Codex Urbanis

Codex Urbanis[Quellenbuch für Engel, Feder und Schwert, 2007, Sprache:Deutsch, Hardcover, 168 Seiten, € 30,95]

Die Diadochenstädte sind ein steter Dorn im Auge der Angelitischen Kirche und damit ein wichtiger Teil jeder Engelkampagne. Hier wohnen die scheinbaren Gegner der Spielerschar der Engel, die politische Gegenbewegung gegen die Angeliten. „Codex Urbanis“ bringt etwas Licht ins Dunkel der engen Straßen der Städte.

Korrodierte Zahnräder zieren das silberne Cover des Hardcoverbuches, ein Symbol wie es passender kaum sein könnte. Nur ein leichter Hauch von Gold mischt sich in das Silber, die Angelitische Kirche ist also auch hier nicht völlig verdrängt. Das bekannte großzügige und elegante Layout beherrscht die Innengestaltung und die wenigen Bilder fügen sich ins Gesamtbild: In den Beschreibungen der Städte sind es schmutzige Zeichnungen, die selten Menschen zeigen – und wenn doch sind die Gesichter entweder verschwommen oder verdeckt. Für die Bilder von wichtigen Personen wurde eine naturgetreuere Darstellungsweise gewählt und die drei Monsterbilder sind in dem gleichen Stil wie die aus dem Buch „Traumsaat“. Insgesamt ist das Buch ein echter Augenschmaus.

Im einleitenden Kapitel erfährt der interessierte Leser etwas über das Aussehen der Städte, über die Versorgung, einige spezifische Berufe, Zünfte, Transportwesen und andere für das Verständnis wichtige Dinge. Zur Darstellung einer Stadt sind diese Informationen sicherlich unerlässlich. Sie lesen sich zwar nicht so spannend wie der Rest des Buches, doch das liegt wahrscheinlich einfach der Natur der Informationen – Allgemeinplätze sind selten spannend.

Wesentlich spannender wird es in Kapitel zwei. Die Urbanis-Liga, die neue Hanse und der Nordbund sind Thema des Kapitels, es dreht sich also alles um Politik. Besonders die Urbanis-Liga hat es mir angetan, denn sie ist eine für den modernen Menschen herrlich nachvollziehbare Organisation, die Freiheit für alle verspricht und Macht und Reichtum im Kopf hat. Die wichtigsten Städte der Liga werden kurz angerissen und natürlich erfährt der Leser etwas über die Geschichte, die Pläne und die inneren Konflikte der Liga. Sogar das zentrale schriftliche Werk der Liga wird zusammengefasst. Der neuen Hanse geht es nicht um Freiheit sondern um Geld und sie macht auch keinen Hehl daraus. Das Wirtschaftswesen wäre ohne die Hanse nicht, was es ist und falls dieser Wirtschaftsbund aufgelöst werden sollte, würde wahrscheinlich einiges zusammenbrechen, was der Liga natürlich große Macht verleiht. Um Macht, diesmal aber um das eigene Überleben zu gewährleisten, geht es auch dem Nordbund. Der im Norden Skandinaviens lebende Bund verteidigt sich mühsam gegen die Ramieliten. Die Gegend ist mit ihren Intrigen, der Spionage und den kleinen Gefechten ein ausgezeichneter Ort für spannende Geschichten.

In Kapitel drei werden vier Diadochenstädte beispielhaft beschrieben. Essen ist ein Koloss von einer Stadt, ein Moloch aus Stahl und Beton, der zu viele Menschen birgt. Die Industrie gedeiht gut und sogar kleine Standorte für Angeliten werden nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert. Wer würde die heilenden Künste der Raphaeliten schon gern aus einer Stadt vertreiben? Auch wenn das Leben in den ärmeren Vierteln Essens kein Zuckerschlecken ist, wirkt es wie ein Paradies im Vergleich zum Leben der unterdrückten Bevölkerung von Met-Nancy. Hier herrschen die Maschinenkorps, schwarz gekleidete Militärtruppen, die jede Form von Aufständen mit brutaler Gewalt unterbinden. Verbrecher und Aufständische werden in die so genannte Grube geworfen, eine stillgelegte Mine, in die nur Leute hinunter- aber nie nach oben gebracht werden. Der Schrecken in Moskau ist hingegen subtiler. Viele Teile der Stadt sind verlassen und Besucher erreichen die eigentliche Stadt erst lange, nachdem sie die ersten Gebäude passiert haben. Unheimlich ist es in Moskau besonders für Fremde und sie sollten aufpassen, wenn sie durch die verlassenen Viertel kommen, denn hier gehen Räuberbanden und Schatzsucher auf Beutezug. Die hauptsächlich unterirdisch gelegene Stadt Wien – die letzte der Beispielstädte – ist mit schleimigen Pflanzen überwuchert, was aber dem geistigen Wachstum der Bewohner nicht im Wege steht. Kunst ist wichtig für die Wiener, genau wie die freien Gedanken.

Wem die Gefahren von Met-Nancy und die Geheimnisse Moskaus noch nicht gereicht haben, stößt in Kapitel vier auf Monster. Die Traumsaat mordet auch in den Städten. Nicht nur die drei Illustrationen des vergleichsweise kurzen Kapitels sind stilistisch dem Band „Traumsaat“ angepasst. Der Text ist wie im Monsterbuch als Bericht geschrieben, diesmal als Bericht von einer Tagung. Leser meiner Rezensionen werden wissen, dass ich solchen „In-Game“-Berichten eher negativ gegenüberstehe. Nur in seltenen Fällen tragen sie besser zur Stimmung bei als gut geschriebene Tatsachen, sie sind immer unübersichtlicher und schrauben die Wortanzahl nach oben, ohne mehr beizutragen. Der hier vorliegende Text ist nicht weiter unterteilt. Die Namen der beschriebenen Monster sind zwar immerhin kursiv, so dass man sie im Fließtext wiederfindet, aber wer sagt denn, dass ein solcher Bericht keine Überschriften haben darf? Das Kapitel ist aber trotz meiner Abneigung recht gut. Der Text bringt es dann doch trotz „In-Game“-Form erfreulich knapp auf den Punkt und er passt einfach zum Stil von Engel.

Wesentlich übersichtlicher sind die Charaktere in Kapitel fünf. Hier werden wichtige und unwichtige Leute beschrieben, die allein durch ihre Anwesenheit das Bild, das der Spielleiter von den Diadochenstädten bekommen soll, erheblich erweitern. Benren von Moskau tritt als Nachfolger seines Vaters die Herrschaft über die große Stadt an, obwohl er sich noch nicht reif dafür fühlt. Isabella von Cordova stellt sich als wahres Biest heraus und Jera von Wien betrauert mit ansehen zu müssen, wie ihr Vater mehr und mehr abbaut. Die Theatertruppe Possenposse und einige andere Charaktere erhalten ebenso detaillierte Einträge wie die „Macher“ unter den Diadochen. In diesem Stil hätte mir das Traumsaatkapitel besser gefallen, auch wenn das zugegebenermaßen stilistisch nicht zum ursprünglichen Quellenband gepasst hätte.

Abschluss bilden die Anhänge, die zum einen Prestigeklassen und zum anderen Monsterwerte enthalten.

„Codex Urbanis“ führt die Geschichten um die Welt der Angelitischen Kirche in gewohnter Qualität weiter. Hier wird viel erzählt. Der Metaplot wird ein weiteres Quäntchen weiter nach vorn getrieben. Es werden stimmungsvolle Eindrücke und politische Hintergründe erläutert. Das Buch liest sich bis auf wenige Ausnahmen immer spannend und vermittelt ein ausgezeichnetes Bild. Aber auch dieser Band ist wieder stark auf der Geschichten- und weniger auf der Spielmaterial-Seite der Rollenspielproduktionen. Ob man das als Nachteil ansieht oder nicht, muss man wohl selbst entscheiden. An Lesespaß und Stimmungsvermittlung ist „Codex Urbanis“ jedenfalls nur schwer zu überbieten.

Fazit: „Codex Urbanis“ ist ein optisch und textlich ausgezeichnetes Buch, das gut unterhält und die Stimmung in den Diadochenstädten gut vermittelt. Es werden für ein Engelbuch verhältnismäßig viele „harte Fakten“ geliefert, doch auch hier ist die Geschichte wichtiger als das Spiel. Engelspieler werden aber so oder so nicht darum herum kommen und werden einen Kauf auch sicher nicht bereuen.

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Veröffentlicht am 13. November 2007, in Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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