Also beobachtet er das Mädchen auf der Suche nach einer Schwachstelle. Doch der Schatten muss sich auch weiterhin ernähren, weshalb es im letzten Jahr immer wieder zu Todesfällen in den Orten kam, in denen der Wanderzirkus gastierte.
  • Piotrs Geist ist nicht ganz gefressen worden. Er konnte verletzt flüchten. Wird allerdings ein Teil eines Geistes gefressen, selbst wenn dieser danach noch in der Lage ist zu handeln, sind die übrig gebliebenen Teile verändert. Man stelle sich einen Menschen vor, dem man Teile seiner Erinnerungen und persönlichen Eigenschaften wie Güte oder Moral stielt. Was übrig bleibt ist verrückt und gefährlich. Der Geist von Piotr hat nur noch eine grobe Ahnung, wer oder was er ist. Er verfolgt die einzige Person, die ihm irgendwie bekannt vorkommt: seine Tochter. Piotrs Anwesenheit ist wie ein Spuk, auf den die Charaktere bei einem Besuch aufmerksam werden könnten. Und ist der Geist vielleicht gefährlich in seinem Wahn, hat er vielleicht Fähigkeiten, die auch Menschen in Gefahr bringen können? Und was tut ein Geist ohne Moral und Güte?
  • Die Charaktere besuchen Lenka und ihren Vater, auf der Suche nach einer Antwort. Geschichten über das Geister-sehende Mädchen gibt es zuhauf; Gerüchte über ihre besonderen Fähigkeiten und ihre seltsame Art eilen ihr voraus. Welche Antworten wird das Mädchen wohl für die Charaktere finden, und wohin werden sie diese führen? Und inwieweit beeinflusst der Schatten die Antworten des Mädchen, der sie immer noch beobachtet und nur darauf wartet, dass sie reif ist, um auch verspeist zu werden?

Veröffentlicht am 1. Januar 2008, in Spielhilfen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Die Idee ist so gut, die könnte von uns sein. :)

  2. Ich sehe gerade, dass ihr es verlinkt habt. Und dass obwohl es nicht direkt was mit Cthulhu zu tun hat. Freut mich sehr, dass es euch gefällt.

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