Geheimnisvolles Marokko

Geheimnisvolles Marokko

[Quellenbuch/Abenteuer von Willian Jones und Jacob Schmidt, Pegasus Press, 2007, deutsch, Softcover, 80 Seiten, € 12,95]

Auch wenn sich der hübsche Hardcoverband „Expeditionen“ die eine oder andere Kritik gefallen lassen musste, ist er bei den Fans insgesamt gut angekommen. Expeditionen sind ein Thema, das für Cthulhu einfach nicht wegzudenken ist, da freut es mit „Geheimnisvolles Marokko“ einen weiteren Beitrag zum Thema zu bekommen.

Ursprünglich erschien das Buch als so genannter „Monograph“, d. h. als vom Autor produziertes, ausgedrucktes und mit Hefter und Klebestreifen gebundenes Buch, das über die Homepage von Chaosium bestellt werden kann. Der Verlag hat außer der Herstellung und dem Vertrieb mit den Monographs sonst nichts zu tun – kein Lektorat, kein Layout. Das Buch von Secrets-of-New-York-Autor William Jones wurde übersetzt und mit einem weiteren Abenteuer aus deutscher Feder versehen. Das Ergebnis ist ein 80 Seiten langes Heft in der üblichen gelungenen Gestaltung mit alten Fotos und authentisch wirkenden Handouts. Manfred Eschers Cover passt ausgezeichnet zur Stimmung, die man mit Marokko verbindet, hat mich diesmal aber nicht so vom Hocker gehauen, wie seine letzten Werke. Hier kommt aber sicherlich ein persönlicher Geschmack ins Spiel, den nicht jeder teilen wird.

Ungefähr das erste Drittel des Buches wird von einem Quellenteil eingenommen. In diesem gibt Jones einen kurzen und interessanten Überblick über das Marokko der 20er Jahre. Knapp eine Doppelseite ist der Geschichte des Landes gewidmet. Die üblichen Punkte wie „Währung“, „Klima“ und „Regierung“ erhalten jeweils einen kurzen Eintrag und die wichtigen Städte Rabat und Casablanca sogar ein eigenes Kapitel. Viel Potenzial für Konflikte und Spannung abseits des cthuloiden Grauens verbirgt das Kapitel über das Rif- und Atlas-Gebirge und die Sahara. Die hier lebenden Stämme entziehen sich in den unwirtlichen Gegenden der Kontrolle und durch die Kolonialmächte und bringen Eindringlingen eventuell etwas mehr als nur Gleichgültigkeit entgegen. Ein kurzer Blick auf Konflikte und Kulte im Land schließt den ersten Teil des Buches ab.

Die wichtigsten Informationen sind mit diesen 25 Seiten abgehandelt. Natürlich könnte man noch mehr erfahren und natürlich wird der Spielleiter auf Informationslücken stoßen, wenn er das Buch am Spieltisch benutzt. Ich persönlich ziehe Lesespaß jedoch jederzeit einer lexikalischen Detailfülle vor. Der Band trifft also genau meinen Geschmack: das Wichtigste im Überblick mit genug Infos um die Ideenmaschine in Gang zu bringen und eine Vorstellung von Land und Leuten zu verschaffen, aber nicht so viel Material, dass ich nach fünf Seiten gelangweilt aufgebe. Nur eine Tabelle über die Demografie Marokkos, eine kleine Namensliste und eine Bibliografie habe ich vermisst.

Das erste der beiden Abenteuer, „Die Tafeln von Ur-Nansh“, bringt die Charaktere in Konkurrenz mit einem fanatischen Sammler. Sie werden viel in Marokko herumreisen und versuchen Teile der namensgebenden Tafeln vor diesem Mann zu bekommen. Bald wird die Jagd zu einem Kampf, der um Leben und Tod – und noch mehr – geht. Es ist kurz und sehr frei gehalten. Eine Handlung wird nicht vorgegeben, nur die einzelnen Anlaufstationen der Charaktere beschrieben, was sie dort finden und – soweit anwendbar – was dort geschieht. Somit ist es nur für Spielleiter geeignet, die mit dieser Art Freiheit umgehen können. Der Gegner ist sehr gelungen und die Reise durch Marokko sicher stimmungsvoll, Anfänger werden allerdings auf Schwierigkeiten stoßen.

„Zwischen den Zeiten“, der deutsche Beitrag von Jacob Schmidt, geht einen ganz anderen Weg. Zwar ist es wesentlich stärker strukturiert, stellt aber an Spieler und Spielleiter viel höhere Ansprüche. „Zwischen den Zeiten“ passt als Titel sehr gut. Wie fast alle Geschichten dieser Art weißt es die eine oder andere kleine Unlogik auf, doch das sollte die Geschichte voller Paranoia kaum beeinträchtigen. Misstrauen und Verwirrspiele gibt es zuhauf. Immer wieder geben Textkästen mit verschiedenen Optionen hilfreiche Anregungen, es gibt diverse mögliche Enden und der übliche Spieltestbericht ist Lesevergnügen und Ratschlag an den Spielleiter in einem. Insgesamt sollte man mit „Zwischen den Zeiten“ sehr viel Spaß haben können – jedenfalls, wenn der Spielleiter eine Gruppe zur Verfügung hat, die sich von Verwirrung nicht leicht frustrieren lässt. Eher handlungsorientierte Spieler könnten bald genervt das Handtuch werfen.

Ein paar Abenteuerideen und der obligatorische Anhang mit Charakterwerten und Handouts bilden den Abschluss des Buches.

Fazit: „Geheimnisvolles Marokko“ ist ein kurzer Quellenband über ein interessantes Land mit zwei längeren Abenteuern. Die wichtigsten Informationen über Land und Leute wurden gut aufbereitet und die Abenteuer bieten charaktergesteuert Old-School-Unterhaltung auf der einen und paranoide Verwirrspiele auf der anderen Seite. Das alles gibt es zu einem mehr als fairen Preis.

[Erschienen im Envoyer.]

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Veröffentlicht am 22. Juli 2007, in Cthulhu, Rezensionen. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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