[Kurzrezi] Greg Stolze – Sinner

Wenn nicht Greg Stolze auf dem Cover stehen würde, hätte ich den Roman “Sinner” sicher nie gekauft. Stolze ist aber ein herausragender Autor, sowohl von Rollenspielmaterial als auch Fiktion.

Sinner entstand kurz nachdem Stolze sein neuestes Rollenspiel auf den Markt brachte. “Better Angels” ist ein Spiel über Superhelden, die ihre Kräfte von einem Dämonen beziehen, der in ihnen wohnt und für ihre Kräfte böse Sachen machen müssen. Aber böse ist ja relativ und so wird jedes Spiel zu chaotischen Verhandlungen mit dem inneren Dämon und dem Versuch, Böses weniger böse zu machen.

Die Idee für “Sinner” entstand sicherlich, während er an dem Spiel schrieb, denn es ist ein Superheldenroman. Der namensgebende Superschurke stellt sich der Polizei, um für seine Verbrechen zu büßen. Er ist ein Klugscheißer der witzigen Art und der Leser fragt sich, warum er sich eigentlich ins Gefängnis sperren lassen will. Wir erfahren von seiner Vergangenheit, Zusammenstößen mit Superhelden, alten Verbrechen und was während und nach der Verhandlung geschieht. Am Ende entwickelt alles anders als gedacht. Stolze schreibt immer locker und unterhaltsam und hat mich mit jeder Zeile gefesselt.

Ich hätte nie vermutet, dass mich ein Superheldenroman jemals begeistern könnte, doch Stolze hat das geschafft. Das Buch gibt es für 5 $ bei DrivethruFiction (pdf, epub, kindle), etwas teurer bei Amazon oder gedruckt bei Lulu (auch als Hardcover). Klare Empfehlung für Leute, die kurzweilige Geek-Literatur mit großartigen Dialogen mögen.

[Rezi] Geschichten aus dem Finsterland

Geschichten aus dem Finsterland[Kurzgeschichten zum Rollenspiel, diverse Autoren, Eigenverlag, Sprache: Deutsch, Taschenbuch, 290 Seiten, 12,90 €]

Kurzgeschichtenbände zu Rollenspielen machen mich immer skeptisch. Meist liest man darin die Ergüsse von Hobbyautoren, denen es an Erfahrung und professionellem Lektorat fehlt. Mit dementsprechenden Erwartungen bin ich an den vorliegenden Band “Geschichten aus dem Finsterland” herangegangen, ich wurde jedoch positiv überrascht.

Das schlichte Cover des Taschenbuchs gefällt mir gut. Das Buch ist stabil, auf gutem Papier gedruckt und enthält sogar ein paar Bilder von guter Qualität (vergleichbar mit den Bildern in den Rollenspielbüchern). Die acht Geschichten sind von unterschiedlichen Autoren und decken unterschiedlichste Themen und Stimmungen ab. Sie sind erfreulich gut geschrieben, auch wenn es meist an dem gewissen”Sog” fehlt, der den Leser in die Geschichten zieht. Es macht Spaß, sie zu lesen, doch es ist wenig da, was einen gebannt im Buch hält. Ich gehe davon aus, dass die Geschichten von Hobbyautoren geschrieben wurden, insofern soll ihre Leistung auf keinen Fall geschmälert werden. Ganz im Gegenteil: Man darf beeindruckt sein.

Die Texte vermitteln ein schönes Bild des Finsterlandes und unterhalten auch noch gut. Sie erzählen von einem Homunkulus, einer Geisterbeschwörung, der Arbeit eines Leibwächters uvm. Der Blick, den der Leser so auf die Steamfantasywelt erhält, ist hervorragend geeignet, um auf das Spiel vorzubereiten. Der Adel steht ebenso im Rampenlicht, wie andere Gesellschaftstypen. Einzig an den Stil der Sprache musste ich mich zunächst gewöhnen. Ich hatte die gestelzten Phrasen typischer Steampunk-Literatur erwartet. Doch der Leser bekommt eher eine moderne Sprache geboten.

Als Text zum Rollenspiel kann ich den Band uneingeschränkt empfehlen. Ideen, ein Blick auf die Welt aus mehreren interessanten Blickwinkeln und die Vermittlung eines Gefühls für Finsterland machen das Buch zu einer schönen Ergänzung zum Spiel. Wer auf der Suche nach Steamfantasytexten ist, aber nichts mit dem Rollenspiel zu tun hat, hat wahrscheinlich weniger Spaß an den Geschichten, schon allein weil einfach bestimmte Hintergrundinformationen fehlen. Das überrascht aber wenig, da es nun einmal Geschichten zum Rollenspiel sind. Mir hat das Buch jedenfalls gut gefallen.

[Rezension] Daniel Nagel – Immer nur bei Nacht

Als ich gebeten wurde, eine Rezension des Hörbuchs “Immer nur bei Nacht”, geschrieben von Daniel Nagel und gelesen von Achim Zien, zu schreiben, habe ich trotz Zeitmangel gern zugesagt. Etwas über zwei Stunden Hörbuch von einer cthuloiden Novelle, das sollte doch machbar sein. Machbar war es auch, hat mich aber mehr als einen Anlauf gekostet.

In der Novelle macht sich der Detektiv Jefferson Pilgrimm auf die Suche nach einer Erklärung für den angeblichen Selbstmord von Jakob Bierce – eine Erklärung, die natürlich mitten in cthuloides Grauen führt. Spätestens wenn nicht weit in der Geschichte der Name Yith fällt, weiß der Lovecraft-Kenner, was ihn erwartet.

Die Hörbuchumsetzung ist für eine Hobbyproduktion recht gelungen. Achim Zien liest langsam und betont und stellt die verschiedenen Erzählebenen mit Verstellung der Stimme anschaulich dar. Die Darstellung des Detektivs ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Der Ich-Erzähler wird im Noir-Tonfall mit etwas tieferer, “rauchiger” Stimme des typischen Chandler-Detektivs dargestellt. Das gelingt Zien nur mäßig gut. Je weiter allerdings die Geschichte geht, umso weniger bemüht er sich mit der Schauspielerei und umso besser wird es. Insgesamt halte ich die Lesung für eine solide Leistung – vielleicht nicht bis ins letzte Detail überzeugend, aber gut.

Die Novelle selbst:

Stellenweise war ich beeindruckt. Daniel Nagel schafft es, Lovecrafts Sprachstil recht gut einzufangen und übertreibt es weder mit Metaphern noch mit Adjektiven – klassische Fehler bei Lovecraft-Imitationen.

Einzelne Szenen stechen hervor. Eine Szene versetzt den an die Großstadt gewöhnten Detektiv in ein am Waldrand gelegenen Haus. Er fürchtet die Geräusche und Schatten und sieht dunkle Gestalten um das Haus. Die Beschreibungen gehen organisch ineinander über und sind insgesamt sehr gelungen – wenn auch nicht unbedingt gruselig.

Der metaphysische Teil der Geschichte ist richtig toll. Die Idee der Yith wird auf zwei Ebenen gelungen weitergeführtn. Das sind zwei richtig gute, neue (jedenfalls mir) Ideen, die auch noch schön umgesetzt wurden.

Leider ist der Rest der Geschichte eine reine Lovecraft-Kopie – wenn es weitere Nuancen gibt, sind sie mir jedenfalls entgangen. Wie immer bei Kopien ist das Original einfach besser (wäre ja auch tragisch, wenn der Meister so einfach zu kopieren wäre). Die Stimmung der Nichtigkeit und des Kosmischen, die Lovecraft so hervorragend beschwört, fehlte mir, genau wie irgendein Punkt, der mich in die Geschichte zieht. Das führt dazu, dass ein Dreiviertel der Geschichte
für mich recht langweilig war, weswegen ich auch mehrere Anläufe zum Anhören gebraucht habe. Wie sie bei Leuten ankommt, die noch nie von Lovecraft gehört haben, kann ich schlecht beurteilen, aber diese dürften auch weniger die Käuferschicht sein. Außerdem sollten sie dann am besten einfach ein Lovecraft-Hörbuch hören.

Ein Fazit fällt mir schwer. Der Weg zum Ende des Hörbuchs war nicht immer leicht, doch hat mich die Auflösung dafür entschädigt. Als Schreibübung ist “Nacht” ganz hervorragend gelungen, als spannende Unterhaltung nicht ganz so. Der Preis ist mit 5 € so gering, dass man auf der Suche nach einem neuen Mythos-Kick ruhig einmal genauer hinschauen kann.

Rezension: Iain McEwan – Solar

Liebe RSP-Blogs.de-Crew, sorry, aber diese Rezi ist wieder einmal Geek-freier Bereich. Da es so selten vorkommt, hoffe ich, damit niemanden zu verärgern.

Auf der anderen Seite ist “Solar” vom britischen Autor Iain McEwan ein Roman, der auch Geeks ansprechen könnte, die ja relativ häufig im wissenschaftlichen Bereich arbeiten oder studieren. Micheal Beard, die Hauptperson der Romans, ist nämlich Wissenschaftler. Vor vielen Jahren hat er den Nobelpreis in Physik bekommen und noch heute profitiert er davon, obwohl er zu Beginn der Geschichte eigentlich nicht viel auf den Schirm kriegt. Er sitzt in einem extra um ihn herum gegründeten Institut fest und forscht an alternativen Energien, wobei er eigentlich schon weiß, dass die Forschungen scheitern werden.

Doch das ist nicht Beards einziges Problem. Seine Frau betrügt ihn und reibt es ihm auch noch unter die Nase. Sie hinterlässt kleine Zettel auf dem Küchentisch: “Komme heute nicht nach Hause”, und Beard weiß, dass sie sich mit einem unsympatischen Handwerker trifft. Sie rächt sich damit, hat sie doch herausgefunden, dass er sie in ihrer Ehe über zehnmal betrogen hat – praktisch alle sechs Monate. Wie könnte er das rechtfertigen? Es ist seine x-te Ehe und jede davon hat er selbst beendet – bis auf diese – und darunter leidet er auf lustige aber auch erbärmliche Weise. Und dann ist da noch dieser Nachwuchswissenschaflter, der Beard nachstellt und ihn mit seinen Ideen über Solarenergie nervt.

Micheal Beard ist ein furchtbarer Mensch, der sich nicht unter Kontrolle hat und sehenden Auges in jedes zwischenmenschliche Fettnäpfchen tritt, das ihm begegnet. Er ist ein Egoist, ein Egomane und sein Genie ist auch schon eine Weile vergangen. Er ist der Anti-Held des Buches und wahrscheinlich der Grund, aus dem es so mancher Leser nicht mögen wird. Beard macht einen manchmal wahnsinnig. Auf der anderen Seite schafft es McEwan, die Figur glaubhaft und hochinteressant zu gestalten. In abstrusen Situationen beobachten wir ca. 10 Jahre von Beards Lebens, seine Beziehungen und seine Wissenschaft, wie er dann doch noch Erfolg hat und vielleicht sogar die Welt verändern könnte – vorausgesetzt er versaut nicht alles.

Das Ende des Romans könnte so manchen überraschen. Ich war jedenfalls ziemlich platt, bis ich mir klar gemacht habe, dass McEwan nun mal ein Romancier ist. Er schreibt über Menschen. Es geht primär um Beards Persönlichkeit, und so ergibt das Ende absolut Sinn.

“Solar” ist ein komisches Buch und gleichzeitig eine Abrechnung mit Politik und Wissenschaftsbetrieben. Wenn John Irving Brite wäre, hätte er dieses Buch schreiben können, ich habe mich jedenfalls diverse Male an seinen Stil erinnert gefühlt. Der Roman macht nachdenklich und bringt zum lachen – und ist immer interessant. Ich habe das von Burghart Klaußner großartig gelesene Audible-Hörbuch gehört und jede Minute davon genossen.

Das Buch wird nicht jedem gefallen, dazu ist die Figur von Beard zu unsympatisch, ich aber fand es großartig. “Solar” bietet Unterhaltung auf ganz hohem Niveau, und dass ohne je zu langweilen.

Rezension: Greg Gifune – Children of Chaos

Im Zuge eines “Gesundschlankens” hat sich der Festa-Verlag auf seine Kernkompetenzen besonnen und bringt nun wieder hauptsächlich Horrorromane und Thriller auf den Markt. Drei neue Autoren hat Frank Festa gefunden und Verträge für den Verlag gesichert. Er spricht so begeistert von allen Dreien, dass ich der Neugierde nicht widerstehen konnte und nach und nach alle drei las (Herrn Festas Begeisterung als reines Marketinginstrument abzutun wäre, nach allem, was ich bisher über ihn gehört habe, eine Fehleinschätzung). Brett McBeans “Mutter” habe ich ja bereits besprochen und ich freue mich sehr, dass nächstes Jahr ein weiterer Roman von dem jungen Autoren erscheinen soll. Der zweite Autor ist Carlton Mellick III. Von ihm las ich “Die Kannibalen von Candyland” doch das Buch hat mich relativ kalt gelassen. Die erstaunlichste Neuentdeckung für den deutschen Markt ist Greg Gifune.

Sein Roman “Blutiges Frühjahr” erscheint noch in diesem Quartal. Mir dauerte das trotzdem zu lange und deshalb beschloss ich einen seiner Romane auf Englisch zu lesen. Die Wahl viel auf “Children of Chaos” und ich kann Festas Begeisterung uneingeschränkt nachvollziehen.

In “Children of Chaos” wird der erfolglose Schriftsteller Phil von seiner Vergangenheit eingeholt. Als Jugendlicher tötete er mit seinen zwei besten Freunden einen Mann. Die Nacht war dunkel und regennass und der Kerl redete irres Zeug und war beängstigend. Sie verdächtigten ihn ein Kindermörder zu sein. Der Mord war – irgendwie – eine Affekthandlung von seinem Freund, in die sich der Protagonist hineinziehen ließ.

Dreißig Jahre später träumt Phil immer noch von dem Regen und dem Schlamm im Wald und von dem toten Fremden, den sie damals vergruben und seine Habseligkeiten versteckten. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen beiden Freunden, dafür aber eine Tochter, eine Ex-Frau und ein Alkoholproblem. Mitten zwischen Ärger und Geldmangel wird er von der Mutter seines alten Freundes Martin kontaktiert und gebeten ihn zu suchen. Martin hat sich in der mexikanischen Wüste mit einer Gruppe von Anhängern verschanzt und verkündet den Weltuntergang. Auf dem Weg in die Wüste hört Phil viele Gerüchte, die nichts Gutes verheißen.

Greg Gifune wird wegen seiner melancholische Schreibweise gelobt. Es ist nicht der erste Begriff, der mir bei seinem Stil einfällt, dazu ist er zu intensiv; Melancholie verbinde ich eigentlich mit ruhigeren Tönen. Doch wie man es auch immer bezeichnen will, Gifune schafft es mit seiner emotionalen und dunklen Erzählweise, den Leser förmlich in die Geschichte zu saugen. Die dunkle Stimmung fließt von der ersten Seite aus dem treibenden Text und zieht den Leser in den Bann.

Nach dem Rückblick auf den Mord, den Phil und seine Freunde vor 30 Jahren begangen haben, folgt in Einblick in den Alltag des schlecht bezahlten Schriftstellers, als dieser erfährt, dass seine Tochter einen Autounfall hatte, und er im Krankenhaus seine Frau und ihren Freund trifft. Natürlich kommt es zum Streit. Für mich war dieser Einstieg fast schon zu intensiv. Der Leser wird ungebremst und ohne jede Vorbereitung in die Gefühlswelt und die Probleme von Phil geworfen, was die Szene trotz der Intensität fast zur Plattitüde machte.

Doch bald ist man in der Geschichte drin, und sie lässt einen nicht mehr los. Dabei passiert gar nicht so viel. Dennoch kann der Leser die schlechte Stimmung nachvollziehen unter der Phil nach Mexiko reist, um seinen Freund davon zu überzeugen, nicht mehr wahnsinnig zu sein – denn genau auf dieses eigentlich aussichtslose Unterfangen scheint es hinauszulaufen. Was Phil auf dem Hinweg alles erfährt und sieht, ist ebenfalls kein Grund, um Hoffnung zu schöpfen.

Der Klappentext sagt eigentlich schon zu viel über das Buch, deshalb will ich nicht auf alles eingehen, was dort steht. Aber auch wenn ich  den Eindruck hatte, dass es keine Überraschung geben dürfte, war ich am Ende bass erstaunt, als mir die kompletten Zusammenhänge bewusst wurden.

Gifunes intensive und, ja, auch melancholische Schreibweise reißt den Leser durch das Buch bis hin zum fulminanten Ende. Ich habe wahrhaftig an einer Stelle nur vom Lesen Platzangst bekommen; das soll Gifune mal jemand nachmachen. Es ist ein angsteinflößendes, rauschhaftes Buch, das mir einige herrliche Stunden beschert hat und ich möchte es jedem ans Herz legen, der Thriller mit einem Touch Übernatürlichen mag und dunkle Stimmungen liebt.

Ich bin schon sehr gespannt auf “Blutiges Frühjahr” und werde es mir sofort zulegen, wenn es erscheint.

Rezension: Eva Ebenhöh – Ritual (Lizajas Abenteuer 4)

[Roman und Abenteuer von Eva Ebenhöh, www.lizajasabenteuer.de, Sprache: Deutsch, Taschenbuch, 222 Seiten, € 14,90 (Buch), € 5 (PDF)]

„Ritual“ ist wie sein Vorgänger „Rache“ ein besondere Art Rollenspielveröffentlichung: Es ist Roman und Abenteuer in einem, präsentiert in Form eines Romans mit Text- und Kartenkästen, in denen die für das Abenteuer relevanten Informationen enthalten sind. Die Mischung funktioniert erstaunlich gut.

Man sollte sich an der Nummerierung nicht stören: „Ritual“ ist das zweite Buch der Reihe, obwohl es als Nummer 4 angekündigt ist. Es spielt zeitlich vor dem bereits erschienen Band „Rache“ und dieser wiederum zeitlich in der Mitte einer zehnteiligen Serie. Aus diesem Grund erhielt „Rache“ die Nummer 5 und das neue Buch „Ritual“, wie gesagt, die Nummer 4. Die Romane sind in sich abgeschlossen.

Die Nummerierung kann aber niemanden täuschen: Jeder, der beide Bücher kennt, wird merken, welches davon zuerst geschrieben wurde. War Autorin Eva Ebenhöh in ihrem Erstlingswerk noch zurückhaltend und vorsichtig im Umgang mit dem Medium Roman, ist sie in ihrem neuen Werk wesentlich mutiger geworden. Roman und Abenteuer sind komplexer, das Buch dicker. „Ritual“ ist besser.

Das albische Dorf Daraesfal ist in Gefahr. Leute sind verschwunden; Dämonen treiben ihr Unwesen. Irgendetwas ist mit dem Wald. Ob die Charaktere die Hintergründe des „Rituals“ aufdecken und das Schlimmste verhindern können, hängt von ihrem detektivischen Geschick ab. Genau wie die vierköpfige Abenteurergruppe des Romans werden sie in dem Dorf auf manche falsche Fährte treffen und verschiedene Gefahren bestehen.

Der Roman ist unterhaltsam und enthält alles, was man in einer Rollenspiel-Fantasygeschichte erwartet. Weil die Geschichte komplexer ist als „Rache“, wirkt der Roman erwachsener; die Bandbreite an Themen ist höher. Ich war ein weiteres Mal beeindruckt, wie gut der Roman geschrieben ist, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Hobbyprodukt handelt. Letzteres darf man aber auch nicht vergessen, denn Kitsch findet man genauso wie schwülstige Passagen oder das eine oder andere Klischee. Die Verhältnisse der Personen innerhalb der Protagonistengruppe fand ich, ehrlich gesagt, manchmal etwas anstrengend, und bisweilen braucht man eine Weile, bis man sich in einer Szene zurechtfindet. Aber das stört nur ab und zu die ansonsten interessante Geschichte. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, wenn Eva Ebenhöh aber weiter schreibt, kann man noch viel erwarten.

Die reine Abenteuerinformation ist wie bisher in Textkästen und Kästen mit Karten und Handouts über das gesamte Buch verteilt, was es diesmal nicht ganz so leicht macht, sich zurechtzufinden wie im letzten Roman. Beim Vorgängerwerk konnte man die Textkästen lesen und hatte alles Nötige für das Abenteuer zusammen. Diesmal verstecken sich die Zusammenhänge hinter vielen Seitenverweisen und das eine oder andere Detail muss man suchen oder aus dem Roman ziehen. Andererseits reichen eine Zeitleiste und ein paar Karten, Personenbeschreibungen und Hinweislisten für eine detektivische Geschichte für einen erfahrenen Spielleiter vollkommen aus. Das ist nun mal die Crux der Darstellungsweise dieser Roman-Abenteuer. Einerseits ist es schön, eine Karte dort zu finden, wo der Ort das erste Mal in der Geschichte erwähnt wird, andererseits wäre eine stringentere Ordnung übersichtlicher. Eine komplette Trennung der beiden „Teile“ des Buchs würde die Idee selbst in Frage stellen und ist somit nicht anzuraten.

Das ändert aber nichts daran, dass das Abenteuer gut ist – für meine einfache Seele vielleicht eine Spur zu komplex, aber ich bin auch kein Maßstab für detektivische Abenteuer. Man darf außerdem nicht vergessen, dass das scheinbare Durcheinander der Tatsache geschuldet ist, dass es kein „Railroad“ ist, wie man es vielleicht von einem auf einen Roman basierenden Abenteuer erwarten würde. Ich vermute, die Entwicklung war anders herum: Erst kam das Abenteuer, dann die Geschichte.

Alle Karten und Handouts sind nicht nur ausgesprochen hübsch von Eva Ebenhöh selbst gestaltet worden, sondern können auch komplett auf ihrer Webseite heruntergeladen werden. Die Karten gibt es sogar mit und ohne Beschriftung. Für Daraesfal findet man eine 12 Seiten lange PDF-Datei mit Beschreibungen. Nicht unerwähnt bleiben sollte außerdem, dass auch die Bebilderung von Eva selbst stammt – alles zusammen eine beachtliche Leistung, wie ich finde. Einziges Manko der vorbildlichen Produktion ist die Print-on-Demand-Technik. Das Cover wölbte sich bereits nach drei Tagen auf dem Nachttisch stark nach außen und lässt sich inzwischen kaum noch bändigen. An Papier und Bindung gibt es hingegen nichts auszusetzen.

Fazit: Midgardspieler bekommen ein ungewöhnliches und im Rahmen der Möglichkeiten hervorragend umgesetztes Produkt zu einem fairen Preis. Wie groß das Interesse an einem Roman-Abenteuer dieser Art außerhalb der Midgard-Szene ist, kann ich nur raten. Der Ort (Mittelalter-Britannien) und die Handlung (Dämonen und dunkle Beschwörungen gefährden ein Dorf) sind aber allgemeingültig genug, um jedem Rollenspieler zu gefallen, der Detektivabenteuer mag.

Rezension: Brett McBean – Die Mutter

Es ist interessant, wie sich Dinge immer wieder in Clustern organisieren. Im Urlaub hatte ich zu viel Sci-Fi und jetzt genieße ich bereits die dritte Geschichte, die aus Dutzenden verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Die erste war “Starfish Rules” von Tobias O. Meißner, und neben einem entsprechenden Hörbuch, worin ich derzeit noch drinstecke, habe ich gestern “Die Mutter” von Brett McBean beendet.

“Die Mutter” wird von Frank Festa mit einer dermaßen großen Euphorie angepriesen, dass ich neugierig wurde. Herr Festa hat ein gutes Händchen und trifft häufig meinen Geschmack in seinem kleinen Verlag. So eine ehrliche Begeisterung konnte ich nicht ignorieren, besonders weil ich eine Kurzgeschichte vom Australier McBean gelesen hatte, die mir sehr gefiel.

In “Die Mutter” trampt eine namenlose Frau über den wichtigsten Highway Australiens auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter. Sie hat ihren eigenen Namen inzwischen vergessen, nur den ihrer Tochter weiß sie noch, trägt ständig ein Foto von ihr bei sich und steigt zu fremden Männern ins Auto in der Hoffnung, dass es der Mörder ihrer Tochter sein könnte. Sie weiß nämlich etwas über ihn: Er trägt ein Tattoo am Arm, auf dem  “Stirb Mutter” steht.

Mit den Aussagen des Klappentextes ist eigentlich schon zu viel erzählt, denn die ersten Kapitel des Buches wären sicherlich noch etwas spannender, wenn der Leser diese Informationen nicht hätte. Auf der anderen Seite: Wie soll man den Roman sonst beschreiben?

Er ist aus der Sicht derjenigen erzählt, denen die Mutter auf ihrer Suche begegnet. Sie trifft Perverse, Männer auf der Suche nach Sex, einen hilfsbereiten Trucker, einen sterbenden alten Mann, ja sogar einen selbst ernannten Vampirjäger. Durch die Erzählweise wird das Buch eine Sammlung von Vignetten und Kurzgeschichten, die nach und nach ein Ganzes ergeben.

McBean schreibt sehr anschaulich und intensiv. Der Hinweis “ultraharter Thriller” auf dem Klappentext sollte durchaus ernst genommen werden, denn der Autor macht keine Kompromisse bei seinen Darstellungen von Gewalt oder Erniedrigung. Dabei bleibt es aber nicht bei Gewalt um der Gewalt willen; der Leser lernt auf seiner Reise durch das Buch viele interessante Menschen kennen, und am Ende ergeben auch die Kleinigkeiten einen Sinn, die zunächst unsinnig erscheinen. Der Schluss bietet vielleicht nicht die Art Showdown, die man in Romanen gewohnt ist, rundet das Buch aber in einer Weise ab, die es zu etwas wirklich Besonderem macht.

Man kann nur hoffen, dass Festa auch die anderen Romane von McBean (es sind inzwischen drei) übersetzt. “Die Mutter” war ein ungewöhnliches und sehr intensives Lesevergnügen (so lange man bei dieser Art Literatur überhaupt von Vergnügen sprechen kann), an das ich noch lange zurückdenken werde.