Dan Simmons: Song of Kali

[Taschenbuch, 252 Seiten, Edition Phantasia, deutsch, ISBN-10: 3937897011]

Ich weiß nicht mehr, wie ich drauf gekommen bin, „Song of Kali“ zu bestellen. Vor Jahren hatte ich die Novellensammlung „Lovedeath“ von Dan Simmons auf Englisch gelesen und erinnere mich noch lebhaft an meine Begeisterung. Die Sprache und die Stimmung der Geschichten waren toll. Aus einem Grund, den ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, beschloss ich vor Kurzem, mal wieder ein Buch von Dan Simmons zu lesen. Bei all den guten Kritiken seiner Bücher, müsste sich doch die alte Begeisterung von damals wieder beleben lassen.

Ich wollte ein kurzes Buch, deshalb kamen die ganzen Science-Fiction-Klassiker von Simmons nicht in Frage. Ein paar Nachforschungen im Internet brachten mich aber bald auf „Song of Kali“. Die Kritiken überboten sich gegenseitig mit Lob, und die Dinge, die ich damals an „Lovedeath“ so toll fand – die Beschreibungen der fremden Kulturen in dichter Sprache – sollten auch hier wieder vertreten sein.

Es geht um den Autoren Robert Luczak, der mit seiner Frau und seinem Kind (ein Säugling) nach Kalkutta reist, um das Manuskript eines verschollenen Dichters in Empfang zu nehmen. Die Übergabe erweist sich als schwierig, denn der Literaturverein, der ihm das Manuskript geben soll, macht ein großes Geheimnis aus jedem einzelnen Treffen. Dazu kommt der Moloch Kalkutta, eine Stadt, die den Amerikaner Luczak mit ihrem Elend und dem Verbrechen vollkommen überfordert. Jede Person scheint ihn reinlegen zu wollen, überall gibt es Dreck und Krankheit, und so wird Kalkutta schnell zur eigentlichen Hauptperson des Buches. Die Stadt scheint Luczak gefangen nehmen zu wollen, ihn umgarnen zu wollen, wie eine Spinne, um ihn und seine Familie auszusaugen und vertrocknet und leblos zurückzulassen.

Meine Erwartungen an das Buch waren groß – zu groß, wie sich bald herausstellen sollte. Nachforschungen über ein Buch anzustellen, ist häufig keine gute Idee, wie sich mal wieder zeigte, gerade bei einem Buch wie „Song of Kali“. Liest man über das Buch ein paar Meinungen bei Amazon und ein paar Kritiken an anderen Stellen, weiß man bereits zu viel. Ganz nebenbei ist der Klappentext der oben genannten Ausgabe der schlechteste, den ich seit langem gesehen habe. Er sagt etwas über das Buch, das den Eindruck erweckt, die Pointe des Buches zu sein. Ich habe mich die ganze Zeit beim Lesen darüber geärgert, denn je weiter ich kam, desto mehr schien sich dieser Verdacht zu bestätigen. Am Ende stellte sich aber heraus, dass der Klappentext doch nicht die Pointe war, nein, er gab den Inhalt des Buches sogar etwas verfälscht wieder. Mein Lesevergnügen hat durch den Klappentext gelitten und das sollte niemals geschehen.

„Song of Kali“ ist ein sehr klassischer Horrorroman, der viele Fragen offen lässt und eher mit Stimmung als mit Action arbeitet. Auch die Pointe ist nicht die schreckliche Offenbarung, die der Klappentext suggeriert. Das Buch überlässt viel dem Leser. Was ist wahr und was hat sich Luczak nur eingebildet? Was hat er nachträglich seinen Erinnerungen hinzugefügt? Vieles davon bleibt ungeklärt.

Zuerst enttäuschte mich das Buch, denn meine Erwartungen waren anders als das, was ich geboten bekam. Doch später nahm es an Fahrt auf und zog mich in seinen Bann. Als ich es zuklappte, war ich fast so begeistert wie viele der Leute, die das Buch als Klassiker bezeichnen. Man merkt allerdings, dass es ein Erstlingswerk ist, nicht alles ist perfekt, und wäre es später geschrieben worden, hätte Simmons sicher noch dichter erzählen können. Das ändert aber nichts an dem Lesespaß. Liest man gern stimmungsvolle Horrorromane, die auf Blut weitestgehend verzichten, ist man bei „Song of Kali“ an der richtigen Adresse.

Veröffentlicht am 22. August 2007, in Literatur, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Wie Du hab ich Lovedeath vor Jahren gelesen, Song of Kali hab ich auch noch in Erinnerung, fand die Geschichte aber nie sonderlich prickelnd. Vielleicht sollte ich sie doch erneut lesen, der guten alten Zeiten wegen und weil mir der Lesestoff ausgeht. :D

  2. Kann ich gut verstehen. Der Roman arbeitet fast ausschließlich mit Stimmung, wenn man da mit was anderem rechnet, kommt einfach keine Begeisterung auf. Das Ende ist trotzdem großartig, wie ich finde. Obwohl ich was anderes erwartet hatte, ist das eigentlich genau die Art von Horrorliteratur, die ich immer mochte.

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