„Retro-Klon“-Rollenspielsysteme

[Update: Es gibt einige Spiele, die keine direkten Emulationen von alten Spielen sind, aber nah genug dran sind, um Aufmerksamkeit zu verdienen.]

Mit der Veröffentlichung von DnD 3E fing es an. Einige Leute wurden durch den Wirbel, den die neue „Opengaming-Lizenz“ machte, wieder auf DnD und damit ihre Rollenspielanfänge aufmerksam. In Amerika dürfte fast jeder Rollenspieler mit der roten oder sogar der weißen DnD-Box angefangen haben und selbst in Deutschland waren ursprünglich nicht alle DSA-Spieler. Man erinnerte sich an die „guten alten Zeiten“, in denen man noch in Dungeons herumhopste, Monster schlachtete und damit auch noch Spaß hatte, die Zeit bevor alles so kompliziert wurde und man am Spieltisch tiefgründige Geschichten mit künstlerischen Anspruch produzieren musste.Plötzlich spielten alte Rollenspieler wieder in Dungeons und sehnten sich nach dem alten Gefühl und den alten Regeln zurück, die ohne Fertigkeiten und „Feats“ auskamen. Die Industrie reagierte wenig, aber sie reagierte. Die „Dungeon Crawl Classics“ wurden geboren, eine Reihe von Abenteuern, die tiefe Verliese und gefährliche Monster lieferten, ohne die Spielleiter mit langen Hintergrundgeschichten zu langweilen. Die Reihe ist inzwischen bei Nummer 51 und ungehemmt erfolgreich.

„OSRIC“ war der erste „Retro-Klon“. Ein Designer mit Zugang zu Rechtskenntnissen nahm die freie Lizenz von Wizards of the Coast und seine alten Regelbücher und schrieb ein Rollenspiel, das kompatibel zu den alten „Advanced“-Systemen war. Die alten Regeln konnten kopiert werden, weil sich Algorithmen, Zahlen und Spielregeln nicht schützen lassen (zumindest nach amerikanischen Recht nicht; vielleicht kann mich jemand aufklären, wie das in Deutschland aussieht). Alles was zur Identität des Produktes gehört, also zum Beispiel die speziellen Namen für die verschiedene Stufen, wurde weggelassen und natürlich nahmklonen die Autoren auch ein paar Anpassungen an den Regeln vor (aber nur minimale). Das Ergebnis ist kompatibel zu den alten Produkten.

„OSRIC“, was übrigens für „Old School Reference & Index Compilation“ steht, wurde unter einer speziellen Lizenz veröffentlicht, die es Verlagen ermöglicht, Abenteuer und Quellenbücher dafür zu produzieren. Es ist für jeden – auch für den Fan, der damit spielen will – als PDF-Datei frei zugänglich. Dementsprechend enthält der Text von OSRIC keine Monster und keine Weltbeschreibungen. Einige Verlage sind auch schon auf den Zug aufgesprungen und immer wieder entdeckt man heute Abenteuer mit „Old-School“-Flair oder auch Weltbeschreibungen, die sich auf die OSRIC-Regeln beziehen.

Der Verlag Goblinoid Games übernahm die Idee und produzierte mithilfe der freien Runequest-Lizenz einen weiteren Klon unter dem Titel GORE (Generic Old-School Role-Playing Engine), der mit den alten Prozentsystemen kompatibel ist. Auch diese Regeln sind frei verfügbar. Berin Kinsman von Unclebear.com hat dafür eine Regelergänzung für geistige Gesundheit entwickelt. Wahnsinn und Trauma (und damit der Bezug zum bekanntesten aller Prozentregelwerke) fehlten in den GORE-Regeln, da dafür keine Entsprechung im SRD vorlag.

Zusätzlich hat Goblinoid Games einen dritten Klon herausgebracht, der mit den alten Systemen erster Generation (als das Spiel noch nicht „Advanced“ war) kompatibel ist. Das Spiel trägt den Titel „Labyrinth Lord“.

Berin Kinsman ist noch an anderer Stelle fleißig. Er schreibt an einem Regelwerk mit dem Titel „Double Zero“, das ein klassisches Agentenrollenspiel emulieren soll. Die derzeitige Version v2.3 ist zunächst auch die letzte.

Phil Reed hat außerdem ein Regelwerk nach einem klassischen Superheldenrollenspiel mit dem Titel „4C System“ entwickelt. Die PDF-Datei ist über Lulu.com erhältlich, wo man das Heft auch auf Papier kaufen kann.

Unklar bleibt, wie sich Lizenzen dieser Art auf dem deutschen Markt nutzen lassen. So oder so hat jeder damit freie Regeln zur Verfügung, die man für seine eigenen Spiele nutzen kann. Ob man hierzulande damit auch etwas veröffentlichen darf, kann ich nicht sagen. Vielleicht kann uns ja jemand darüber aufklären, der davon mehr versteht.

Links:

Veröffentlicht am 23. Oktober 2007, in freie Rollensp.. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Moritz (Glgnfz)

    wow! ich wuste gar nicht, dass die noch kleine old school welle schon in deutschland zu vernehmen ist. hier hat dieser beitrag sogar schon einen eigenen thread: http://www.knights-n-knaves.com/phpbb/viewtopic.php?t=3622

    p.s.: schön zusammengefasster artikel!

  2. Alles, was umsonst ist, ist gut :-)

    Ich finde die Welle großartig. Ein bisschen Wehmut und Verklärung der alten Zeiten (was hatten wir für einen Spaß mit den ganz alten Dragonlance-Abenteuern) und die Möglichkeit eigene Abenteuer für ein fertiges Regelwerk zu veröffentlichen: Wenn das nicht das Rollenspielerherz höher schlagen lässt. Wenn mann jetzt noch „Encounter Critical“ und „Mazes und Minotaurs“ dazu nimmt (für letzteres gibt es übrigens seit kurzem das vierte Buch) hat man eine beachtliche Welle von guten Spielen, finde ich.

    Moritz, hast du eine Ahnung, wie das rechtlich in Deutschland aussieht? Gerade was „GORE“ angeht, wäre ich wirklich interessiert zu hören, ob man die Regeln auch in Deutschland nutzen und vielleicht sogar übersetzen kann (letzteres glaube ich nicht, jedenfalls nicht ohne Lizenz).

    Als kleine Anmerkung am Rande: Bei „OSRIC“ vermisse ich wenigstens ein paar Werte für Waffen, erst damit würde das Regelsystem wirklich vollständig. Aber vielleicht kann man die ja aus „Labyrinth Lord“ übernehmen. Ich hoffe, dass das Spiel bald erscheint.

    Andreas

  3. ich habe leider das falsche studiert und kenne keinen einzigen juristen, der sich mit solch rechtlichen dingen auskennen würde.

    so weit ich mitbekommen habe, werden waffenwerte bei der neuen osric-verson, die es dann auch bei lulu.com als hardcovervariante geben soll, dabei sein.

    wie man bei dragonsfoot.org lesen konnte, wird wohl bis auf die hardcoverversion von labyrinth lord, noch alles in diesem monat (juli) herauskommen – hing wohl am cover, welches später kam als geplant.

    für mich war es wie weihnachte und geburtstag zusammen, als nach und nach die drei osric (also ad&d 1e)-abenteuer von expeditious retreat press ins haus geflattert kamen. „neue“ oldschool-rollenspiel-module. fantastisch! (tipp: alle drei sind klasse, aber das erste „pod caverns of the sinister shroom“ ist ein absoluter kracher.) joe browning hat seine reihe ja sogar ins sortiment großer rollenspielketten eingeschmuggelt. in deutschland arbeitet er mit „welt der spiele“ zusammen.

    als eher-d&d-als-ad&d-spieler freue ich mich natürlich jetzt schon auf neue print-veröffentlichungen für labyrinth lord.

  4. ich habe mir eben nochmal osric ( durchgelesen um zu checken, ob man tatsächlich damit spielen könnte, oder ob es NUR ein vehikel ist, um 1e-material publizieren zu können, ohne von wotc verklagt zu werden.

    tatsächlich gibt es waffentabellen und zwar auf seite 28 und hinten im anhang. wenn man die abläufe kennt, dann kann man sogar mit osric spielen, aber ich halte es für unmöglich damit das rollenspielen zu erlernen – aber das ist ja auch nicht sinn der sache.

  5. Die habe ich offensichtlich übersehen. Ich hätte schwören können, dass ich alle Seiten durchgesehen habe. Danke für den Hinweis.

  6. Zumindest nach österreichischem Patentrecht (ich schätze, in Deutschland ist es nicht anders) lassen sich Spielregeln tatsächlich nicht patentieren. Die Spielehersteller gehen meisten den Umweg über Markennamen, die sich z.T. schützen lassen. Weltmeister ist da sicher Games Workshop. Als ich zum letzten Mal geschaut habe, hatten die sogar das Wort „Ork“ (mit K hinten) geschützt. Würde vor Gericht wohl kaum halten, aber man kann’s ja mal versuchen.

  7. Danke für die Auskunft, Markus. Ich würde auch vermuten, dass so das in Deutschland dann genauso ist.

  8. Danke, danke, danke fuer diesen Artikel.
    Ich konnte aus Gewichts- und Platzgruenden meine schoene alte DSA-Sammlung nicht in unsere neue Heimat Texas mitnehmen… und nun entdecke ich diesen wunderbaren DSA1-Klon. Danke!

    Uebrigens:
    Meine Frau arbeitet als „Intellectual Property and Trademark Paralegal“ hier in Dallas, und sie hat mir gerade folgenden Satz aus dem deutschen Patentgesetz in die Tastatur diktiert:

    Patentgesetz PatG Paragraph 1 (3) Nr. 3
    „Als Erfindungen werden nicht angesehen Plaene, Regeln und Verfahren fuer gedankliche Taetigkeiten, fuer Spiele oder fuer geschaeftliche Taetigkeiten…“

    Liebe Gruesse
    Norbert

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