Ein Tag auf der Spiel 2007

Die Spielemesse in Essen ist jedes Jahr ein Highlight auf meinem Kalender. Über ein paar Rollenspielneuigkeiten, wen ich traf und wen nicht und ein paar von den netten Sachen, die man so kaufen konnte, möchte ich hier berichten.

Da ich dieses Jahr auf dem Unknown-Armies-Stand helfen wollte, habe ich mir einen ganzen Tag Zeit genommen. Um 6.51 Uhr ging es mit dem Zug Richtung Essen. Die ersten zwei Stunden habe ich geschlafen und den Rest der Zeit mit einem uralten Terra-Fantasy-Buch verbracht: „Der Degen der Gerechtigkeit“ von Robert E. Howard. Die Lektüre ist sozusagen Recherche für das in Kürze erscheinende The Savage World of Solomon Kane, das ich vorhabe zu spielen, sonst hätte ich mich wohl nicht durch die sehr simpel gestrickten Storys gewühlt. Wortgewaltig ist er ja, der gute Howard, aber da hört es dann meist leider auch auf (zumindest im „Degen der Gerechtigkeit“).

10.15 Uhr stand ich vor der Messe in der langen Schlage am Eingang. Mein Weg zum Unknown-Armies-Stand führte bei Pegasus vorbei, der einige Neuheiten versprach. Das Hexer-von-Salem-Spielbuch Der Blutstern war leider noch nicht erhältlich, genausowenig wie das Spielbuch Trollblut. Auch The Unspeakable Vault of Doom #2 und die Worlds of Cthulhu #5 hatten es noch nicht von Amerika nach Deutschland geschafft.

Doch ein paar Cthulhu-Neuheiten lagen am Stand aus. Niemandsland, ein Quellenbuch über den Ersten Weltkrieg sah nicht nur spektakulär aus, sondern verspricht auch interessant zu werden. Der Spielleiter-Sichtschirm wirkte auf den ersten Blick etwas wabbelig, doch ein Vergleich mit den alten Sichtschutz zeigte, dass der Eindruck falsch war. Die bunten Charakterbögen, die dabeiliegen, und das Heft mit dem Abenteuer und den ergänzenden Tabellen machen einiges her. Detaillierte Rezensionen für Niemandsland und den Sichtschutz werden wahrscheinlich bald folgen („bald“ ist allerdings relativ, denn erst müssen die Bücher zu mir, dann die Rezensionen in den Envoyer und erst dann landen sie hier). Dementophobia, das Quellenbuch über Wahnsinn, und die Cthuloide Welten #13 sind zwar schon seit kurzer Zeit erhältlich, können aber wohl dennoch als Neuheiten angesehen. Das Inhaltsverzeichnis der CW verspricht viel, sie könnte eine der besten Ausgaben seit langem sein.

So kam ich dann auch erst eine Stunde später bei den Jungs von Unknown Armies an, quetschte mich dort hinter die völlig vollgeräumten Sichtschutzwand und zog das Supporter-T-Shirt an („Macher“). Die Mephisto, Degenesis und Opus Anima, Mitarbeiter für letzteres erkennbar an Zylindern und altmodischen Klamotten, waren am gleichen Stand. Eine sympatische junge Frau in altmodischem schwarzen Kleid (ohne Zylinder) hielt ein kleines Schwätzchen mit uns und gab mir bereitwillig Auskunft über die Aussichten Opus Anima im Druck zu sehen. So viel sei verraten: Nächstes Jahr, wann genau wird man sehen. Ich lernte hier auch Dirk Frerichmann kennen, der für den Look von Schnellschüsse verantwortlich ist und uns alle mit viel Lachen und so manchem Scherz bei Laune hielt. Line Editor Jasper und Verlagsleiter Tim waren natürlich auch da und machten die ganze Arbeit. Ich traf noch einige Leute, die irgendwie mit UA in Verbindung stehen, doch ehrlich gesagt, habe ich vergessen, wer was macht (Ihr wart alle sympatisch und ich hoffe, ihr verzeiht mir meine Ignoranz). Wir haben uns jedenfalls gut unterhalten und ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum ich überhaupt am Stand stehe. Gearbeitet habe ich jedenfalls kaum.

Naja, ein klein wenig schon, ich habe nämlich zweimal versucht zu erklären, worum es bei UA geht (kein leichtes Unterfangen, wie alle wissen werden, die das Spiel kennen), was immerhin einmal zu einem Verkauf führte. Außerdem habe ich mit vollen Händen die Supportmaterialien verteilt, die Sighpress für die Messe angefertigt hatte. Am wichtigsten war wohl das Unknown Armies Intro Kit. Es enthält die bereits im Envoyer veröffentlichten Kurzregeln (erheblich überarbeitet) und das Abenteuer „Carcosa NJ“, das für mich eines der besten frei verfügbaren Abenteuer für UA ist. Der im Abenteuer vorkommende Magie-Typus wird auch erklärt und Spielleitertipps runden das Heft ab. Leider war der Druck, der aus Zeitgründen im Copyshop gemacht werden musste, nicht so gut gelungen. Die schwarzen Flächen waren grau und die Seitenzahlen und Zierleisten waren innen im DIN-A-5-Heft. Die Inkompetenz hat eine neue Stimme, die man am Telefon des Copyshops bewundern kann. Es soll aber neue Kurzregeln in Digitaldruck geben und natürlich in elektronischer Form als Download auf der Homepage. Hoffen wir das Beste, denn inhaltlich setzt das Heft neue Maßstäbe.

Wesentlich besser sahen die neuen Umschläge des Grundregelwerks aus, die an jeden mit einem Buch (neu oder alt) verteilt wurden. Da die Druckerei die Dinger nicht gefaltet hat, muss das jeder selbst machen, aber das Cover mit neuem Logo und der sehr ausführliche Index auf der Innenseite machen den Umschlag trotzdem zu einem lohnenden Besitz.

Neben den üblichen Button und Postkarten wurde außerdem das Abenteuer Leibwächter als Flugblatt verteilt, das Dominik und ich als Kurzschocker #1 entworfen haben.

Die Zeit am Stand war aber auch vor allem wegen der vielen Leute interessant, die ich getroffen habe. So habe ich Dominik das erste Mal in persona gesehen (Es war schön, dich mal getroffen zu haben, Dominik). Er ist in echt genauso nett und begeisterungsfähig wie am Telefon und wir haben ein paar Pläne ausgeheckt. André Wiesler hat mir ein wenig über das nächstes Jahr erscheinende Spiel Quest erzählt, um mich dafür anzuheuern (was ihm auch gelang). Ein besonderes Vergnügen war es David Grashoff kennenzulernen, einen außerordentlich sympatischen Gesellen, der, die Hand locker in die Hosentasche der modischen Bluejeans geschoben, ein wenig über seine Ziele und Wünsche in der rauen Autorenbranche und seine Erfahrungen mit Funky Colts plauderte. Nicht zuletzt deswegen bin ich besonders gespannt auf Ratten, das neuste Projekt des Projekts Kopfkino, das im November erscheinen soll (ein Preview gibt es im nächsten Envoyer). Aber ich habe auch noch ein paar andere nette Leute getroffen, wie den immer fröhlichen Tom Weghofer oder Manfred Escher, der mir ein wenig über das Design vom Cthulhu-Spielleiter-Sichtschutz erzählte. Auch Frank Heller ist immer für eine Anekdote gut. Sehr gefreut hat mich auch, dass ich insgesamt sechs Leute wiedergesehen habe, mit denen ich vor kurzem ein paar sehr nette Tage auf dem Auf-den-Inseln-Con verbringen durfte.

Doch auch sonst gab es viel zu sehen und viel zu kaufen. Obwohl ich Midgard eigentlich nicht sonderlich mag, war ich sehr auf Klingensucher gespannt, der ersten Band der Reihe Runenklingen, mit der es gelingen soll, ein paar Neulinge zum Rollenspiel zu bringen. Das Konzept ist großartig: In drei Büchern sollen neue Spieler an das Rollenspiel herangeführt werden, wobei die gleiche Entwicklung durchgemacht wird, die wir wahrscheinlich alle mitgemacht haben – vom Dungeon in die Wildnis und von dort in die Stadt.
Das optisch gelungene A-5-Hardcover bietet auf 175 Seiten ein langes Abenteuer, das in einem großen Dungeon endet. Auf wenigen Seiten werden den Spielern die wichtigsten Regeln erklärt. Vorgefertigte Charaktere können aus dem Buch kopiert werden. Der Spielleiter erfährt die benötigten Regeln mitten im Abenteuer in kleinen grau unterlegten Textkästen an genau der Stelle, an der er sie braucht. Die Regeln sind am Ende noch einmal zusammengefasst. Nach dem ersten Durchblättern im Zug auf der Rückfahrt hat es den Anschein, als würde das Prinzip besser funktionieren, als ich gedacht hätte.
Charakterbögen zu den vorgefertigten Charakteren mit allen wichtigen Angaben und Erklärungen soll es bald als Download geben, genauso wie die kurze Regelzusammenfassung. Die Charaktererschaffung soll, wenn ich den Einleitungstext richtig deute, in einem der nächsten beiden Teile der Reihe folgen. Für € 12.95 kann man da wirklich nicht meckern, ich warte jedenfalls gespannt auf die nächsten Teile.

Am Midgard-Stand gab es übrigens auch Midgard-Kurzregeln für Einsteiger zum Mitnehmen (Kurzregeln mit Abenteuer, nicht das Heft „Weg ins Abenteuer“ von der Homepage). Ich hoffe, auch diese schaffen es bald auf die Homepage (Nachtrag vom 09.11.: Die Kurzregeln gibt es hier zum Download). Mit Midgard gab es dann mindestens drei Kurzregelhefte, die umsonst auf der Messe verteilt wurden. Das dritte ist für Cthulhu und auch dieses letzte hat einen Standard, den man suchen muss. Ich persönlich halte Kurzregeln für eines der besten Marketing-Instrumente überhaupt und kann nur jedem Verlag ans Herz legen, die Extrakosten für eine Produktion in Kauf zu nehmen. Die Fans werden es danken.

Am Tradetalk-Stand habe ich mich nicht überreden lassen Mythic Russia zu kaufen, obwohl es mir stark in den Fingern gejuckt hat. Mythic Russia benutzt die Regeln von HeroQuest (dem Rollenspiel) und beschreibt das Russland von ca. 1350. Geschrieben von einem Historiker geht es stark auf die russischen Mythen ein und zeichnet laut der Beschreibung am Stand ein sehr stimmungsvolles Bild vom alten Russland. Abgeschreckt hat mich schlussendlich der Preis von € 40 für das Softcoverbuch. Interessenten an ungewöhnlicher Fantasy kann es aber sicherlich trotzdem ans Herz gelegt werden, schon allein wegen der großartigen HeroQuest-Regeln. Gekauft habe ich mir stattdessen The Book of Dark Wisdom #1 und #2, die einzigen Hefte der Reihe, die Spielmaterial für Cthulhu enthielten.

Bei dem Steam-Fantasy-Rollenspiel Elyrion vermisse ich etwas den „Steam“ (und Bindestriche). Ich war kurz vor der Messe auf dieses neue Produkt eines jungen deutschen Verlages aufmerksam geworden. Ich bin ein großer Fan von der Optik und dem Gefühl von Steampunk, habe aber in puncto Rollenspiel noch keinen Zugang zu dem Genre gefunden. „Steam-Technologie“ in einer Fantasywelt könnte genau das sein, was ich suche. Für € 35 einschließlich einer A-2-Farbkarte des Welt bekam ich auf der Messe das über 300 Seiten starke Grundbuch (die Aktion läuft übermorgen aus, ab da kostet das Buch € 37 und die Karte gibt es nicht mehr dazu).
Hinter dem grandiosen Cover verbergen sich die Beschreibung der nördlichen Hälfte der Welt und natürlich die Regeln. Die erste Enttäuschung war die Erklärung am Stand, dass der nördliche Teil des Kontinents wenig Technologie bieten würde. Auf Rückfragen, ob denn die Technologie ein Teil des Regelwerks wäre, bekam ich eine etwas ausweichende Antwort und auf der Rückfahrt im Zug fand ich weder beim Durchblättern noch im Inhaltsverzeichnis entsprechende Hinweise. Mal gucken, was sich beim Lesen so auftut.
In der Welt herrscht Krieg zwischen dem dunklen Technikgott und dem hellen Sonnengott, was das Cover ganz großartig in Szene setzt. Die Innengestaltung ist durch die starke Verbreitung von Bildern hinter dem Text, die das Lesen erschweren, weniger gelungen, aber dennoch nicht schlecht.
Auch textlich findet man schon beim Durchblättern ein oder zwei Kleinigkeiten, die zum Meckern anregen. „Spielleiterinnen Kapitel“ (sic!) ist ja politisch sehr korrekt, klingt aber – mit Verlaub – beknackt. Mit Bindestrichen haben die Autoren es auch nicht so, wie man nicht nur an eben diesem Kapitel sieht.
Nach kurzer Lektüre im Zug klingen die Texte aber ansonsten sehr gut und ich freue mich schon auf viele interessante Lesestunden, die mir Elyrion sicher bescheren wird. Und wenn der Süden an die Reihe kommt, bin ich wieder da und freue mich über mehr Steampunk.

Optisches Highlight der Messe war Arcane Codex 2. Die über 400 Vollfarbseiten kombiniert mit dem ausgezeichneten Cover bieten mehr für’s Auge als so ziemlich jede andere Produktion, der letzten Jahre (The Savage World of Solomon Kane und diverse DnD-Produkte vielleicht ausgenommen). Am Text hat sich laut Auskunft am Stand nicht viel zur ersten Edition geändert: Einige Zauber wurden besser in die Spielbalance eingefügt, Vampire sind jetzt spielbar und andere ähnliche Kleinigkeiten. Haben mich die Textwüsten der eigentlich auch schon ansehnlichen ersten Edition noch abgeschreckt, so regen die bunten Seiten Arcane Codex 2 zum Lesen an, was ich wohl auch reichlich tun werde.

Meine größte Anschaffung war War of the Throne, das Exalted-Brettspiel. € 40 auf der Messer (Originalpreis: ca. $ 70) war fair. Ich habe mir das Spiel gekauft, weil ich Prince of the City, das erste Vampire-Brettspiel für eines der besten Spiele der letzten Jahre halte. Auch das zweite Vampire-Spiel Dark Influence macht viel Spaß, da konnte ich am dritten White-Wolf-Brett-Spiel nicht vorbeigehen. Die Ausstattung ist großartig: Große Würfel, diverse Spielfiguren, Spielkarten, Spielbrett, Pappmarken und Glassteine als Counter. Die Aufbewahrung ist etwas schwierig, denn viel ist unter dem gefalteten Pappeinleger, der die Box in Fächer einteilt. Vom Spielplan und den Figuren her scheint War of the Throne eine Art komplexes Risiko zu sein, aber mehr kann ich noch nicht sagen. Ich werde es aber spielen – bald sogar.

Nicht gekauft habe ich die beiden ersten Bücher von Scion, obwohl ich sie mehr als einmal in der Hand hatte. Die Idee und die Aufmachung faszinieren mich sehr und die Kurzregeln halte ich für sehr gelungen, doch die Vernunft hat gesiegt – wenigstens dieses eine Mal. Den Beutel Glow-in-the-Dark-Zombies für das Spiel Zombies!!!, den ich am Ende des Tages noch kaufen wollte, habe ich nicht mehr bekommen. Dafür hat es aber noch für eine Battlemat gereicht.

Mit zwei schweren Tüten und einem nicht minder schweren Rucksack trat ich also um 20.30 Uhr die Heimreise an. Im Zug und auf dem Bahnhof bei ein paar scharfen Nudeln mit Ente blätterte ich durch die diversen Hefte und Bücher, um mir einen Eindruck zu verschaffen und um die neuen Bücher einfach ein wenig zu begrabbeln. Am Ende der Zugfahrt landete ich aber trotzdem wieder bei Solomon Kanes „Degen der Gerechtigkeit“ – leichte Lektüre am Ende eines anstrengenden Tages.

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Veröffentlicht am 22. Oktober 2007, in News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite. :)

    der grasi

  2. ich kann nur für Cthulhu sprechen, die Worlds of Cthulhu 5 war als Ansichtsexemplar am Stand und Francois Launet hat uns auch die Unspeakable Vault of Doom # 2 in die Hand gedrückt. Aber auch nur als Ansichtsexemplar.

    Bei Tim wollte ich mich noch mit Material eindecken, hab es aber mal wieder verpennt. Wenigstens war Jasper so nett und hat mir ein T-Shirt in die Hand gedrückt.

    Mythic Russia hab ich mir damals direkt beim Autor in der HC Ausgabe vorbestellt, schon alleine wegen meiner besseren Hälfte. Hab auch schon reingelesen und hat mir gut gefallen.

    Wie immer hab ich eigentlich nichts von der Messe gesehen, was ich im nächsten Jahr mal versuche nachzuholen. :)

  3. Stimmt, die Ansichtsexemplare habe ich nicht erwähnt. Ich hatte davon gehört, hab sie aber nicht gesehen. Hättest du was gesagt, hätte ich dir Kurzregeln, Umschlag, etc. auch vorbeibringen können :-)

    Ich habe auch wieder nicht so viel gesehen, wie ich vorhatte, aber genug, um zufrieden zu sein. War eine schöne Messe, aus meiner Sicht jedenfalls.

  4. Hey Andreas!

    Schön, dich wiedergetroffen zu haben.

    LG,
    Felix

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